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Marburg Nachhilfe in den Ferien an der Schule
Marburg Nachhilfe in den Ferien an der Schule
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18:58 12.07.2020
Mathelehrer Andreas Turek unterrichtet trotz Ferien an der Martin-Luther-Schule. Quelle: Foto: Katja Peters
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Marburg

Anstatt an der Lahn oder im Freibad sitzen derzeit knapp 200 Schüler jeden Tag vier Stunden in den Klassenräumen der Martin-Luther-Schule. Es sind Mädchen und Jungen aus der Sekundarstufe 1, also aus den Klassen fünf bis zehn.

Oberstufenleiter Michael Pichl erarbeitete federführend das Konzept „Ferienkurse an der MLS“ und hatte innerhalb von zwei Stunden grünes Licht aus dem Ministerium in Wiesbaden. Insgesamt finden 32 Kurse statt, darunter allein elf Mathematik-Kurse.

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„Spätestens nach den Osterferien war klar, dass die Schere auseinander geht“, sagt Michael Pichl und meint damit den Unterschied zwischen den „normalen“ Schülern und denen, die auch in Zeiten vor Corona schon Hausaufgabenhilfe oder andere Nachhilfemöglichkeiten in Anspruch genommen haben. „Schüler mit Förderbedarf hatten während des Lockdowns noch viel mehr mit Schwierigkeiten zu kämpfen“, berichtet der Mathematiklehrer. Denn außer dem Unterricht per Arbeitsblätter, Videokonferenz und Telefonaten war keine weitere Unterstützung möglich. „Die Kinder, die keine Muttersprachler sind, sind zu Hause auf sich allein gestellt. Da gibt es keine Hilfe von den Eltern“, weiß Michael Pichl.

Deswegen die Idee mit dem Blockunterricht während der ersten vier Ferienwochen, zum nacharbeiten, nachfragen und üben. Nachdem die Information rausgegangen war, gab es über 200 Anmeldungen für die beiden Hauptfächer Mathematik und Deutsch sowie den drei Fremdsprachen Englisch, Französisch und Latein. Das sind etwa 20 Prozent alle Schüler.

Die Kinder durften entscheiden, welches Fach und welche Woche, die Fachlehrer gaben Empfehlungen und brieften die Kollegen, die die Kurse in den Ferien geben. Insgesamt sind 25 Personen vor Ort, darunter Lehrer, ehemalige und aktuelle Referendare sowie Studenten, die sowieso schon an der Schule aktiv sind, die die Kurse geben. Täglich vier Stunden, im wöchentlichen Wechsel.

Andreas Turek ist einer von ihnen. Der Mathematiklehrer ist schon seit zwölf Jahren an der Martin-Luther-Schule. Als die Idee aufkam, erklärte er sich sofort bereit. Für ihn als Klassenlehrer war es während des Lockdowns und auch danach vor allem wichtig, „die Schüler bei Laune zu halten. Das Klassengefühl virtuell aufrechtzuhalten, das ist wirklich schwierig. Zwischenmenschliches geht per Bildschirm einfach nicht“, hat der 46-Jährige festgestellt.

Viel Zeit hat er in die Kommunikation investiert, in das Vor- und Nachbereiten. „Alles, was sonst so schnell zwischendurch mal besprochen wird, dafür musste man sich auf einmal viel Zeit nehmen“, erklärt Andreas Turek, ehe er wieder zu den sieben Schülern der fünften Klasse geht und mit ihnen weiter die Division von Zahlen übt.

„Das ist hier nicht die Versammlung der Verlierer“, betont Michael Pichl noch einmal. „Im Gegenteil! Wir helfen den Kindern aus einer Situation, für die sie nichts können. Das ist eine Chance und keine Stigmatisierung.“

Denn mit dem Blockunterricht soll die Basis für das neue Schuljahr gelegt werden, das übrigens auch gerade vom Lehrerkollegium vorbereitet wird.

Während es für den Abiturjahrgang eine genaue Vorgabe vom Ministerium gibt, wie der Start nach den Sommerferien aussehen soll, muss für alle anderen Jahrgänge ein individueller Plan von der Schulleitung erstellt werden.

„Wir werden auf jeden Fall bis zu den Herbstferien viel Stoff aus dem Jahr davor wiederholen“, weiß Schulleiterin Wyrola Biedebach schon jetzt. „Es muss ja ein Fundament geschaffen werden, auf das die Schüler dann aufbauen können“, erklärt sie beim OP-Besuch.

Und Michael Pichl ergänzt: „Das E-Learning wird sicher nicht ganz verschwinden, das ist auch von uns nicht gewollt. Wir wollen es weiter perfektionieren und gerade für die Kinder aus Risikogruppen weiterhin nutzen. Denn die dürfen nach wie vor nicht in den Präsenzunterricht.“

Von Katja Peters

12.07.2020
12.07.2020