Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg "Mensa-Lady" geht in den Ruhestand
Marburg "Mensa-Lady" geht in den Ruhestand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 03.06.2019
„Die Studenten sind meine Kinder“, sagt Martine Jauernick. Heute sitzt die 65-jährige Französin das letzte Mal am Info-Punkt in der Marburger Mensa. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Sie selbst bezeichnet sich als „Info-Tussi“, andere nennen sie „Mensa-Lady“ oder „Mademoiselle Martine“. Nicht jeder, der in den vergangenen Jahrzehnten in Marburg studiert hat, kennt ihr Gesicht. Dafür aber wohl jeder ihre Stimme: Gemeint ist Martine Jauernick, Mitarbeiterin am Info-Punkt des Studentenwerks und hauptverantwortlich für die Durchsagen in der Mensa. Heute, Freitag 31. Mai, ertönt ihre Stimme ein letztes Mal in den Speisesälen am Erlenring.

Mit einem letzten „Mensa-Service bitte zur Info“ nimmt die Französin heute nach fast 30 Jahren beim Studentenwerk Abschied und tritt ihren Ruhestand an. Am Dienstag hat das Studentenwerk ein Video von Martine Jauernick bei Facebook hochgeladen. Die kurze Sequenz wurde etliche Male geteilt und kommentiert, insgesamt schauten sich mehr als 14.000 Menschen den kurzen Videoschnipsel an und dankten der 65-Jährigen für ihre Arbeit.

Am Mittwoch verabschiedeten sich viele Mitarbeiter, die heute nicht kommen können, bei Jauernick. „Hier sind alle am Heulen“, sagt Franziska Busch, Pressesprecherin des Marburger Studentenwerks. Kein Wunder, denn die französische Frohnatur hat das Studentenwerk in den vergangenen 30 Jahren geprägt wie nur wenige.

Martine Jauernick wächst als eines von drei Geschwistern im etwa 1.500 Einwohner großen Roissy-en-France in der Nähe von Paris auf. Dort, wo heute der internationale Flughafen Charles-de-Gaulle liegt, betrieben ihre Eltern ein Lebensmittelgeschäft. Nach ihrem Schulabschluss will Martine Biochemie studieren, entschließt sich dann aber 1971, zunächst für ein Jahr als Au-pair-Mädchen zu arbeiten.

"Das ist in meinem Elend eine schöne Erfahrung."

Ihre Eltern haben Bekannte in Schönstadt und Lohra, Martine landet schließlich in der Marbach: im Hotel Berggarten bei der Familie Jauernick. „Da hab ich mir den Juniorchef geschnappt“, sagt Martine schmunzelnd. Sie verliebt sich in Reinhold Jauernick, heiratet ihn und bekommt mit ihm ihre Kinder Maurice und Caroline.

Martine Jauernick studiert in Marburg Pharmazie, arbeitet danach aber wieder im Hotel. 1989 landet sie beim Studentenwerk, arbeitet ab dann abwechselnd im Bistro und im Café Leonardo. Das Hotel Berggarten hatten die Jauernicks da schon aufgegeben.

Zwei schlimme Schicksalsschläge bestimmen fortan Martine Jauernicks Leben: 1992 stirbt ihr Mann. Mit Ende 30 wird bei ihr zudem eine Stoffwechselkrankheit, ein Gendefekt diagnostiziert. Ihre Netzhaut stirbt nach und nach ab, Jauernick erblindet zunehmend. Heute sieht sie selbst nur noch „Schatten“, wie sie sagt.

Die Französin beißt sich durch, macht das Beste aus ihrer Situation. Als blinder Mensch urteile man anders über seine Mitmenschen. „Ich mache mir eine Meinung vom Wesen eines Menschen“, sagt sie. „Das ist in meinem Elend 
eine schöne Erfahrung.“

Mit schwindender Sehkraft ändert sich Jauernicks Arbeitsfeld. Im Jahr 2000 gründet sie mit der Geschäftsführung zusammen den ersten Info-Punkt eines Studentenwerks überhaupt, ist die Anlaufstelle für zahlreiche Studenten, die sich neu in Marburg zurechtfinden müssen. „Das Modell hat sich bewährt. Heute sind Info-Punkte in allen Studentenwerken Standard“, sagt Pressesprecherin Busch.

"Leute-Mensch" 
und "Zeit-Millionärin"

Für Jauernick ist die Arbeit damals neu, macht ihr aber großen Spaß. „Ich bin ein Leute-Mensch“, sagt sie. Der Kontakt mit den jungen Menschen belebt Jauernick, die neben Französisch und Deutsch auch Englisch spricht. Sie versucht, jedem 
Studenten bei jedem Problem zu helfen, egal ob es um die Suche nach dem nächsten Raum, einer Wohnung oder einem Hausarzt geht. „Die Studenten sind meine Kinder“, sagt sie. Und ihren Kindern will sie „den Rücken freihalten“.

Bei all dem Stress, den der Uni-Alltag mit sich bringe, findet es Jauernick wichtig, den Spaß nicht zu vergessen. „Die Studenten sollen in der Pause an etwas anderes denken“, sagt sie. „Das Studentenwerk ist ein Jugendhaus.“
Bei der Fußball-WM 2006 probiert Jauernick etwas Neues aus: Sie gibt die Ergebnisse durch und kommentiert die Spiele. Das kommt gut an. Fortan spricht sie in ihr Mikrofon, „wie mir der Schnabel gewachsen ist“.

Jauernick gratuliert zu Geburtstagen und kündigt Events an. Zwischendurch ertönt immer wieder das typische „Mensa-Service bitte zur Info“. Ihre charmante Art spricht sich herum. Als der Radiosender HR3 eine Sondersendung zum Élysée-Vertrag, dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag macht, moderiert Jauernick eine Stunde lang im Radio.

Ihre Arbeit, ihre Studenten, ihre Kollegen, „kurz gefasst, all den Trubel“, wird Jauernick in ihrem Ruhestand am meisten vermissen. „Ich bin jeden Tag gerne zur Arbeit gekommen“, sagt sie. Jauernick freut sich aber auch darauf, „Zeit-Millionärin“ zu werden.

Gut, dass es einen Menschen gibt, der schon darauf brennt, künftig mehr Zeit mit ihr verbringen zu können: Jauernicks fünfjährige Enkelin Emma. „Sie ist genauso verrückt wie ich“, sagt Martine Jauernick, „bei ihr kann ich Kind sein.“     

von Tobias Kunz