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Marburg Mariele Diehl ist die jüngste Kandidatin aller Zeiten
Marburg Mariele Diehl ist die jüngste Kandidatin aller Zeiten
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11:58 10.02.2021
Mariele Diehl tritt für die Klimaliste an.
Mariele Diehl tritt für die Klimaliste an. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Die Rede ist von Mariele Diehl. Sie kommt aus der „AktivistInnen-Szene“ und tritt für die Klimaliste an. 90 Minuten hat sich die OP mit ihr getroffen für ein persönliches Porträt. Doch wohin in Corona-Zeiten, in denen alle Cafés im Lockdown sind? Wir treffen uns in der Elisabethkirche, steingewordenes Symbol einer Heiligen, die ebenfalls in jungen Jahren die Welt verändern wollte. Die Kirche ist offen, es ist warm, man kann plaudern über die Klimaliste, den Klimawandel, über Gerechtigkeit, Bildung, über Hoffnungen und Ziele.

„Vorne steuert jemand wie Trump auf eine Klippe zu“

Was bewegt Mariele Diehl? Es ist in erster Linie Sorge um unsere (Um)-Welt, an der die Menschheit aus ihrer Sicht seit Jahrzehnten Raubbau betreibt. Und damit steht sie nicht alleine, wie die junge Schwedin Greta Thunberg und die Fridays for Future-Proteste zeigen. Es sind derzeit vor allem junge Menschen, die aufbegehren gegen den Raubbau an der Natur. „An der Art, wie wir leben, wie wir konsumieren – daran stimmt etwas nicht“, sagt sie.

„Ich habe mich lange ohnmächtig gefühlt, so als würde ich hinten festgeschnallt in einem Auto sitzen und vorne steuert jemand wie Donald Trump ungebremst auf eine Klippe zu.“ Dann kam eine junge Schwedin namens Greta Thunberg. „Sie hat mich bewegt. Ich hätte vorher nie gedacht, dass jemand wie Greta etwas ändern kann.“ Der Glaube an unbegrenztes Wachstum sei eine absurde Utopie, sagt die Kandidatin.

Mariele Diehl ist in Essen aufgewachsen, „in einer Großstadt im Ruhrgebiet, umgeben von Großstädten“. Die Mutter ist Ärztin, der Vater Psychologe. Sie hat eine zwei Jahre jüngere Schwester. Es werde viel diskutiert in ihrer Familie – über Wissenschaft, über Natur, über Politik.

„Marburg hat mich positiv verändert“

Nach dem Abitur wollte sie raus aus Essen, in einer richtigen Universitätsstadt leben und „nicht an eine dieser Campus-Universitäten des Ruhrgebiets pilgern“. Die Wahl fiel auf Marburg. „Ich würde wirklich sagen: Marburg hat mich verändert“, sagt sie. Positiv verändert. In der Schule sei sie eher eine Außenseiterin gewesen. In Marburg änderte sich dies. Ihr Eindruck von der alten Stadt an der Lahn: „Die Menschen sind sehr offen, ich fühlte mich gleich aufgenommen.“ Sie schätzt die „intellektuelle Diskussionskultur“ und ergänzt: „Es gibt so viele Gruppen, so viele Kulturzentren. Ich konnte mich in ganz viele Richtungen entfalten.“

Mariele Diehl ist keine Partygängerin. Das sei ihr alles zu laut, sie habe Probleme mit lauten Geräuschkulissen, sagt sie. Deshalb trägt sie stets auch einen Kopfhörer mit sich – nicht nur, um Musik zu hören, sondern vor allem um den Lärm dieser Welt zu filtern.

Sie lebt seit 2018 in Marburg, hatte Glück mit dem Start. Corona und damit verbunden die Lockdowns mit Distanzlehre an der Universität waren noch fern. Die 20-Jährige hat sich in Marburg politisch engagiert in der Klimapolitik.

„Ich habe auch mal bei den Grünen vorbeigeschaut, doch die Strukturen waren mir schon zu fest. Mir fehlte der Funke“, sagt sie im Gespräch. „Die Grünen haben vieles richtig gemacht, auch die SPD hat die Klimapolitik entdeckt. Aber das muss auch umgesetzt werden, und zwar jetzt.“

Den politischen Funken hat sie bei Initiativen wie Marburg Zero und bei der noch jungen Klimaliste gefunden. „Bei der BürgerInnenbeteiligung etwa sind viele super gute Ideen angeregt worden. Viele davon sind aber gar nicht in den Klimaaktionsplan aufgenommen und angegangen worden. Doch wir haben keine Zeit mehr“, sagt sie. „Bis 2030 klimaneutral zu sein, das ist ein gigantisches Unterfangen.

„Die Verkehrswende muss angegangen werden“

Die Verkehrswende muss angegangen werden.“ Der öffentliche Nahverkehr in der Stadt und vor allem ins Marburger Umland müsse dringend ausgebaut und gestärkt werden. Die Stadt müsse eine solidarische Landwirtschaft unterstützen, die die Böden nicht auslauge. Die energetische Sanierung von Gebäuden müsse vorangetrieben werden. „Nachhaltigkeit ist kein monothematisches Thema“, meint sie.

„Wir müssen die Kinder vorbereiten auf das, was auf sie zukommt: den Klimawandel und die Digitalisierung. Wir wissen nicht, wie die Welt in 80 Jahren aussieht, aber die heutigen Kinder und deren Kinder werden damit leben müssen.“ Geht es nach ihr, sollen sie dann auch noch in einer Welt leben können, die nicht zerstört ist.

Geprägt wurde sie auch durch einen Auslandsaufenthalt. Als Jugendliche hat sie drei Monate lang als Austauschschülerin bei einer Familie aus dem Volk der Oshiwambo in Namibia gelebt. „Es war eine beeindruckende Erfahrung“, sagt sie. Sie erinnert sich an eine Hochzeit. „Gefeiert wurde drei Tage lang und man durfte in dieser Zeit nicht schlafen. Zur Feier wurde eine ganze Ziegenherde geschlachtet.“ Sie aber war damals schon Vegetarierin, inzwischen lebt sie vegan.

„Wollten nicht wieder einen älteren Mann aufstellen“

Aktuell verbringt die 20-Jährige viel Zeit in vielen politischen Gruppierungen, meist sind es sogenannte Graswurzelbewegungen. Sie schätzt die Leidenschaft, mit der dort über die Zukunft diskutiert wird. Gefühlt sei sie fast jeden Abend auf einem Plenum. Derzeit stets online. Da bleibt ihr für ihre Hobbys wenig Zeit. Seit 2010 spielt sie Harfe – „mein halbes Leben“, sagt sie und lacht. Und sie schreibt Songs und Prosa und tritt als Singer-Songwriterin mit ihrer Harfe auf. Ein weiterer Traum von ihr: „Ich möchte Schriftstellerin werden.“

Im Moment bleibt dafür kaum Zeit. Sie ist die jüngste OB-Kandidatin, die jemals in Marburg gegen arrivierte Politikerinnen und Politiker angetreten ist. Warum tritt sie an?: „Wir haben bei der Klimaliste lange diskutiert. Es ist eine strategische Entscheidung, weil wir so unsere Anliegen anbringen können. Und wir wollten nicht wieder einen älteren Mann aufstellen. Es macht viel Arbeit, aber ich stehe nicht alleine.“

Von Uwe Badouin

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09.02.2021
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