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Marburg Mathilda kämpft um ihr Leben
Marburg Mathilda kämpft um ihr Leben
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18:58 15.04.2019
Mathilda ist trotz ihrer schweren Erkrankung ein fröhliches Mädchen voller Lebensmut.  Quelle: Privatfoto
Marburg

„Mathilda braucht dich!“ steht in großen rosafarbenen Lettern auf einem Schild an der Supermarkt-Kasse des Rewe-Marktes in Fronhausen. Direkt darunter steht eine Spendenbox.

Mathilda ist ein fünfjähriges Mädchen – und eine Kämpferin. Sie leidet an einem Neuroblastom, der zweithäufigsten bösartigen Krebserkrankung im Kindesalter (siehe Hintergrund).

Mathildas Geschichte beginnt im Sommer 2017. Das eigentlich fröhliche, unternehmungslustige Mädchen leidet öfter an starken Bauchschmerzen, verliert an Gewicht und Lebensfreude. „Für Mathilda war eigentlich kein Baum zu hoch und keine Pfütze zu tief. Sie war ein herzliches und aufgeschlossenes Mädchen mit unfassbar viel Energie“, beschreibt Mutter Rebecca Schmidt ihre Tochter.

Das änderte sich kurz vor ­ihrem vierten Geburtstag. Die Eltern bringen das Kind mehrfach zum Kinderarzt und später in die Notaufnahme. Die Diagnosen reichen von Scharlach und Lungenentzündung über Verstopfung und Unterzuckerung bis hin zu Vermutungen, dass mit den Nieren etwas nicht in Ordnung sei. Bei einem ­Ultraschall entdeckt ein Mediziner plötzlich etwas in Mathildas Bauchraum, „was da nicht hingehört“.

Von da an geht alles ganz schnell: Mathilda wird in die pädiatrische Onkologie überwiesen und eingehend untersucht. Das Ergebnis versetzt die Eltern in Schockstarre: Neuroblastom, Stadium IV, Knochenmetastasen, leichter Befall des Knochenmarks und ein zehn Zentimeter großer Tumor im Bauchraum, zunächst inoperabel.

„Auf einmal waren wir unfreiwillige Hauptdarsteller in einem schier nicht enden wollenden Albtraum“, schildert Mathildas Mutter, die eine Zeit lang als Lehrerin an der Gesamtschule Niederwalgern gearbeitet hat, die Diagnose auf der Internetseite des „Teams Mathilda“.

Es folgen vier Blöcke Chemotherapie, eine Bauch-OP zur Entfernung des geschrumpften Tumors, zwei weitere Chemos und eine Therapie mit eigenen Stammzellen. Schließlich sind keine Tumorzellen mehr im Blut nachzuweisen. Ein erster kleiner Erfolg.

Die Familie fährt ins Disneyland Paris, erfüllt Mathildas sehnlichsten Wunsch, den Eiffelturm zu sehen und verbringt Zeit als Familie. Wieder zurück in der mittelhessischen Heimat geht die Therapie weiter: Mathilda bekommt Antikörper, um weiter in Remission zu bleiben.

Weihnachten feiert die Familie gemeinsam zu Hause, freut sich auf ein neues Jahr 2019. Im Januar bei den abschließenden Untersuchungen dann der erneute Schock: der Krebs ist zurück. Erneut muss die Fünfjährige operiert werden. Ein neues Behandlungsprotokoll startet, erneut gibt es Chemo.

Diesmal fünf Blöcke. Theoretisch könnte man Mathilda jetzt noch mit den Stammzellen eines Elternteils behandeln – wenn der kleine Körper diese annimmt. Und in der Phase, in der das Immunsystem ausgeschaltet wird, nicht an einem Virus erkrankt, was im schlimmsten Fall tödlich enden kann.

Die vielversprechendste Behandlungsmethode findet Mutter Rebecca Schmidt im Internet: In den USA und im spanischen Barcelona wird das Neuroblastom mit einem noch intensiveren Antikörper und ­einer anschließenden Impfung behandelt.

Das kindliche Immunsystem soll darauf sensibilisiert werden, die noch vorhandenen Tumorzellen zu erkennen und zu zerstören. „Wie könnten wir als Familie nicht versuchen, diese Therapie für unsere Tochter möglich zu machen?“, sagen sich die Eltern. Sie wollen nichts unversucht lassen, um das ­
Leben ihrer Tochter zu retten.

„Das darf nicht an einer Finanzierung scheitern, ist sich die ganze Familie einig. Die Aktion #teammathilda wird ins Leben gerufen, auf Facebook und Instagram veröffentlicht und Spenden gesammelt. Mindestens 200 000 Euro, eher 400  000 Euro sind für die Behandlung der Fünfjährigen nötig.

Einen Behandlungstermin in Barcelona bekommt Mathilda, sobald das Geld auf dem Konto der Klinik ist. Einige Prominente haben bereits gespendet, Nachbarskinder haben Geld gesammelt, Chöre Benefizkonzerte gegeben – und André und Manuel Kaiser haben eben Spendendosen aufgestellt. Nicht nur im Markt in Fronhausen, sondern auch am Richtsberg und in Dautphe.

„Die Welle der Anteilnahme ist schier überwältigend, das ist verrückt“, sagt Rebecca Schmidt ergriffen. Damit habe sie nie gerechnet: „Das rührt mich zu Tränen.“ Spätestens im Juni will die Familie nach Spanien reisen, dann ist die letzte Chemo für Mathilda abgeschlossen.

Neuroblastom

Das Neuroblastom ist die zweithäufigste bösartige Krebserkrankung im Kindesalter. Bundesweit erkranken laut Fördergesellschaft Kinderkrebs-Neuroblastom-Forschung jährlich rund 150 Kinder an dieser Art Tumor. Bei dieser Krebsart entarten Zellen des autonomen Nervensystems, das die unwillkürlichen Funktionen, wie Herz- und Kreislauf, Darm- und Blasentätigkeit, steuert. Erkannt wird das Neuroblastom in niederen Stadien fast nur zufällig. Meist wird es erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt – in diesem Stadium sterben heute noch sieben von zehn Kindern. Obwohl das Neuroblastom der am längsten bekannte Kinderkrebs ist, sind die Überlebenschancen trotz erheblichem Wissenszuwachs sehr gering.
Quelle: https://neuroblastoma.de     

von Katharina Kaufmann-Hirsch