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Marburg Restaurantbesitzer suchen nach Alternativen
Marburg Restaurantbesitzer suchen nach Alternativen
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20:58 30.03.2020
Die Marburger Gastronomen sind durchaus erfindungsreich: So liefern beispielsweise Ali Arin (links) und Jan Lerch vom „Plan B“ ihre Cocktailkisten an die Kunden – die können dann zu Hause mixen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Seit Februar sind Alexandra Tontara, ihr Mann Enrico und Geschäftspartner Thomas Edlund im Krisenmodus. Die Gastronomen tragen Verantwortung für 20 Angestellte und nochmal so viele Aushilfen. Im Hotel „Zur Sonne“ ist seit Wochen kein Gast. „Alles wurde abgesagt. Empfänge, Übernachtungen, Feiern, Tagungen – nichts findet mehr statt“, zählt Alexandra Tontara auf. „Das war wie der Domino-Effekt. Einer fing an und alle anderen zogen nach“, ergänzt sie noch. Auch bei „Svensk Catering“, das die drei zusammen führen, gibt es für die nächsten Monate nicht eine Bestellung. Dabei waren mit manchen Kunden schon die Menüs besprochen, teilweise schon übersetzt.

„Und keiner kann uns sagen, wie lange das andauern wird. Bis Mai, Juni, Juli?“, fragt Thomas Edlund vom gleichnamigen Restaurant direkt am Markt. Nach der Beschränkung der Öffnungszeiten hat die Corona-Krise nun auch ihn unweigerlich erreicht. Und das mit Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent. „Uns fehlt jetzt täglich ein Drittel der Zeit, im Sommer könnten wir mit den aktuellen Anweisungen sogar nur die Hälfte der Zeit öffnen“, erklärt der Restaurantbesitzer. „Das ist, als wenn man einem die Beine weg schlägt. Und es ist auch kein schönes Gefühl, wenn einem suggeriert wird: Bei dir wird das Virus verbreitet.“

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Und dennoch müssen die Selbstständigen jetzt überlegen, wie sie für sich und für ihre Angestellten die Krise meistern. „Die Vogel-Strauß-Taktik bringt nichts“, weiß Enrico Tontara, denn „die Fixkosten bleiben, auch wenn weniger eingekauft werden muss. Das Konto für die laufenden Kosten schießt gerade ab in den Keller.“ Existenzängste hätten sie immer, das würde der Job so mitbringen. Aber jetzt können sie sie nicht mehr beeinflussen und müssen darauf hoffen, dass die Bank lange genug mitmacht.

Kreative Schwedenküche auf Bestellung

Mit der Ausweitung des Lieferservices von Svensk Catering wollen sie versuchen, die Angestellten zu halten, um auch denen die Existenzängste zu nehmen. „Die haben ja auch Verbindlichkeiten, für die das Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld nicht ausreicht“, sieht sich Alexandra Tontara in der Verantwortung. Ab sofort gibt es eine Mischung aus Sonnenklassikern und der kreativen Schwedenküche auf Bestellung nach Hause geliefert. „Wir sehen ein, dass die Leute zu Hause bleiben müssen. Aber wir möchten den Menschen etwas Gutes tun, sie mit gutem Essen auf andere Gedanken bringen“, sagt Thomas Edlund, der vor allem auch die Älteren ansprechen will, die nicht mehr rausgehen können. Und Enrico Tontara fügt lachend hinzu: „Pizza geht ja nicht jeden Tag.“

Existenz steht auf dem Spiel

Ali Arin ist das Lachen mittlerweile vergangen. Zusammen mit Jan Lerch betreibt er die Cocktailbar „Plan B“ in Marburg. „Und das auch sehr glücklich über zwölf Jahre.“ Jetzt steht er vor einer riesigen Herausforderung und muss bangen, dass seine Bar die Krise überhaupt übersteht. Mit der Anordnung, dass Restaurants und Kneipen nur noch bis 18 Uhr geöffnet haben, hat man den beiden sozusagen die Existenzgrundlage genommen.

Sie versuchen jetzt alles, um wenigstens ein paar Einnahmen zu generieren, um die laufenden Kosten decken zu können. „Cocktails to go wird es nur für Kunden rund um die Bar geben, für alle anderen bieten wir an, die Zutaten und das Equipment nach Hause zu liefern“, erklärt Ali Arin die Idee. Die Kunden bestellen also ihre Cocktails mit ein oder zwei Tagen Vorlaufzeit per Telefon und „Plan B“ liefert im Baukasten-System alles, was zum Mixen benötigt wird: Spirituosen, Shaker, Eis, Früchte inklusive Rezept. „Das machen wir schon länger für größere Partys, aber Cocktails schmecken ja auch zu zweit oder alleine“, hofft der Barbesitzer.

Nichtsdestotrotz wird sich der Marburger jetzt zusätzlich einen Nebenjob suchen. „Ich will nicht Däumchen drehen und zuschauen, wie meine Existenz kaputt geht“, sagt der Vater zweier Kinder, auf die er aufgrund der Schulschließungen tagsüber aufpassen muss.

Von Katja Peters

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