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Marburg "Südviertel-Urgestein" geht in Rente
Marburg "Südviertel-Urgestein" geht in Rente
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00:15 02.07.2019
So kennen die Kunden Marlies Georg, die seit 28 Jahren hinter der Theke ihres Schreibwarengeschäfts in der Frankfurter Straße steht und immer ein offenes Ohr für die Bewohner des Südviertels hat. Am Samstag hat sie zum letzten Mal geöffnet. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Zwischen Zeitungen und Zeitschriften, Stapeln von Papier und Kalendern, füllen Büroartikel, Kleinigkeiten, Mitbringsel aller Art die Regale des kleinen Schreibwarengeschäfts im Südviertel. Ein paar bunte­ Tassen, ein Sparschwein, daneben jede Menge Lotto-Lose. Mittendrin steht Marlies Georg hinter der Kasse, an einen gepolsterten Hocker gelehnt, ein leichtes Lächeln im Gesicht.

Dieses Bild kennen ihre Stammkunden im Südviertel bestens, sehen es jeden Tag beim Kauf der morgendlichen Zeitung oder bei einem kleinen Schnack über die Verkaufstheke hinweg. Und dort steht sie bereits seit 28 Jahren, war Anlaufstelle für unzählige Kunden. Ab nächster Woche ist sie Rentnerin, Samstag ist ihr letzter Verkaufstag.

Ansprechpartnerin für alle Problemlagen

„Das ist ein großer Schritt für mich und wird traurig werden, ich werde das hier vermissen“, sagt sie. Nicht nur den ­eigenen Laden, sondern vor ­
allem die Menschen. Für viele­ ­ihrer Stammkunden ist sie ebenso Ansprechpartnerin mit einem offenen Ohr für alle Problemlagen. Sie weiß ganz genau, was im Viertel so passiert, welche Themen gerade die Runde machen.

„Die Leute erzählen mir alles, früher noch mehr als heute, persönliche Geschichten­ oder wer geheiratet hat, ob sie im Lotto gewonnen haben.“ Auch Kummer und Ärger wird bei ihr abgeladen, sie gehe souverän damit um, gibt vielleicht mal einen Tipp, hört aber vor ­allem zu. „Es ist wichtig, dass die Menschen eine Ansprache haben, das gehörte mit zum ­Laden dazu“, sagt sie.

Das wissen viele zu schätzen: Sie ist „ein Südviertel-Urgestein – Frau Georg hat immer Rat und ihre ‚offene Sprechstunde‘ geht von neun bis 18 Uhr“, erzählt ­einer ihrer langjährigen Stammkunden. Davon gibt und gab es viele. Darunter auch bekannte­ Persönlichkeiten der Stadt, ­früher etwa der verstorbene Dr. Reinfried Pohl mit seiner Ehefrau Anneliese Pohl. „Beide waren damals jeden Samstag auf dem Markt und kamen in den Laden rüber, das war mein prominentester Kunde“, erinnert sie sich lachend.

Ein junger Mann vom Restaurant nebenan kommt herein, ­eine dampfende Teetasse in der Hand. Die wird auf der Theke abgestellt, er schnappt sich fix eine Zeitung und ist schon wieder weg. Für die Zeitung zahlt er, der Tee für die Nachbarin ist umsonst. „Wir haben eine gute Nachbarschaft hier“, sagt Marlies Georg mit einem Lächeln.

"Ich lasse das mal auf mich ­zukommen"

Sie stammt gebürtig aus Frankfurt/Main – wie ist sie ­
eigentlich in Marburg gelandet? „Durch die Ehe“, erzählt sie lächelnd. Sie lebt mit ihrem Mann im Südviertel, kam vor mehr als 40 Jahren her. Ihr Sohn brachte sie auf die Idee mit einem eigenen Laden: Der Student kaufte häufig im Geschäft ihrer Vorgängerin ein – schon damals ein Schreibwarenladen.

Als die einen Nachfolger suchte, schlug der Sohn seine Mutter vor. „Ich habe auf ihn gehört und seitdem bin ich hier“, sagt Marlies Georg bescheiden. Erfahrungen mit der Leitung eines Geschäfts hatte sie als Filialleiterin des ehemaligen Geschäfts Blusen-Köhler in der Oberstadt bereits.

Den Branchenwechsel habe sie aber „nie bereut, das ist eine gute ­
Lage hier und bis heute habe ich viele nette Stammkunden“. Mit denen habe sie in all den Jahren nur gute Erfahrungen gemacht, „es war nie ein ‚Meckerer‘ dabei“, erzählt sie lachend.

Ab nächster Woche ist sie in Rente, der Mietvertrag ist gekündigt, für das Geschäft gibt es schon einen Nachfolger. Und was plant sie im Ruhestand? „Erst einmal werde ich das Ausschlafen genießen“, sagt sie mit einem Grinsen. Und vielleicht reisen, die Ruhe genießen – „ich lasse das mal auf mich ­zukommen“.     

von Ina Tannert