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Marburg Martina Reisewitz: Aus Ost-Berlin nach Marburg
Marburg Martina Reisewitz: Aus Ost-Berlin nach Marburg
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08:56 03.10.2020
Martina Reisewitz mit ihrer alten Schreibmaschine. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Martina Reisewitz spricht oft von „wir“ und „bei uns“, wenn sie über ihr Leben in der Deutschen Demokratischen Republik erzählt. Wenn das jemandem auffällt und die Frage im Raum steht, ob sie so etwas wie Nostalgie spürt bei der Erinnerung an die Jahre in Berlin-Köpenick, sagt die heute 64-Jährige ganz klar: „Nein, das ist abgeschlossen, das ist Vergangenheit.“

Die Vergangenheit beginnt für Martina Reisewitz am 16. November 1955. Der Vater ist Schlosser, die Mutter kaufmännische Angestellte. Beide arbeiten Vollzeit, Martina ist wie alle anderen DDR-Kinder im Hort:

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„Für uns Kinder ist viel getan worden damals, ich war schon ganz früh mit Gleichaltrigen zusammen.“ Viel später erst sollte sie am eigenen Leib erfahren, wie grundverschieden die Kinderbetreuung in der Bundesrepublik in der Wendezeit organisiert war.

Doch zurück nach Ost-Berlin, wo Martina Reisewitz nach der zehnten Klasse die Schule verließ und zur Facharbeiterin für Schreibtechnik ausgebildet wurde: „Noch auf mechanischen Schreibmaschinen und mit der Ausrichtung Steno – das kann ja heute gar keiner mehr.“ Neben Schule und Arbeit spielten für die Heranwachsende die Jungpioniere eine zentrale Rolle: „Das musste ja jeder machen, und ich habe das blaue Halstuch gern getragen – es war eine Gemeinschaft.“

Beste Freundin bei der Stasi

Das Leben in Ost-Berlin sei völlig anders als in ländlicheren Gegenden der DDR gewesen, erinnert sich Reisewitz. Wenn sie Verwandte besucht hätten, hätten sie denen immer „Spee-Waschmittel und Bananen“ mitgebracht: „In Berlin gab es das alles.“ Was es in der Hauptstadt nicht gab, war Wohnraum: „Da musste man kämpfen, wir haben lange zu viert in einer Einzimmerwohnung gelebt.“ Doch so beengt es war, es gab Arbeit – zum Beispiel im Kabelwerk Schönewalde.

Mit einer Kollegin fuhr Martina Reisewitz mehrfach beruflich bedingt zur Leipziger Messe. Dort traf sich die Welt, dort knüpften auch die beiden Sekretärinnen aus dem Kabelwerk viele Kontakte. Was Martina Reisewitz lange nicht wusste: Ihre Kollegin – damals eine ihrer besten Freundinnen – protokollierte im Dienst der Staatssicherheit jedes Treffen, jede Unterhaltung, jeden Satz: „Als ich das herausfand, war ich sowas von enttäuscht.“

„Neues Deutschland“

Eine weitere berufliche Station führte die Schreibkraft in die Redaktion des „Neuen Deutschland“ – ihr dortiger Vorgesetzter: Günter Schabowski. „Der war menschlich, den mochten viele“, erinnert sich die gebürtige Berlinerin an jenen Mann, der am Abend des 9. November 1989 als Sekretär für Informationswesen beim SED-Politbüro während einer Pressekonferenz erklärte, dass ab sofort Reisen ins westliche Ausland für DDR-Bürger erlaubt seien.

Die Szenen der Stunden und Tage danach gingen um die Welt, die Mauer war offen. „Als wir das von Schabowski gehört hatten, sind wir zur Warschauer Brücke gefahren und dann zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“, erinnert sich Martina Reisewitz an jene geschichtsträchtige Nacht und sagt: „Für mich ist der 9. November der eigentliche Feiertag, der 3. Oktober ist eher ein reiner Staatsakt.“

Alle waren schon weg

In jenen Tagen hatten viele ihrer Freunde längst versucht, über Ungarn in den Westen zu gelangen. Sie sei die einzige gewesen, die wegen ihrer Kinder noch geblieben war: „Die waren alle von einem Tag auf den anderen weg.“ Weg war dann jedoch auch ihr Job beim Amt für Standardisierung und Messwesen, und so reifte der Entschluss, Berlin gezwungenermaßen den Rücken zu kehren. Zunächst brach Reisewitz nur mit ihrer kleinen Tochter auf, ihr damaliger Mann blieb mit dem Rest der Familie, um die Wohnung aufzulösen und später nachzukommen.

Über persönliche Kontakte landete sie Anfang 1990 nach der Registrierung in der Gießener Erstaufnahme in Marburg-Bauerbach – bei Verwandten einer Freundin aus DDR-Tagen. Arbeiten konnte sie zunächst nicht, denn anders als ihre Eltern in den 1950er-Jahren konnte Martina Reisewitz ihre Tochter nicht in den Hort geben: „Damals gab es im Westen keine U3-Betreuung.“

Marburger Straße

Putzen gegangen sei sie erst einmal, bis man ihr eine Umschulung zur Bürokauffrau vermittelt habe: „Ich hatte Glück, zunächst stundenweise bei einem Versicherungsvertreter arbeiten zu können. Das hat mir Spaß gemacht“, erinnert sie sich an die erste, nicht einfache Zeit im Westen: „Aber ich bin anpassungsfähig und hatte nicht – wie viele meiner Freunde – geglaubt, dass einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen.“

Wie fällt die Bilanz eines deutsch-deutschen Lebens nach drei Jahrzehnten aus? „Der Westen, wie ich ihn kennenlernte, war in etwa so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe meinen Schritt nie bereut“, sagte Martina Reisewitz. Und dann fällt ihr noch ein Detail ein aus jener Nacht des 9. November 1989: „In der Nähe der Gedächtnis-Kirche stach mir ein Straßenschild ins Auge.“ Es war die Marburger Straße.

Den Artikel über Doris Pitz aus Schwarza in Thüringen, heute in Stadtallendorf, lesen Sie hier.

Von Carsten Beckmann

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