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Marburg Simulation fällt aus wegen Realität
Marburg Simulation fällt aus wegen Realität
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12:00 10.09.2020
Schüler versuchten 2014 sich als Pandemie-Forscher bei der Marphili Simulation im Virologie-Labor auf den Lahnbergen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Im Jahr 2030 bricht eine neuartige Virus-Erkrankung in Südostasien, – genauer gesagt, auf den Philippinen – aus. Die Symptome sind grippeähnlich mit Fieber, Husten sowie Muskel- und Gliederschmerzen. Es kommen auch schwere Verläufe mit Lungenentzündungen vor, die in ein akutes respiratorisches Syndrom und schließlich einem Multiorganversagen münden. Zum Zeitpunkt der Simulation sind etwa 1400 diagnostizierte Fälle bekannt, knapp 1000 Patienten sind verstorben, was einer Letalität von 70 Prozent entspricht. Wegen dieser hohen Sterblichkeitsrate wird der Ausbruch auch in der deutschen Öffentlichkeit sehr aufmerksam verfolgt und macht in der Presse Schlagzeilen wie “Neues Supervirus aus Asien”. Somit wächst in Deutschland die Unsicherheit in der Bevölkerung bezüglich der potenziellen Gefahr einer Epidemie mit dem neuen Marphili-Virus.

Im Labor werden Patientenproben untersucht

Aktuellen Anlass zur Sorge zum Zeitpunkt der Simulation bietet eine vierköpfige Familie, die nach sechsmonatigem Aufenthalt auf den Philippinen am Frankfurter Flughafen gelandet ist. Der Vater zeigt grippeähnliche Symptome und sein gesundheitlicher Zustand hat sich während des Fluges erheblich verschlechtert. Die betroffene Familie wird auf der Sonder-Isolierstation in Frankfurt in Quarantäne genommen und der Vater ist in Behandlung. Blutproben der Familienmitglieder werden zur Diagnostik an das Institut für Virologie in Marburg gesendet, um die Frage zu klären, ob die Familie tatsächlich an dem Marphili-Virus erkrankt ist und damit das neue Virus Deutschland erreicht hat. Dies ist der Zeitpunkt, an dem die „Marphili“-Simulation startet. In der Simulation werden beispielsweise im Labor auf den Lahnbergen die Patientenproben untersucht, um zu ermitteln, ob und welche Familienmitglieder akut mit dem Virus infiziert sind oder möglicherweise schon auf den Philippinen eine Infektion überstanden haben. Weiterhin werden Substanzen oder Methoden getestet, die das Virus inaktivieren könnten. Zum Abschluss des Projektes geben die Teilnehmer jeweils eine Pressekonferenz, bei der die Ergebnisse der Virus-Diagnostik verkündet werden und die Öffentlichkeit informiert wird. Das Besondere daran: Bei der Pressekonferenz waren bisher üblicherweise auch Journalisten der „Oberhessischen Presse“ anwesend.

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Soweit die Ausgangssituation in der Simulation, die am Marburger Institut für Virologie entwickelt wurde und seit einigen Jahren zusammen mit Marburger Schülern durchgespielt wurde. Sie erfreute sich vor allem bei naturwissenschaftlich interessierten Schülern wegen der großen Praxisbezogenheit außerordentlicher Beliebtheit.

Die Ähnlichkeiten zur aktuellen Corona-Pandemie in der Krisenbeschreibung im Simulationsprojekt sind augenscheinlich, auch wenn der Ausgangspunkt für Corona in China lag und das Ausmaß sich als noch deutlich umfassender erwiesen hat. „Wir sind nahe an der Wirklichkeit gewesen“, erläutert Professor Stephan Becker, Leiter des Marburger Institutes. Aber klar ist: In diesem Sommer hat die Realität die Zukunfts-Simulation eindeutig überholt.

Keine Lehrveranstaltungen in der Virologie

Und wegen der Corona-Pandemie konnte die „Marphili“-Simulation in diesem Jahr nicht wie sonst im August als Projekt stattfinden: Momentan sind am Virologie-Institut keine Lehrveranstaltungen in Präsenz möglich. Unabhängig davon müsse das Grundkonzept, das hinter Marphili steht, im Lichte der Corona-Pandemie ebenfalls überarbeitet werden, sagte Professor Becker auf OP-Anfrage.

Denn schließlich haben die Auswirkungen von Corona seit fast einem halben Jahr nicht nur Deutschland, sondern auch fast den ganzen Rest des Erdballs mehr im Griff, als auch die pessimistischsten Zukunfts-Forscher es sich hätten träumen lassen. „Es wird also ein neues Narrativ geben müssen“, macht Becker deutlich. „Wir wollen auf jeden Fall weitermachen.“

Für die Ausarbeitung eines solchen Konzeptes habe aber derzeit das gesamte Virologie-Team noch keine Zeit gehabt. Denn Corona beherrscht beispielsweise bei der Entwicklung von potenziellen Impfstoffen derzeit den gesamten Instituts-Alltag der Forscher.

Klar sei aber wohl, dass die Idee für eine Pandemie-Simulation weiter sinnvoll sei. Denn es werde wohl auch in einer Post-Corona-Zeit neue Epidemien geben, erklärt der Marburger Virologe. Das Ziel der „Marphili“-Simulation sei es unter anderem, möglichst anschaulich zu zeigen, welche Veränderungen für den Alltag eine Pandemie mit sich bringe. Zudem sollen junge Menschen neugierig gemacht werden auf die Virologie – die wissenschaftliche Beschäftigung mit Viren. Noch ist nicht klar, inwieweit die weltweite Aufmerksamkeit auf das Corona-Thema den Beruf des Virologen für Schüler attraktiver macht oder nicht. „Ich könnte mir vorstellen, dass einige das interessant finden, weil auch der Beruf stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird“, sagt Becker.

In Zukunft wächst der Bedarf an Virologen

Allerdings gebe es ein Problem: Man könne nicht einfach Virologie studieren, sondern der Fachausbildung sei meist ein Studium in Medizin oder Biologie vorgeschaltet, bevor dann die Spezialisierung beginne. Dabei wird es in Zukunft nach Angaben des Marburger Virologen durchaus einen großen Bedarf an Ärzten geben, die Virologen werden wollen.

Zwar sei der Erfolg der „Marphili“-Simulation in Hinblick auf die Berufsausbildung nicht direkt quantifizierbar, wie Becker berichtet. Jedoch weiß er, dass seit dem ersten Durchgang im Jahr 2014 bereits einige aufgrund der Teilnahme an der Simulation ein einschlägiges Studium begonnen haben und jetzt schon vor dem Abschluss stehen. Und mittlerweile gibt es nach dem guten Erfolg des Schüler-Projektes auch leicht modifizierte Simulationen für Studierende, die an den anderen Kenntnisstand von Bachelor- oder Masterstudenten angepasst sind.

von Manfred Hitzeroth