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Marburg Bestandsschutz für Mini-Schulen
Marburg Bestandsschutz für Mini-Schulen
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11:58 28.11.2019
Die Grundschule in Mellnau ist eine Zweigschule der Burgwaldschule in Wetter.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Der Rechnungshof­ hat verschiedene hessische Landkreise miteinander verglichen. Insgesamt hat Marburg-Biedenkopf darin gut abgeschnitten. Allerdings haben die Prüfer festgestellt, dass – bezogen auf das Schuljahr 2017/18 – 17 Schulen nicht ausgelastet sind. Festgestellt wurde das anhand der Fläche je Schüler. Die lag bei jenen Schulen mindestens 50 Prozent über dem Mittelwert.

„Die Überörtliche Prüfung empfiehlt, die geringe Auslastung der Schulen bei der Fortschreibung des Schulentwicklungsplans im Hinblick auf die Bedarfsmessung zu prüfen“, heißt es in strengem Behördendeutsch. Soll heißen: Nicht ausgelastete Schulen sind aus Sicht des Rechnungshofs möglicherweise verzichtbar, könnten ­geschlossen werden.

Eine verbindliche Wirkung ­haben diese Aussagen allerdings nicht, der Kreis ist an die Empfehlungen des Rechnungshofs nicht gebunden. Für den Schulentwicklungsplan hat der 
 Bericht deshalb keine Rolle ­gespielt, alle aufgeführten Schulen bestehen weiterhin. „Die Zahlen haben uns überhaupt nicht überrascht“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) über den Bericht. Ganz bewusst habe der Landkreis eine Bestandssicherung auch für kleine Schulstandorte gegeben. „Auch die bieten eine­ hohe pädagogische Qualität. Das stellen wir über die Jahrzehnte hinweg fest.“

Mindestens zwei Klassen müssten zusammenkommen

So hätten Schüler der Engelbacher Grundschule „mindestens genauso viel Erfolg“ auf weiterführenden Schulen wie ihre Mitschüler gehabt, „die ­waren nicht benachteiligt.“

Allerdings ist gerade jene Engelbacher Schule die Einzige im Kreis, die in den vergangenen Jahren geschlossen wurde. Der Grund: Mindestens zwei Klassen müssten schon zusammenkommen, erklärt Marian Zachow. Das hänge beispielsweise­ auch mit der Aufsichtspflicht zusammen: Bei einer Klasse ist auch nur ein Lehrer anwesend, das sei in Engelbach der Fall ­gewesen.

Bei den bestehenden Schulen sehe es derzeit gut aus, Zuzug und Abwanderung hielten sich in etwa die Waage. 2013 habe es bei zehn Schulen den „erhobenen Zeigefinger“ gegeben, aktuell bei keiner.

Schauen müsse man aber auf die Entwicklung der Schulen in Mellnau und Oberrosphe, beides Außenstellen der Burgwaldschule in Wetter. Wegen der Neubauarbeiten in Wetter sind die beiden kleinen Dorfschulen aktuell aber ebenfalls ausgelastet.

Weil die Schülerzahlen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, sei es gut, dass die Schulen im Wesentlichen geblieben sind. Das sei in anderen Landkreisen anders, sagt Zachow. Dort müsse kurzfristig nach Lösungen gesucht werden, um Platzprobleme zu lösen. Als Beispiel nennt er die Stadtschule in Biedenkopf, „bei der man vor fünf Jahren überlegt hat, Räume umzunutzen.“ Davon sei nun keine Rede mehr.
Damals habe man sich gegen Einschnitte an Schulen im Kreis entschieden. Aus heutiger Sicht sei das richtig gewesen. „Die Zahlen haben sich sehr viel besser entwickelt als prognostiziert“, erklärt der Vize-Landrat.

Zusammenschluss war richtiger Schritt

Im Grund habe das auch der Rechnungshof im Analysegespräch bestätigt. „Es ist vergleichbar mit anderen ländlich geprägten Standorten.“ Das sei auch politisch gewollt.

„Es ist nicht unser Bestreben, Schulen zu zentralisieren. Wir wollen an den kleinen Standorten festhalten.“ Die Entwicklung an den verschiedenen Schulen ist laut Zachow unterschiedlich. Seit zehn Jahren­ würden beispielsweise wegen des Bahnanschlusses Jugendliche aus dem Lahntal verstärkt Schulen in Biedenkopf besuchen statt nach Wetter zu fahren.

Und auch die „Abwanderung“ ins benachbarte Nordrhein-Westfalen sei nicht mehr so dramatisch – auch dank des ­Zusammenschlusses von drei Schulen zur Hinterlandschule mit drei Standorten in Biedenkopf, Breidenbach und Steffenberg. „Das war ein absolut richtiger Schritt“, sagt Marian ­Zachow. Nicht ausgeschlossen sei, dass künftig kleinere Klassen gefordert würden. Dann seien mehr Räume nötig, und auch unter diesem Gesichtspunkt sei das von Rechnungsprüfern kritisierte überdurchschnittliche Platzangebot gut. Steigende Schülerzahlen könnten ebenfalls aufgefangen werden.

17 Schulen sind 
nicht ausgelastet

Der hessische Rechnungshof gibt für Grund-, Haupt- und ­Realschulen als Mittelwert ­(Median) eine Fläche von 20 Quadratmetern je Schüler an. Für Gymnasien sind es 15 Quadratmeter, für Gesamtschulen 18 Quadratmeter, für Förderschulen 42 Quadratmeter und für Berufsschulen 9 Quadratmeter je Schüler.

Folgende Schulen lagen im Schuljahr 2017/2018 in Marburg-Biedenkopf über oder auf dem Mittelwert:

  • Grundschulen: Grundschule am Lindenbaum Bottenhorn, 44 Schüler, 27 Quadratmeter je Schüler; Lindenschule Cölbe, 95 Schüler, 30 Quadratmeter; Grundschule­ Dreihausen, 75 Schüler, 30 Quadratmeter; Grundschule Gönnern, 38 Schüler, 29 Quadratmeter; Gansbachschule­ Lixfeld, 64 Schüler, 36 Quadratmeter; Grundschule Lohra, 170 Schüler, 21 Quadratmeter; Grundschule Mengsberg-Momberg, 70 Schüler, 24 Quadratmeter; Grundschule Mornshausen/S., 58 Schüler, 24 Quadratmeter; Schule am Christenberg, Münchhausen, 105 Schüler, 21 Quadratmeter; Grundschule Oberdieten, 50 Schüler, 21 Quadratmeter; Grundschule Schönstadt, 54 Schüler, 38 Quadratmeter; Grundschule Wallau, 149 Schüler, 38 Quadratmeter.
  • Gesamtschulen: Wollenbergschule Wetter, 663 Schüler, 22 Quadratmeter; Gesamtschule Niederwalgern, 401 Schüler, 27 Quadratmeter; Martin-von-Tours-Schule, 476 Schüler, 20 Quadratmeter;
  • Förderschule: Burgbergschule Friedensdorf, 35 Schüler, 86 Quadratmeter;
  • Berufliche Schulen: Kirchhain, 1706 Schüler, 9 Quadratmeter.

Hintergrund

Mit den kleinen Schulen hängen auch höhere Folgekosten zusammen, zum Beispiel für die Busfahrten. Mit 41 Euro Kosten je Einwohner liegt Marburg deutlich über dem Median von 31,2 Euro. Höher sind die Kosten nur in Limburg-Weilburg (46,1). Im Land-Dill-Kreis (32,4 Euro) etwa seien die Schulen eher mit dem Zug erreichbar, das senke Kosten, sagt Marian Zachow.

Ziel sei, so viel Linienverkehr wie möglich einzusetzen. Geprüft werde zudem, ob einige Schüler mit besonderem Förderbedarf nicht auch mit dem herkömmlichen Bus fahren können, gemeinsam mit anderen Jugendlichen. „Das hat auch was mit Inklusion zu tun, das ist, weniger ausgegrenzt sein“, sagt Zachow. Der Kreis prüfe das derzeit gemeinsam mit Schulamt und Schulen, „aber mit Augenmaß“.

Die Personalkosten je Schüler liegen bei 98 Euro und damit exakt im Mittel. Die Zahlen sind sehr unterschiedlich in den Landkreisen: In Limburg-Weilburg sind es 72 Euro je Schüler, in Darmstadt-Dieburg 146 Euro. Die Bewirtschaftungskosten je Einwohner sind im Kreis mit 68 Euro höher als der Median von 64 Euro. Das hängt mit höheren Reinigungskosten zusammen.     

von Mark Adel