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Marburg Klassisches Fernsehen ist noch lebendig
Marburg Klassisches Fernsehen ist noch lebendig
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09:00 25.12.2019
Dreimal TV aus den Mediatheken abrufbar: Jan Böhmermann in „Neo Royale“, Desiree Nosbusch als Christel Le Blanc in Bad Banks (rechts) und Meike Droste als Carla Temme in „Frau Temme sucht das Glück“. Quelle: ARD / ZDF
Marburg

Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime Video und Co. zwingen die Fernsehsender zum Handeln – egal ob private oder öffentlich-rechtliche. Während viele das Ende des klassischen Fernsehens vorhersagen, meint der Marburger Medienwissenschaftler Professor Gerd Hallenberger, dass es für einen Abgesang noch zu früh ist.

Was vor 20 Jahren noch wie Science-Fiction klang, ist dank Mediatheken und Streamingdiensten längst Wirklichkeit: Fernsehen immer und überall. Jeder Zuschauer ist sein eigener Programmdirektor. Viele junge Leute besitzen gar kein Fernsehgerät mehr, sie schauen sich Filme auf Laptops und Tablets an. Ist dies der Anfang vom Ende des klassischen Fernsehens?

Ja und nein. Das sagt der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger, der den Begriff Fernsehen nicht mehr für zeitgemäß hält: Die Streamingdienste stünden für die Globalisierung des Mediums, weil sie auf der ganzen Welt funktionieren müssten, während die Eigenproduktionen des klassischen Fernsehens regional oder national ausgerichtet seien.

ARD, ZDF, RTL und Sat.1 seien die „Kaufhäuser des Fernsehens“, weil sie von Nachrichten über Sport bis zu Filmen und Shows alles zu bieten hätten, „während eine Boutique wie Netflix für hochwertige Serien steht“. Das Schicksal der Kaufhäuser ist bekannt, und wenn demnächst mit Disney die mächtigste Medienmarke der Welt ins Streaming-Geschäft einsteigt, dürfte sich die Entwicklung noch beschleunigen.

Neue Sehgewohnheiten haben sich etabliert

Trotzdem wäre es für einen Abgesang aufs Fernsehen zu früh: Die Sender können noch einige Jahrzehnte auf die Treue der Babyboomer aus den geburtenstarken Jahrgängen hoffen. Deren jüngste Vertreter sind heute zwischen 50 und 60.

Andererseits hat sich auch bei älteren Nutzern herumgesprochen, dass Streamingdienste Premiumware zu bieten haben. Die Sender haben auf die Entwicklung reagiert, das ZDF zum Beispiel mit dem Ableger Neo. Hier tummelte sich nicht nur lange Zeit Jan Böhmermann („Neo Magazine Royale“), hier zeigen die Mainzer auch eigenproduzierte Serien wie „Dead End“. ARD und ZDF stellen Serien wie „Bad Banks“ zum Sendestart komplett in die Mediathek.

Schon mittelfristig sollen die Mediatheken ähnlich wie Streamingdienste funktionieren. Die kommerziellen Sendergruppen RTL (TV Now) und Pro­SiebenSat.1 (Joyn) bieten längst exklusive Inhalte an. Die Frage, ob Netflix und Co. den Fernsehmarkt nachhaltig verändern, stellt sich gar nicht mehr.

Der Rückgang der klassischen Nutzung des Fernsehens zeigt, wie sehr sich die neuen Sehgewohnheiten etabliert haben. Die Großeltern haben in die Programmzeitschrift geschaut, um zu wissen was läuft. Die Nutzer von heute müssen nicht mal mehr nachdenken. Netflix und Amazon wissen genau, was die Nutzer sehen wollen. 14- bis 49-Jährige verbringen im Schnitt zwei Stunden mit linearem Fernsehen und eineinhalb Stunden mit Sendungen auf Abruf.

Mediatheken müssen sich der Entwicklung anpassen

Die etablierten Sender haben erkannt, dass sich ihre Mediatheken der Entwicklung anpassen müssen. Das gilt besonders für die beiden privatrechtlichen Senderfamilien. Junge Zielgruppen waren mal ihre Kernkompetenz, sie sind also stärker von der Entwicklung betroffen. Der Erfolg von „The Masked Singer“ im Sommer 2019 hat aber auch gezeigt, dass das alte Fernsehen noch ziemlich lebendig ist: Der Showknüller im Programm von Pro7 brach alle Rekorde.

Medienwissenschaftler Hallenberger glaubt, dass das klassische lineare Fernsehen noch eine ganze Weile bleibt. Existenzgarantien seien die Übertragungen von Sportereignissen – „weil die allermeisten Zuschauer solche Angebote live wahrnehmen“. Noch gebe es auch Marken, die am nächsten Tag Gesprächsthema seien, allen voran der „Tatort“.

Wettbewerbs- und Castingshows seien ebenfalls typisches Liveprogramm, weil man sonst nicht an der Abstimmung teilnehmen könne. Es ist kein Zufall, dass all diese Sendungen auch das Gros der jährlichen Top 50 ausmachen: Fußballspiele, „Tatort“, Shows.

Gegenüber Netflix und Co. punkten die Sender zudem mit einem Programm, das bei Kritikern verpönt, aber beim Publikum beliebt ist: Klassische Ratgebermagazine, wie sie die dritten Programme zuhauf anbieten, können und wollen sich die globalen Anbieter nicht leisten. Hallenbergers paradoxes Fazit: „Fernsehen wird gleichzeitig immer globaler und immer lokaler.“

von Tilmann F. Gangloff