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Marburg Auf Stimmenfang für die AfD: Der enttäuschte Traditionalist
Marburg Auf Stimmenfang für die AfD: Der enttäuschte Traditionalist
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20:58 02.03.2021
Zum ersten Mal kandidiert die AfD in Marburg für das Stadtparlament. Matthias Pozzi (62) ist der Spitzenkandidat. Ein Porträt.
Zum ersten Mal kandidiert die AfD in Marburg für das Stadtparlament. Matthias Pozzi (62) ist der Spitzenkandidat. Ein Porträt. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Da stand er also, damals vor Jahrzehnten am Fenster eines Wilhelmstraßen-Hauses und sah, wie gegenüber ein Mann aus dem Gebäude floh, das zu der Zeit noch ein Gefängnis war. „Was aus dem Ausbrecher geworden ist, weiß ich nicht. Dafür war ich wohl zu jung“, sagt Matthias Pozzi.

Der Mann, der heute als Listenführer der AfD für das Marburger Stadtparlament antritt, weiß aber sehr wohl um den Wert von Erinnerungen. „Geschichte, Bräuche, Tradition – das ist mir wichtig und ich wünschte, das würde anderen auch wieder wichtiger, bewusster werden.“ Und auch in Marburg, in der Stadt zehntausender Studenten wieder lebendiger – so, wie das bis vor einigen Jahren mit dem Marktfrühschoppen noch war.

Erst Kohls „Ehrenwort“...

„Das Fest der Bürger mit den Studenten, die alte, traditionelle und so einmal im Jahr sichtbare, bewusst gemachte Verbindung“, schwärmt der studierte Wirtschaftswissenschaftler. Wobei, sagt Pozzi wehmütig, tot sei das „kürzeste Volksfest Deutschlands“ angesichts des „immer feindseligeren Klimas“ den in Marburg seit Jahrhunderten beheimateten Studentenverbindungen gegenüber schon lange vor dem offiziellen Veranstaltungsende gewesen. „Eine traurige Geschichte“, sagt er. Die „Stadt der Vielfalt und Toleranz“, von der stets die Rede sei – die wolle er mit seiner AfD „revitalisieren“.

Pozzi ist einer von den Marburgern, die einst CDU-Anhänger waren. Die für Helmut Kohl Wahlkampf machten, Reden von Franz-Josef Strauß feierten und sich für klassische konservative Werte, für eine entsprechende Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik einsetzten. Für den 63-Jährigen, der für die CDU auch mal einige Jahre im Stadtparlament aktiv war, sei nach einigen Enttäuschungen der letzte „herbe Schlag“ die Spendenaffäre von Ex-Kanzler Kohl gewesen.

... dann Merkels „Schleusenöffnung“

Dessen Haltung, sein Ehrenwort über das Gesetz zu stellen, habe ihn „erschüttert und erzürnt“, zum Parteiaustritt gebracht. Als dann im Jahr 2015, aber schon nach Einleitung des von Pozzi beklagten „endgültig eingeschlagenen Linkskurses“ der CDU Bundeskanzlerin Angela Merkel „die Schleusen öffnete“ – also eine Million Flüchtlinge nach Deutschland ließ –, habe er endgültig keine politische Heimat mehr gehabt. „Ich stand Jahre zuvor schon im Regen, aber an diesem Tag wurde mir der Schirm weggezogen“, sagt Pozzi.

Unterschlupf fand er bei der AfD, trat vor rund drei Jahren ein – und sieht sich inhaltlich am ehesten bei Alexander Gauland, der wie er eine CDU-Vergangenheit hat. Pozzi macht aber keinen Hehl daraus, dass er auch manchen Aussagen von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke etwas abgewinnen kann. „Er hat nicht mit allem Unrecht.“

Aufgewachsen im Südviertel

Groß geworden in den 1960er-, 70er-Jahren, also mitten drin im Wandel Marburgs von einer Nazi-Hochburg zur – maßgeblich auf dem Wirken von Professoren wie Wolfgang Abendroth fußenden – linksliberalen Mittelhessen-Metropole.

Der im Südviertel aufgewachsene Pozzi hat ein Faible für alte Autos, interessiert sich für Karossen aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. „Die Vergangenheit verklärt man ja schnell“, sagt er lachend und meint die Tatsache, das bei so manchen Autos ständig Teile kaputt waren, es gefühlt alle 1000 Kilometer einen Ölwechsel brauchte und man zeitlebens weit weniger glücklich mit den Modellen war, als man im Rückblick erinnert.

Marburgs Militärgeschichte nicht Opfer der „Cancel Culture“ werden lassen

Gilt das mit dem Verklären auch für das Krieger- oder Gefallenendenkmal der Marburger Jäger im Schüler-Park? Also jenem spätestens seit einem Gutachten der Geschichtswerkstatt stets kritisierten und mittlerweile künstlerisch eingezäunten Mahnmals nahe des Hauptbahnhofs? „Es geht nicht um das Heroisieren einiger Täter, es geht um das Gedenken an viele tausend Opfer“, sagt er, der vor seinem Betriebswirtschaftsstudium in Marburg Wehrdienst leistete und danach eigentlich eher einen losen Bezug zur Bundeswehr, zu Militär und Soldatentum hatte.

Später im Studium wurde sein Interesse geweckt, speziell wegen Marburgs Militärgeschichte, der Geschichte als Garnisonsstadt. „Man kann doch nicht so tun, als sei das nicht Teil der Identität dieser Stadt. Und schon gar nicht sollte man sie tilgen“, beklagt Pozzi eine in Marburg wie international zunehmend praktizierte „Cancel Culture“.

Pozzi: In Marburg herrscht ein „linksradikaler Geist“

Es herrsche in der Universitätsstadt nicht mehr ein linker, sondern eher ein linksradikaler Geist. Während SPD-Urgesteine wie Ex-Oberbürgermeister Hanno Drechsler noch die ganze Stadtgesellschaft zusammengehalten und sogar das „plötzlich ganz schlimme“ Jägerdenkmal besucht haben, sei später „eine Spaltung vorangetrieben“ worden. Bestätigt sieht er sich durch „Bedrohungen“ in einem aktuellen Flyer der Initiative„Stadt,Land,Volk“, der ihn und seine Kinder in die Nähe von Nazis rückt. „Dass auch noch meine Kinder in die Hetze reingezogen werden, macht mich sprachlos“, sagt er.

Pozzi sieht sich, auf Rang 1 der AfD-Liste stehend, an der Spitze der in Marburg „politisch Heimatlosen“ – so, wie er eben im 21. Jahrhundert lange einer war.

Von Björn Wisker