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Marburg Kinder verlernen Langeweile
Marburg Kinder verlernen Langeweile
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12:58 02.05.2020
In der Alltagsrealität nutzen viele Erwachsene und Kinder digitale Geräte wie Smartphone, Tablet und PC zwischen vier und acht Stunden täglich – zusätzlich zur beruflichen oder schulischen Tätigkeit, sagt Dr. Christine Bär. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Dr. Christina Bär beschäftigt sich seit geraumer Zeit wissenschaftlich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf soziale Beziehungen und Lernen im Kindes- und Jugendalter. Bis zu vier Stunden täglich verbringen Kinder und Jugendliche an ihrem Smartphone. Jetzt kommt auch noch der Unterricht am PC oder Tablet hinzu. Dies kann fatale Auswirkungen haben, sagt sie. Die OP fragte nach.

Seit fünf Wochen werden die Schüler von Grundschule bis zur Sekundarstufe 2 online unterrichtet. Neben den normalen Aufgaben müssen sie sich auch Inhalte über Tutorials oder Programm erarbeiten. Ist das Fluch oder Segen?

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Insbesondere Schüler der Oberstufe beziehungsweise diejenigen, die gut selbstständig arbeiten können und in ihrer Freizeit analoge Tätigkeiten verfolgen, können ihren Stoff auf diese Weise weiter bearbeiten. Wichtig ist, dass die digitale Beschulung zeitlich begrenzt bleibt, da sie keinen Ersatz für die auch teilweise kritische Diskussion und persönliche Auseinandersetzung bieten kann.

Für jüngere Schüler bis etwa 14 Jahre und für Jugendliche, die ohnehin viel Zeit an den digitalen Geräten verbringen und sich schwer davon abgrenzen können, bedeutet die jetzige Zeit eine weitere Bindung an die Geräte. Die digitale Beschulung ist in keinem Fall ein Ersatz für die analoge Beschulung. Lernen findet in Beziehung statt und die Lehrer-Schüler-Beziehung und die Beziehung unter den Schülern ist die Basis für erfolgreiches Lernen und für eine gelingende sozial-emotionale Entwicklung der Schüler. Das hat die eine Studie weltweit längst bestätigt. Hinzu kommt, dass die soziale Spaltung sich durch die Krise, aber auch durch die zunehmende Digitalisierung, weiter verschärfen wird.

In „normalen“ Zeiten ist die Nutzung von Smartphone und Tablet auch so etwas wie Freizeitgestaltung. Im Moment gibt es ja nur eingeschränkte Möglichkeiten der Aktivitäten. Ist das gefährlich?

Zurzeit sehen sich Eltern extrem hohen Anforderungen ausgesetzt, die schulische Lücke zu füllen. Das können sie aber gar nicht. Sie können aber eine geordnete Tagesstruktur bieten, die für Kinder zum Lernen grundlegende Voraussetzung ist. Ich erlebe gerade selbst, dass das alles andere als einfach ist. In dieser Krisenzeit, wo Familien ohnehin viel Zeit miteinander verbringen müssen, besteht allerdings die Chance, diese mit den Kindern bewusst zu gestalten. Das herrliche Wetter bietet Gelegenheiten für tägliche Spaziergänge im Wald, Abenteuer in der Natur wie beispielsweise Hütten oder Staudämme bauen.

Jedoch besteht durch das Homeoffice die Gefahr, dass Eltern die Balance zwischen Arbeit, Haushalt und Freizeit noch weniger gestalten können, als das schon vor der Krise der Fall war. Durch eine klare Strukturierung des Tages mit Arbeitsphasen und vor allem Pausen und gemeinsamen Mahlzeiten, empfehle ich Familien diese einmalige Zeit zu nutzen. Dies kann auch bei der Haushaltsführung sein, die Kinder nun mehr miterleben und an der ein oder anderen Tätigkeit beteiligt werden können. Denn durch die vor den Krisenzeiten eng getakteten Terminpläne und das große zeitliche Ausmaß an außerhäuslicher Betreuung fehlt es vielen Kindern an praktischer Alltagskompetenz.

Die Kinder allein vor dem Tablet, Smartphone oder PC zu lassen, verhindert genau diese Chance der analogen Wiederbelebung familiärer Beziehungen. Online-Spiele, Filme und soziale Medien an den Geräten haben einen enormen Sucht-Charakter und viele schädigende Wirkungen auf die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung von Kindern.

Ab wann gilt die Nutzung von Smartphone und Tablet als krankhaft und vor allem, was können Eltern dagegen tun?

In der Alltagsrealität nutzen viele Erwachsene und Kinder digitale Geräte wie Smartphone, Tablet und PC zwischen vier und acht Stunden täglich (zusätzlich zur beruflichen oder schulischen Tätigkeit). Da dies zur Normalität geworden ist, bezeichnet kaum jemand diese intensive Nutzung als krankhaft. Die täglich über 100-fachen Unterbrechungen durch Ablenkungen auf dem Smartphone sowie die exzessive Bildschirmnutzung beruflich und privat haben aber auf Dauer eine stark gesundheitsbeeinträchtigende Wirkung, insbesondere auf Kinder.

Eltern sollten ihr eigenes Nutzungsverhalten prüfen. Wie viel Zeit an den Geräten verbringe ich, neben den beruflichen Verpflichtungen, für was? Ist die virtuelle Kommunikation im Alltag und auch an Feiertagen dominant, sodass die analoge Kommunikation im „Hier“ und „Jetzt“, vor allem mit den Kindern oder dem Partner, beeinträchtigt beziehungsweise ständig unterbrochen wird?

Eine leitende Frage für Eltern kann sein: Wie kann ich jetzt in der Krise reale Beziehungen mit den Kindern, dem Partner, der Nachbarin über dem Zaun, der Begegnung auf der Straße wiederbeleben, ohne ständig von digitalen Nachrichten unterbrochen zu werden?

Der zweite Pfeiler ist, dass ein internetfähiges Smartphone, Tablet oder PC nicht in Kinderhände, bis etwa 14 Jahre, ohne die Begleitung eines Erwachsenen gehört. Die analogen Erfahrungen und guten realen Beziehungen sind die beste Prävention gegen Mediensucht. Medienabstinenz in der Kindheit ist die zentrale Voraussetzung für Medienmündigkeit im Jugend- und Erwachsenenalter, wie die Medienpädagogin Professorin Paula Bleckmann und andere Forscher herausgefunden haben.

Welche Auswirkungen, emotional und motorisch, hat die Nutzung auf die Entwicklung der Kinder? Welche Defizite und Langzeitschäden können die Folge sein?

Auf der sozial-emotionalen Ebene gelingt es durch das flüchtige Wischen und Springen an den Geräten immer schwerer, dass Kinder zentrale Entwicklungsaufgaben wie Impulskontrolle, Aufschub von Bedürfnissen, Geduld und Durchhaltevermögen erwerben. Studien zeigen aber, dass die Entwicklung von Selbstkontrolle entscheidend ist, um in der Kindheit und später im Erwachsenenalter erfolgreich und glücklich zu sein. Das Sozialverhalten der Kinder wird durch die extreme Konkurrenz in den Spielen und die geringere Zeit für analoge Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen und Erwachsenen stark beeinträchtigt.

Zudem entsteht eine narzisstische Persönlichkeitsentwicklung. Die Selbstdarstellung in den Sozialen Medien und die ständig erneuerbaren virtuellen Identitäten verhindern die Entwicklung eines positiven Identitätsgefühls. Die stark wirkenden Bilder im Internet verhindern zudem den Aufbau von Phantasieentwicklung und Kreativität.

Auf der motorischen Ebene haben Adipositas, ADHS und weitere körperlich-seelische Erkrankungen in den letzten Jahren enorm zugenommen. Das Essverhalten vor dem PC ist beispielsweise für viele zur Gewohnheit geworden. Das von Kindern wie Erwachsenen praktizierte Multitasking, das mit dem Smartphone überall möglich geworden ist, verursacht schwerwiegende Konzentrationsschwierigkeiten und schädigt besonders bei Kindern das Gehirn.

Kognitiv schädigt die Bildschirmaktivität, vor allem von kabellosen Geräten, die Hirnreifung bei Kindern. Die Grundfertigkeiten wie Lesen, Rechnen, Schreiben werden bei immer mehr Kindern nur notdürftig ausgebildet. Eine Textkompetenz und vertieftes Lesen kann durch Lesen und Wischen am Bildschirm nicht erreicht werden. Körperlich hat die Strahlenbelastung durch Wlan feinstoffliche Auswirkungen auf verschiedene schwerwiegende Erkrankungen. Ganz abgesehen von orthopädischen Einschränkungen durch mangelnde Bewegung und der Beeinträchtigungen des Sehvermögens.

Zum Abschluss: Gibt es eine Angst vor Langeweile?

Eltern sollten keine Befürchtung haben, dass Kinder mit der freien Zeit nichts anfangen können. Langeweile ist der Motor aller Kreativität und ganz wichtig für die Phantasie- und Schaffenskraft der Kinder. Auch wenn eine Entwöhnung von Geräten Entzugserscheinungen mit sich bringt und die Eltern die dadurch freigesetzten Aggressionen vorübergehend aushalten müssen, so lohnt sich dieser Schritt in vielfacher Hinsicht.

Von Katja Peters

02.05.2020
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