Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Uni-Ärzte fühlen sich abgehängt
Marburg Uni-Ärzte fühlen sich abgehängt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:56 29.04.2020
Hunderte Mediziner aus ganz Hessen demonstrierten im Februar in Marburg für bessere Arbeitsbedingungen. Einen Tarifvertrag haben sie immer noch nicht. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Die Ärzte, die an den hessischen Uni-Kliniken – also in Marburg, Gießen und Frankfurt – beschäftigt sind, fühlen sich vom Land im Stich gelassen.

Denn: Schon seit Oktober laufen Verhandlungen über einen Tarifvertrag – doch diese würden vom Land ausgebremst, beschwert sich die Ärztegemeinschaft Marburger Bund.

Anzeige

Es sei schon bemerkenswert, so die Gewerkschaft, dass die Ärzte, für die in der derzeitigen Situation die Versorgung absolut im Fokus stehe und deshalb kein Streik infrage komme, nun von den Arbeitgebern ausgenutzt würden.

Anstatt den Ärzten die Verbesserungen zuzugestehen, „die in mehr als 500 kommunalen Kliniken und 23 Universitätskliniken bereits gelten“, würden sie „mit Lippenbekenntnissen abgespeist“, betont Dr. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bunds.

Gefordert ist eine spürbare Verbesserung

Ein solches Verhalten sei schon in der Vor-Corona-Zeit unwürdig gewesen – „jetzt, in dieser Krise, ist es ein klarer Affront und Ausdruck mangelnder Wertschätzung gegenüber den Ärztinnen und Ärzten“. Gefordert ist eine spürbare Verbesserung der Arbeit zu besonders belastenden Zeiten, die Anhebung von Kinderzuschlägen, eine Tarifsteigerung von 6,9 Prozent sowie die Fortführung des Landestickets.

Dr. Christoph Polkowski, Mitglied der Tarifkommission und Arzt am Uni-Klinikum Frankfurt, betont gegenüber der OP, dass die Ärzte nun seit gut einem halben Jahr auf einen Tarifabschluss warten würden, während „in fast allen anderen Unikliniken in Deutschland in Anbetracht der Krise ein schneller und zufriedenstellender Abschluss mit der Tarifgemeinschaft (TdL) der Länder erzielt wurde“.

Hessen hat Sonderstellung inne

Auch die kommunalen Krankenhäuser in ganz Deutschland hätten vergangenes Jahr einen Tarifvertrag abgeschlossen, der deutliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen vorsehe. „Der Marburger Bund Hessen ist bereit, einem Abschluss, wie ihn die TdL vereinbart hat, zuzustimmen“, so Polkowski.

Das Problem: Hessen gehört nicht mehr zur TdL, daher müssen gesonderte Verhandlungen geführt werden. Und Polkowski hat einen Verdacht: „Nur in Hessen möchte man, wahrscheinlich in Rücksicht auf das privatisierte Universitätsklinikum Gießen-Marburg, einem Tarifvertrag nicht zustimmen.“ Wie verfahren die Situation derzeit ist, zeigt ein skurriler Vorfall von vor knapp zwei Wochen.

„Weit von einer fairen Lösung entfernt“

Der heimische Staatssekretär Dr. Stefan Heck (CDU) veröffentlichte eine Mitteilung nach einer Telefonkonferenz mit dem Marburger Bund. Heck betonte, die Gespräche seien „konstruktiv“ gewesen und zeigten, „dass alle Beteiligten an einer raschen Lösung interessiert sind“, man wolle schnellstmöglich „einen fairen Tarifabschluss vereinbaren und sei dabei auf einem guten Weg“. Als „positives Signal“ würde man den Ärzten vorab das Landesticket Hessen gewähren.

Die Äußerungen stießen bei Dr. Susanne Johna indes auf Unverständnis: Man sei in keinem Fall auf einem guten Weg, „wir sind ganz im Gegenteil noch weit von einer fairen Lösung entfernt“, sagte sie. Während Bürger den Ärzten Applaus spendeten oder Gastronomen sich mit Essenslieferungen in die Kliniken bedankten, „gewährt ihnen die Landesregierung nicht die gleichen Tarifregelungen wie in den übrigen Bundesländern“.

Rund die Hälfte alle Ärzte hat unterschrieben

Nun hat die Gewerkschaft einen Offenen Brief an Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) geschrieben – auch darin ist die Rede von einer „Hinhaltetaktik“, die den Eindruck erwecke, „dass die Verhandlungsführer seitens Land und Rhön-Klinikum die derzeitige Situation ausnutzen, wohlwissend, dass in der jetzigen Situation ,normale’ Tarifverhandlungen nicht möglich sind und dementsprechend Arbeitskampfmaßnahmen bis hin zum Streik natürlich derzeit überhaupt nicht infrage kommen“.

Die Aufforderung an Bouffier: „Beenden Sie das Geschacher auf Arbeitgeberseite und ebnen Sie den Weg für eine schnelle Tarifeinigung. Schaffen Sie die Voraussetzungen, damit wir uns in dieser schwierigen Zeit voll auf die Behandlung unserer Patienten konzentrieren können.“ Mehr als 1.000 der rund 2.000 an den Unikliniken beschäftigten Ärzte hätten diesen Brief bereits unterzeichnet.

Antwort des Innenministeriums steht aus

Laut Medienberichten habe das Innenministerium als „Zwischenlösung“ zunächst 2,5 Prozent mehr Geld und das Landesticket für den ÖPNV angeboten. Diese 2,5 Prozent entsprächen der ersten Stufe der Gehaltserhöhung aus der TdL-Einigung vom März.

Weitere Themen – wie etwa weniger Bereitschaftsdienste, freie Wochenenden und Dienstplangestaltung – sollten Ende des Jahres verhandelt werden. Eine von der OP angefragte Antwort des Innenministeriums blieb unbeantwortet.

Von Andreas Schmidt

Anzeige