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Marburg „Medikamente sind kein Allheilmittel“
Marburg „Medikamente sind kein Allheilmittel“
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07:57 22.12.2020
Genesungsbegleiter Andreas Jung (links) und Psychiater Reinhard Naumann haben eine Gruppe für psychisch Kranke aufgebaut.
Genesungsbegleiter Andreas Jung (links) und Psychiater Reinhard Naumann haben eine Gruppe für psychisch Kranke aufgebaut. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Menschen mit einer psychischen Störung auf dem oft langen und hürdenreichen Weg in ein Leben ohne Psychopharmaka unterstützen – darauf zielt der Verein „Ex-In Hessen“ (Experienced Involvement) mit Sitz in Marburg ab und hat dazu eine Medikamentengruppe gegründet.

Alle zwei Wochen treffen sich Betroffene, um gemeinsam zu diskutieren, Rat und Halt unter Psychiatrieerfahrenen zu finden, mit sozialem Rückhalt der Gruppe ihre Medikamente langsam abzusetzen. Genesungsbegleiter des Vereins und Psychotherapeuten unterstützen dabei, parallel zu der weiter laufenden Psychotherapie.

Im Gegensatz zu früher tendiert der therapeutische Ansatz heute zunehmend in Richtung Reduktion, seit Jahren wird über Einsatz und Umfang von Medikamenten diskutiert – das war längst nicht immer so:

Etwa seit den 60er-Jahren wurden zunehmend mehr und gezielt Psychopharmaka entwickelt und produziert, für die dauerhafte Anwendung. Quasi als notwendiges Übel, trotz Nebenwirkungen. „Damals galt das Kredo, dass Medikamente ein Leben lang genommen werden müssen, einmal krank, immer krank – das stimmt nicht, Medikamente abzusetzen ist möglich, das geht nicht bei jedem, aber es geht“, berichtet Psychiater Reinhard Naumann.

Ein Leben unter Betäubung

Erst seit den 90er-Jahren setzte langsam ein neues Denken ein mit verstärkt psychotherapeutischem Ansatz. Es entstand eine bis heute anhaltende Debatte über das Für und Wider, ein Abwägen zwischen Nutzen und langfristigen Schäden von Psychopharmaka oder Antidepressiva, die „nicht mehr als Allheilmittel“ gelten. „Wir verteufeln Medikamente nicht, aber sie können nicht heilen, es gehen nur die Symptome weg, nicht die Krankheit“, sagt Naumann.

Erfahrungen dazu hat Ex-In-Vorsitzender Andreas Jung, der die Gruppe mit initiierte. Das Ziel: Aufklärung. „Es gibt eine Zeit, wo Medikamente sehr sinnvoll sind, aber auch eine, wo es möglich ist, sie wieder los zu werden und das muss man sich auch trauen“, sagt Jung.

Das beste Beispiel sei er selber – der Genesungsbegleiter war jahrelang psychisch erkrankt, nahm bis vor sieben Jahren Medikamente, geht offen damit um und verweist auf selber erlebte Einschränkungen im Alltag, auf ein Leben unter Betäubung: „Wer jahrelang vollgepulvert wird mit Medikamenten, der lebt wie ein Rentner“, sagt er. Er nennt das „Minus-Symptomatik“ – man habe „zwar keine Symptome, keine Wahnvorstellungen mehr, kann aber nichts mehr machen“.

Volkshochschule gab den Anstoß

Ein Spagat zwischen Einschränkung und der Sicherheit, die Medikamente geben können. Den zu schaffen und wieder zu sich selber zu finden, Rückschritte abzufedern, dabei will die Gruppe jenen helfen, die an Schizophrenie oder bipolarer Störung erkrankt sind. Das jedoch nicht als Alternative zur Therapie, sondern als „ein Versuch, das Thema anzusprechen und die Frage zu stellen, wie viel Autonomie kann ich haben?“.

Sowohl was eine gesteigerte Lebensqualität ohne Tabletten angeht, wie die Diskussion darüber, wie viel Mitbestimmungsrecht Erkrankte bei der Reduktion ihrer Medikamente haben sollten. Die etwa achtköpfige Gruppe entstand aus einer Veranstaltungsreihe der Volkshochschule heraus, wo deutlich wurde, wie groß der Bedarf an Aufklärung zum Thema ist, sagt Jung.

Das Format läuft nach dem Konzept der sogenannten „Recovery Colleges“, über das bereits Psychiatrieerfahrene Betroffene als Genesungsbegleiter auf dem Weg in ein selbst bestimmtes Leben unterstützen.

Treffen alle zwei Wochen

„Man sollte die Möglichkeit haben, unter fachlicher Betreuung langsam zu reduzieren, dabei aber nicht alleine bleiben – Medikamente abzusetzen ist Stress und das kann je nach Fall auch Jahre dauern.“ Für die Gründung der Gruppe erhielt der Verein 10.000 Euro von der Sparkasse Hessen-Thüringen als Spende, nachdem sich der Paritätische Wohlfahrtverband für eine Förderung eingesetzt hatte.

Die Gruppe trifft sich alle zwei Wochen, greift Corona-bedingt derzeit auf virtuelle Treffen zurück und hat sich zur Alltagshilfe weiterentwickelt: Themen aller Art werden offen angesprochen, auch mögliche Auswirkungen bei einer Reduzierung von Tabletten:

Etwa Sucht-Erscheinungen oder das Wiederaufkeimen von oft jahrelang chemisch gedämpften Emotionen, „mit den eigenen Gefühlen umzugehen muss man erst wieder lernen“, berichtet Jung. Etwa der manisch-depressive Kranke, der erkennt, dass er Glück empfinden kann, ohne eine manische Phase zu haben, „da hat man manchmal Angst vor der eigenen Courage“, ergänzt Naumann.

Weitere Informationen sind erhältlich per E-Mail: jung-marburg@web.de .

Von Ina Tannert

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