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Marburg Masken als Zusatzhelfer
Marburg Masken als Zusatzhelfer
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09:58 25.03.2021
Trotz der Masken hat die Belastung durch Pollen zugenommen.
Trotz der Masken hat die Belastung durch Pollen zugenommen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Bei starkem Pollenflug kann das Tragen von Mund/Nasenschutz-Masken die Menge an eingeatmeten Pollen reduzieren. Die jetzt wichtigen Masken sind also nicht nur zu empfehlen, um mögliche Infektionswege von SARS-COV-2 einzudämmen. Darüber hinaus könnten sie auch die Allergiebelastung von Betroffenen reduzieren“, sagt der Marburger Allergieexperte und HNO-Mediziner Professor Oliver Pfaar auf Anfrage der OP. Doch als Allheilmittel im Kampf gegen den Heuschnupfen seien die Masken nicht zu gebrauchen. Denn die Pollen suchen sich auch ihren Weg in die Haare und Kleidung und in die Augenpartien.

Zumindest eine Entwarnung in Sachen „Allergie und Corona“ hat der Marburger Mediziner und Leiter der Sektion für Rhinologie und Allergologie an der HNO Klinik des Uni-Klinikum Marburg aber noch parat. „Es gibt keinen Nachweis, dass Allergie-Patienten ein höheres Risiko haben, sich mit Covid 19 zu infizieren oder dass sie schlimmere Verläufe haben“, berichtet Pfaar. Allerdings warnt er davor, jetzt auf eigene Faust die notwendige Therapie von allergischem Asthma oder Heuschnupfen ohne ärztliche Rücksprache umzustellen oder sogar abzusetzen. Bei einer schlechten medikamentösen Therapie dieser Erkrankungen könne beispielsweise eine Verschlechterung der Asthmakontrolle eintreten, was bei einer eventuellen Corona-Erkrankung dann den Verlauf negativ beeinflussen könnte.

Patienten, die gegen die Pollen von Hasel und Erle allergisch sind, haben bereits Anfang des Jahres Symptome gehabt. „Wie jedes Jahr erwarten wir jetzt im April bei steigenden Temperaturen wieder einen starken Anstieg von Birkenpollen in der Luft“, sagt Professor Pfaar. Und weil die Birken als Frühblüher in der Rangliste der acht häufigsten allergieauslösenden Pflanzen in Deutschland ganz oben stehen, ist der Start der „Birken-Saison“ auch regelmäßig dafür verantwortlich, dass viele der rund 20 Millionen Allergiepatienten Niesanfälle bekommen und dass ihre Augen jucken, tränen und sich röten. Und es auch wieder losgeht mit den lästigen Atembeschwerden.

Aus der Pflanzenwelt sind es allerdings längst nicht nur die Birken, die für Allergie-Ärger sorgen. Neben den Birken zählen auch noch Erle und Hasel sowie Süßgräser, Roggen, Beifuß und Ambrosia zu den acht allergologisch wichtigsten Pollen in Deutschland. Die Saison für die damit verbundenen Pollenflügen umfasst mittlerweile fast das ganze Jahr. Wie stark zwischen „gar nicht“, mittel und hoch jeweils die Belastungsintensität in einer Region sein wird, das ist auf acht deutschlandweiten Karten des Deutschen Wetterdienstes im zusammen mit der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst erstellten Pollenflug-Gefahrenindex (www.dwd.de/pollenflug) täglich neu online abrufbar. Der Index soll den Patienten helfen, entsprechende Medikamente schon prophylaktisch einzunehmen. Anfang der Woche war beispielsweise nur auf der „Erlen-Karte“ die Warnstufe „gering bis mittel“ verzeichnet, während alle anderen Pollen gar nicht aktiv waren. Das wird sich aber voraussichtlich in den kommenden zwei Wochen drastisch ändern. Übrigens wäre der verzögerte Beginn des Birkenpollenflugs in diesem Jahr ein Ereignis entgegen des Trends aus den vergangenen drei Jahrzehnten, wie Professor Pfaar erläutert. Denn laut einer Analyse von Pollenflugdaten, an der Pfaar beteiligt war, setzt der Flug von Hasel und Birkenpollen immer früher ein und in einzelnen deutschen Regionen war insgesamt eine steigende Pollenbelastung zu verzeichnen. Allerdings könne man daraus nicht folgern, dass die Menge an Birkenpollen in ganz Deutschland zugenommen habe. Laut Pfaar ist der aktuelle Pollenflug auch nur ein Indikator für die Ausprägung der allergischen Symptome von Betroffenen. „Entscheidend ist auch die Luftqualität. Kollegen aus München belegen, dass an Tagen mit mehr Feinstaub oder Stickoxiden bei gleicher Pollenmenge, die Pollen belastender werden als an Tagen mit guter Luftqualität“, so der Atemwegs-Experte und Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Imunologie. Und Professor Pfaar zeichnet ein durchaus dramatisches Bild der Folgen einer Volkskrankheit, die spätestens ab dem Frühlingsstart immer mehr auch jüngere Patienten im Griff habe. Besonders für die Schüler seien die mangelnde Konzentrationsfähigkeit und häufige Müdigkeit auch fatal. „Ich habe einige Kinder und Jugendliche in meiner Sprechstunde, die während der Hauptphase des Pollenflugs schlecht in der Schule mitkommen oder nur sehr eingeschränkt Sport machen können“, erklärt Pfaar. Und viele Jugendliche trauen sich in der Allergie-Saison nicht rauszugehen und fühlen sich ausgebremst.

Mittlerweile zähle die von den Pflanzenpollen verursachte Krankheit zu den häufigsten chronischen Erkrankungen. Eine Untersuchung zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland im Auftrag des Robert-Koch-Institutes habe im vergangenen Jahr sogar ergeben, dass potenziell mehr als die Hälfte der 13- bis 16-Jährigen das Risiko tragen, irgendwann eine allergische Erkrankung zu entwickeln. Umso wichtiger sei es, rechtzeitig gegenzusteuern und bei Allergie-Symptomen einen Allergologen oder Arzt mit einer allergologischen Zusatzausbildung aufzusuchen.

Zudem sei es nach einer Diagnose wichtig, eine optimale medikamentöse Therapie zu bekommen und eventuell eine Allergen-Immuntherapie (AIT) einzuleiten. Wenn eine solche Immuntherapie begonnen wird, dann können die Patienten mittelfristig auf eine deutliche Linderung der Symptome und einen verminderten Bedarf an antiallergischen Medikamenten hoffen, wenn nicht sogar auf eine dauerhafte Befreiung von der „Allergie“-Last. Allerdings dauern diese Therapien, bei denen Tropfen, Tabletten oder Spritzen zum Einsatz kommen, in der Regel drei Jahre. „Erste Effekte stellen sich aber bereits im ersten Jahr der Therapie ein, und diese erhöhen sich dann noch in den Folgejahren“, erklärt der Experte. Zudem sei es wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich hierdurch das Risiko für einen „Etagenwechsel“ – also die Entstehung von allergischem Asthma als Folge eines unbehandelten Heuschnupfens – reduzieren lasse.

Damit eine solche spezifische Allergie-Immuntherapie erfolgreich abläuft, haben Allergie-Forscher kostenfreie Apps entwickelt, die Hilfestellungen in diesem Prozess leisten und den Forschern auch mehr detaillierte Anhaltspunkte für Variabilität und Häufigkeit der Allergiebeschwerden sowie die Therapieeffekte geben sollen. An der Entwicklung der mit Hilfe von internationalen Kooperationen entwickelten Pollen-Apps „mask-air“ war Professor Pfaar als Deutschland-Koordinator beteiligt. Die Informationen zur App befinden sich unter der Web-Adresse „www.mask-air.com“. In dem Online-Tool geben die Patienten ihre Allergie-Symptome tageweise ein und beschreiben auch Zusatzbeschwerden. Dafür können sie dann auch jeweils ihren Allergie-Status in einem Ampel-System von Grün über Gelb bis Rot abfragen und dies dann dem Arzt vorlegen, um die Therapie evtl. noch zu optimieren.

Von Manfred Hitzeroth

Fünf Tipps für Allergie-Patienten

Jetzt geht’s los: Vor allem die Birkenpollen, die pünktlich zum Frühlingsstart wieder fliegen, sorgen bei Allergikern für große Probleme. Diese fünf Verhaltenstipps können dazu führen, dass die Patienten ihre Pollenbelastung deutlich reduzieren können.

TIPP NUMMER 1:

Während der Hauptflugzeit der Pollen empfiehlt es sich für die Patienten, den Aufenthalt und auch die körperliche Arbeit im Freien zu minimieren. So sollten sie beispielsweise Gartenarbeiten delegieren und sich tagsüber möglichst „indoor“ aufhalten.

TIPP NUMMER 2:

Wenn man sich schon in der Wohnung aufhält, dann sollte man allerdings auch dort alles für eine geringere Pollenbelastung unternehmen. Dazu können vor allem maßgeschneiderte Pollenschutzgitter an den Fenstern beitragen, die die Pollenlast reduzieren können. Aber auch regelmäßiges Putzen der Wohnung und eventuell das Entfernen von Teppichen in der Pollensaison könnte ratsam sein.

TIPP NUMMER 3:

Ein besonderes Augenmerk sollten die Allergie-Patienten auf den Schutz des Schlafzimmers verwenden, wo sie schließlich einen Großteil der Nacht verbringen. Die im Freien getragene und pollenbelastete Alltagskleidung sollten sie vor dem Schlafengehen im Flur oder einem anderen Zimmer ablegen. Zudem sollte im Schlafzimmer stoßweise gelüftet werden – und zwar vor allem wenn wenig Pollen fliegen, also meist spätabends oder nachts oder nach einem kräftigen Regenschauer.

TIPP NUMMER 4:

In Pandemie-Zeiten leichter gesagt als getan, aber jenseits von Reisesperren oder Urlaubsstopp ein Geheimtipp: In der Zeit der höchsten Belastung verreisen viele Allergiker in pollenfreie Regionen.
Das sind beispielsweise Meeresküsten, aber auch Orte in den Bergen ab einer Höhe von zwischen 1 200 und 1 500 Metern.

TIPP NUMMER 5:

Um die Pollen vom Körper wegzuspülen, gibt es vor allem zwei Tricks. So tragen Nasenspülungen, die Salzwasser enthalten, die Pollen und auch Sekret von den Schleimhäuten. Außerdem kann auch das abendliche Duschen und Haare waschen dazu beitragen

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