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Marburg Grenzerfahrung für Schauspieler
Marburg Grenzerfahrung für Schauspieler
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15:05 19.03.2018
Nisse Kreysing und Sophie-Bo Heinkel spielen die Hauptrollen in der Waggonhallen-Produktion „Blackbird“, die aber im G-Werk zu sehen ist. Quelle: Hasret Sahin
Marburg

Regisseur Matze Schmidt und Hauptdarsteller Nisse Kreysing haben „Blackbird“ schon lange auf dem Schirm. Das Kammerspiel für eine Frau, einen Mann und einem Kind in einer kleinen Nebenrolle stammt aus der Feder des Schotten David Harrower. Der hat es 1995 für das Edinburgh-Festival geschrieben, wo es von Peter Stein uraufgeführt wurde. Schon bald danach war es am New Yorker Broadway zu sehen. Die New York Times sprach von „Theater in seiner elementarsten Form“.

Ray, 38 Jahre alt, verführt Una, 12 Jahre alt. Beide sprechen von Liebe. Er geht wegen Verführung einer Minderjährigen ins Gefängnis. Das ist die Ausgangslage des Stückes, doch die liegt 16 Jahre zurück. Ray lebt inzwischen unter anderem Namen, heißt jetzt Peter Trevelyan, hat eine Familie, ein Kind. Una sieht bei einem Zahnarztbesuch sein Foto in einer Zeitschrift und beschließt, ihn aufzusuchen. Denn anders als er hat sie sich kein neues Leben aufbauen können.

Täter und Opfer, Liebe und Missbrauch

„,Blackbird‘ ist ein bedrückendes, flirrendes und provokantes Theaterstück, in dem die Zuschauerperspektive auf Moral und Unmoral ständig verschwimmt“, sagen Regisseur Matze Schmidt und Hauptdarsteller Nisse Kreysing. Kreysing spielt Ray, Una wird verkörpert von Sophie-Bo Heinkel, die vor etwa 20 Jahren in Marburg in der Waggonhalle und bei Theater Gegenstand erste Theatererfahrungen gemacht hat und heute im Bonner und Kölner Raum Theater spielt. Der Kontakt sei nie verlorengegangen, sagt Kreysing. Immer, wenn sie sich getroffen hätten, habe man beschlossen: „Wir müssen mal was zusammen machen.“

Nun als „Blackbird“. Seit August vergangenen Jahres proben sie – aufgrund der Entfernung immer blockweise. Das Stück ist für beide eine heftige, fast eine Grenzerfahrung. Täter und Opfer, Liebe und Missbrauch, Moral und Verbrechen, all das verschwimmt immer wieder. „was ist das für ein Mensch“, fragt sich auch Nisse Kreysing angesichts seiner Figur Ray. Und Matze Schmidt stellt fest: „Ich habe selten bei einem Stück so oft mit den Schauspielern diskutiert.“ Ihre Schlagzeile in der Pressemitteilung lautet schließlich: „Er ist nicht nur ein Pädophiler, sie ist nicht nur ein Opfer.“ Aber ist das wirklich so? Fakt ist: Er hat sie missbraucht, sie will ihn stellen. Und was sieht das Publikum? Zwei gescheiterte Leben?
Nicht nur das Thema sei unbequem, auch die anhaltende Intensität, schrieb die New York Times.

Macher sprachen zur Vorbereitung mit Experten

Bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen hat niemand Geringeres als Hollywood-Superstar Cate Blanchett das Stück 2008 mit der Sydney Theatre Company auf die Bühne gebracht. Auch sie geht als Regisseurin Fragen nach: „War es Liebe, war es Missbrauch, war es beides und wo verläuft die Grenze?“, heißt es in einer Rezension des Portals Nachtkritik.de.

Längst hat das kontrovers diskutierte Kammerspiel Deutschland erreicht, wird an kleinen und großen Bühnen gespielt. Matze Schmidt, Nisse Kreysing und Sophie-Bo Heinkel haben sich intensiv mit dem Stück und seinem Thema auseinandergesetzt. Sie haben mit Organisationen wie Wildwasser gesprochen und sogar mit Forensikern, um sich dem Stoff anzunähern.

  • Premiere ist am Mittwoch, 21. März, um 20 Uhr im G-Werk auf den Afföllerwiesen. Weitere Aufführungen sind am 23., 24. und 25. März sowie im April und im Mai.

von Uwe Badouin