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Marburg Die richtige Mischung rettet den Wald
Marburg Die richtige Mischung rettet den Wald
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16:00 27.07.2019
Forstamtsleiter Bernd Wegener (links) und Revierförster Jürgen Reibert neben einer 120 Jahre alten Douglasie im Stadtwald. Etliche Douglasien sind auf den Flächen gepflanzt worden, wo der Borkenkäfer Fichten zerstört hat. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

130.000 neue Bäume wurden in diesem Jahr schon im Bereich des Forstamtes Kirchhain angepflanzt, im Herbst kommen noch 80.000 hinzu. Das sagt Forstamtsleiter Bernd Wegener und gibt zu: „Ja, das ist mehr als sonst.“ Denn Windwurf und vor allem der Borkenkäfer haben dem Wald arg zugesetzt.

Allein im Revier von Jürgen Reibert sind 300 Hektar Wald Sturm und Schädlingen zum Opfer gefallen. „Hier in und um Marburg hält es sich noch in Grenzen, weil wir nicht so viele Fichten haben“, erklärt Marburgs Revierförster. Aber auch er sieht, wie der Wald derzeit leidet.

Regenarme Sommer, späte Fröste, Schädlinge – der Wald muss derzeit an vielen Fronten kämpfen. Oft bedingt eines das andere. Durch die Dürre kriegen die Bäume weniger Flüssigkeit, können weniger Harz produzieren und sind damit anfällig für Schädlinge. Durch das fehlende Wasser reicht der ­osmotische Druck nicht mehr aus, auch den letzten Zipfel der Krone zu erreichen.

Weg von Monokulturen, hin zu Mischwäldern

„Die Bäume sterben von oben nach unten“, weiß Bernd Wegener und zeigt auf verdörrte­ ­dicke Äste bei Buchen und ­Eichen. Dieses Totholz stellt wiederum eine Gefahr für Fußgänger und Waldarbeiter dar. Es ist ein Kreislauf. Massive Aufforstung soll nun den Klimawandel aufhalten (siehe Text unten), „dabei kämpft der Wald derzeit selbst ums Überleben“, sagt Jürgen Reibert.

Für ihn ist die Risikostreuung ein mögliches Mittel, um den Wald auf das sich verändernde Klima vorzubereiten. Weg von den Monokulturen, hin zu Mischwäldern. Und das wird in seinem Revier bereits umgesetzt. „Auf gut mit Wasser versorgten Böden wird die Buche weiterhin eine große Rolle spielen. Die Eiche wird ihre bisherigen Flächenanteile deutlich ausbauen, die Weißtanne soll Flächen der Fichte übernehmen“, erklärt der Revierförster.­

Er weiß, dass auch die Eiche derzeit unter Stress steht. „Aber ohne Wasser kann kein Baum überleben, selbst tolerante ­Arten nicht.“ Auf einigen Freiflächen wurden beispielsweise auch Douglasien angepflanzt. Jürgen Reibert öffnet den Wildzaun und zeigt auf die Aufforstung, die bereits vor fünf Jahren passiert ist. Neben den Setzlingen des nordamerikanischen Nadel­gehölzes wachsen selbst ausgesäte Kirschbäume, eine Weide, Hainbuchen.

„Schwarznuss, Walnuss, Esskastanie, Robinie, Lärche, Küstentanne“, zählt Bernd Wegener Baumarten auf, die er sich zukünftig in den Wäldern seines Forstamtes vorstellen kann. Er weiß, dass er damit bei Kritikern auf Gegenwind stößt.
Vor allem die Douglasie kämpft um Akzeptanz in Europa. Dabei war sie vor der letzten Eiszeit noch eine einheimische Art und kann den sogenannten Trockenstress besser ab, als andere heimische Nadelbäume.

"Die überragen alles"

Zudem wächst sie doppelt so schnell wie Eichen und ist ein hervorragender CO2-Speicher. Durchschnittlich könnten ein Hektar Douglasien 280 Tonnen CO2 abbauen. Im Revier von Jürgen Reibert sind derzeit etwa drei Prozent Douglasien, 20 Bäume etwa 120 Jahre alt. Drei stehen in der Nähe des Parkplatzes vom Freizeitgelände Stadtwald. „1,70 Meter Stockdurchmesser, über 50 Meter hoch“, berichtet Jürgen Reibert und schaut nach oben.

„Die überragen alles“, fügt er noch lachend hinzu. 240 Jahre alte Eichen zählen auch zu seinem Bestand. „Diese hohen ­Alter werden wir wohl zukünftig gar nicht mehr erreichen“, ist er sich sicher. Auch das eine Folge des Klimawandels.
Kurz zuvor hatte er noch an einer anderen Stelle auf die kranken abgestorbenen Fichten ­gezeigt. Für Privatwaldbesitzer haben die Verluste bereits existenzielle Ausmaße angenommen.

„Auch wir haben in diesem Jahr schon eine halbe Million für Kulturen und Pflege investiert. Und das bei Holzpreisen, die am Boden liegen“, sagt Bernd Wegener. „Eine schwarze Null ist für uns in weite Ferne gerückt.“ Denn das von Dürre und Borkenkäfer geschädigte Holz will keine Industrie haben, höchstens als Brennholz, und dieser Markt ist auch satt. Und trotzdem sind sich die beiden Fachmänner einig, dass der Wald den Klimawandel aufhalten kann. Aber eben nur, wenn zeitgleich weniger CO2 ausgestoßen wird und die Wälder erhalten werden.

von Katja Peters

Eine Milliarde Hektar Wald zusätzlich weltweit

Der Klimawandel kann einer Studie zufolge durch nichts so effektiv bekämpft werden wie durch Aufforstung. Die Erde könne ein Drittel mehr Wälder vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden, schreiben Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich im Fachmagazin „Science“. Dort zeigen die Forscher auf, wo auf der Welt neue Bäume wachsen könnten und wie viel Kohlenstoff sie speichern würden.

Bäume zu pflanzen habe das Potenzial, zwei Drittel der bislang von Menschen verursachten klimaschädlichen CO2-Emissionen aufzunehmen. Laut Weltklimarat (IPCC) müssen für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad nicht nur die klimaschädlichen Treibhausgas-Emissionen begrenzt werden, etwa im Energie- und im Transportsektor.

Erde von 5,5 Milliarden Hektar Wald bedeckt

Sondern auch bis zum Jahr 2050 rund eine Milliarde Hektar Land aufgeforstet werden. „Das ist zweifellos erreichbar“, heißt es in der Studie. Die Erde ist nach Angaben der Forscher derzeit von 5,5 Milliarden Hektar Wald bedeckt. Sie halten es für möglich, eine Fläche von zusätzlich 1,7 bis 1,8 Milliarden Hektar aufzuforsten.

Städte und landwirtschaftliche Flächen wurden bei der Berechnung bewusst ausgespart. Es ­gehe vor allem um ehemals intakte, aber heute zerstörte Ökosysteme, schreiben Studienleiter Jean-François Bastin und Kollegen. Besonders viele Flächen für eine Aufforstung habe Russland, gefolgt – mit Abstand – von den USA, Kanada, Australien, Brasilien und China. 

Marburgs Revierförster Jürgen Reibert sieht diese Studie kritisch. „Natürlich gibt es in Russland und den USA jede Menge Ressourcen. Aber aufgrund der politischen Ausrichtung der ­Regierungen in Bezug auf den Klimawandel sehe ich Probleme bei der Umsetzung.“

Wichtig Entwaldung zu stoppen 

Die neuen Wälder könnten 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern, wenn sie herangewachsen sind. Das sind etwa zwei Drittel der 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die seit der industriellen Revolution durch den Menschen in die Atmosphäre gelangten. „Wir müssten aber schnell handeln, denn es wird Jahrzehnte dauern, bis die Wälder reifen und ihr Potenzial als natürliche CO2-Speicher ausschöpfen“, sagt Studienleiter Tom Crowther.

Die zur Aufforstung geeignete Fläche werde durch den Klimawandel ­jedes Jahr kleiner. Viele Wissenschaftler gingen in ihren Berechnungen davon aus, dass die Baumbedeckung durch den Klimawandel steige, heißt es in der Studie. Das stimme zwar für die nördlichen Wälder, etwa in Sibirien.

Die Berechnungen seien aber falsch, denn die Baumdichte liege dort durchschnittlich nur bei 30 bis 40 Prozent. Gleichzeitig gingen tropische Wälder mit einer Baumdichte von 90 bis 100 Prozent verloren. Neben der Aufforstung sei es also noch wichtiger, die Entwaldung, speziell in Brasilien und Indonesien zu stoppen.

von Christiane Oelrich