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Marburg Marburgs Partnerstädte berichten zu Corona-Zeiten
Marburg Marburgs Partnerstädte berichten zu Corona-Zeiten
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09:57 27.05.2020
Nichts los im Zentrum der rumänischen Stadt: Verwaiste Verkaufsstände auf dem Kleinen Ring in Sibiu. Quelle: Beatrice Ungar
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Marburg

Sechs Partnerstädte, verteilt in Europa und Afrika, hat Marburg, zu allen besteht enger Kontakt. Die OP fragte in den Stadtverwaltungen nach, wie vor Ort mit der Corona-Pandemie gelebt wird, welche Einschränkungen es gibt.

Bis auf Northampton aus dem Vereinigten Königreich gab es aus allen Städten Rückmeldungen. Einen Informationsaustausch mit Marburg oder untereinander hat es seit Ausbruch der Pandemie nicht gegeben. Hier der erste Teil:

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Zwischen den beiden Universitäten Marburg und Sibiu (Hermannstadt) bestehen seit Jahren sehr enge und fruchtbare Beziehungen, die 1997 in einer Universitätspartnerschaft vertraglich besiegelt wurden. Historische Beziehungen reichen allerdings bis in die Jahre 1571 und 1587 zurück.

Pressesprecherin Claudia Toader-Köber antwortete: „Rumäniens Regierung hatte im Kampf gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus seit dem 18. März eine ,fast komplette’ Stilllegung des öffentlichen Lebens beschlossen – durch die Einführung des nationalen Ausnahmezustands. Somit sind auch in Sibiu seitdem die Maßnahmen zur Einschränkung getroffen worden. Lockerungen gibt es seit 15. Mai.“

Ausreise so gut wie nicht möglich

Durch die Ausgangssperre war es den Einwohnern nur erlaubt zur Arbeit zu fahren – falls Homeoffice nicht möglich war – Lebensmittel einzukaufen, kurzfristig Sport zu betreiben, die Haustiere auszuführen sowie wegen Notfällen zum Arzt zu gehen. Personen, die älter als 65 Jahre sind, dürfen ausschließlich zwischen 7 und 11 und zwischen 19 und 22 Uhr ausgehen. Von dieser Sonderregelung ausgenommen sind Senioren, die dienstlich unterwegs sind oder in der Landwirtschaft arbeiten. Hotels und Restaurants, Theater und Eventsäle, Zahnarztpraxen, Kosmetik und Friseurgeschäfte waren bis zum 15. Mai geschlossen.

Die Schulen und Kindergärten sind geschlossen und der Unterricht sowie die Benotung der Schüler erfolgt online. Voraussichtlich sollen das neue Schuljahr und die Rückkehr der Kinder in Schulen und Kindergärten im September beginnen. Die Ausreise rumänischer Staatsbürger sowie Ausländer, die sich in Rumänien aufhalten, war per Flug bis Mitte Mai nicht möglich, mit Ausnahme von Charterflügen, die durch andere Länder für rumänische Saisonarbeiter organisiert wurden. Ausgenommen sind Arbeitskräfte aus dem medizinischen und dem sozialen Bereich. Die Regierung hat Hotels und Pensionen zu Quarantänestationen umfunktioniert. Der Gütertransport war immer uneingeschränkt möglich, Zugfahren bis 15. Mai nicht.

Sonderrechte für Pflegepersonal

Und auch die Stadt hat viele Möglichkeiten ausgeschöpft, den Unternehmen und den rund 150.000 Einwohnern zu helfen. So wurden die Müllgebühren für Unternehmen aufgehoben beziehungsweise reduziert, die ihren Betrieb einstellen mussten. Ebenso wurde die Zahlung der „Nutzungssteuer“ der öffentlichen Plätze und Terrassen für das Gastronomie und Hotelgewerbe sowie die Hotelsteuer ausgesetzt.

Für das medizinische Personal in Sibiu wurden die öffentlichen Parkplätze kostenlos zur Verfügung gestellt sowie Unterkunftsmöglichkeiten zwischen den Arbeitseinsätzen angemietet, um das Risiko der Infizierung der eigenen Familien zu mindern. Bis vergangene Woche gab es in Sibiu 437 nachgewiesen Infizierte und 100 Tote, ganz Rumänien zählt 16.000 nachgewiesen Infizierte und 1.016 Tote im Zusammenhang mit dem Virus.

59 Jahre besteht die Städtepartnerschaft mit dem französischen Poitiers. Damals, 1961, sei die Partnerschaft ein „außergewöhnlicher Vorgang“ gewesen, wie es der ehemalige Bürgermeister Dr. Franz Kahle einmal beschrieb.

Individuelle Hilfe für Risikogruppen

Pressesprecher Florent Bouteiller antwortete: Bereits am 10. März war in Poitiers „eine spezielle Überwachungseinheit“ eingerichtet worden, „um Menschen über 60 in fragilen und isolierten Situationen zu informieren“. Nur sechs Tage später erfolgten „restriktive Maßnahmen“. Seitdem sind auch dort die Schulen und Kindergärten geschlossen und es wurde eine Notbetreuung eingerichtet, ähnlich agierend wie in Deutschland. Ebenso wurden die Alten- und Pflegeheime für Besucher geschlossen. Alle kulturellen Einrichtungen und Sportplätze mussten auch schließen.

Die Stadt hat dann eine Telefonhotline eingerichtet, die montags bis samstags von morgens 8.30 Uhr bis 18 Uhr erreichbar ist. Das Sozialamt bekam eine eigene Nummer „für Personen, die aufgrund ihres Alters oder ihres Gesundheitszustands gefährdet sind. Sie konnten sich dort melden, und bekamen individuelle Hilfe in Bezug auf die Einhaltung der Hygieneregeln oder anderweitige Unterstützung“.

Lockerungen seit 11. Mai

Von den 3.500 Angestellten der Stadt waren täglich etwa 350 „mobilisiert, um die wichtigsten Prozesse aufrecht zu erhalten“. Alle Mitarbeiter waren aufgefordert, von Zuhause zu arbeiten. „Ab dem 23. März mussten Bewohner, die ihre Häuser verlassen wollten, eine Bescheinigung mit sich führen, aus der hervorging, warum sie die Wohnung verlassen müssen.“ Darüber hinaus hatte die Stadt Poitiers ab dem 24. März eine Ausgangssperre von 22 Uhr bis 17 Uhr eingeführt.

Seit dem 11. Mai gibt es Lockerungen. So öffneten die Kindergärten und Schulen wieder, ebenso einige kulturelle Einrichtungen, die die Hygieneregeln einhalten können. Sportanlagen öffnen nach und nach, allerdings nur die, die im freien zugänglich sind. „Aus gesundheitlichen Gründen sind nur Einzelsportarten wie Tennis oder Golf zulässig.“ Von März bis Mai waren nur Lebensmittelläden geöffnet, seit einer Woche sind auch andere Läden wieder offen. Bars und Restaurants bleiben aber weiterhin geschlossen.

Bürgermeister der Regierung voraus

Die Bewohner von Poitiers dürfen sich nicht weiter als 100 Kilometer von ihrem Wohnort entfernen und es wird empfohlen, in öffentlichen Einrichtungen eine Maske zu tragen, in Schulen und Kindergärten ist sie für Erwachsene Pflicht. Die Einhaltung der Hygieneregeln wird in der Öffentlichkeit vorausgesetzt.

1971 wurde die städtepartnerschaftliche Vereinbarung zwischen Marburg und Sfax unterzeichnet und war damit die dritte Partnerstadt nach Poitiers und Maribor. Sfax liegt am Mittelmeer und ist mit rund 330.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Tunesiens.

Wajdi Aydi, Assistent des Bürgermeisters, antwortete: Schon eine Woche bevor die tunesische Regierung aktiv wurde, „beschloss die Stadtverwaltung am 13. März, öffentliche Märkte zu schließen und Versammlungen einzuschränken. Zusätzlich gab es eine Reihe umfassender Interventionen in der Stadt für Hygiene und Sauberkeit“.

Zeitfenster für jeden Stadtteil

Die tunesische Regierung reagierte erst am 22. März. Nach der Einführung der Quarantäne wurde das gesellschaftliche Leben lahmgelegt. Alle Märkte, Geschäfte und Schulen waren geschlossen und es wurde eine umfassende Gesundheitsfürsorge eingeführt. Es war den Einwohnern nicht gestattet, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, wodurch eine Bewegung in der Stadt und zwischen verschiedenen Orten verhindert wurde. Nur kleine Läden für den Verkauf von Lebensmitteln und Gemüse in Stadtteilen sowie Bäckereien und Apotheken durften öffnen.

Aber es gab vorgegebene Zeitfenster für jeden Stadtteil, „um Bedingungen für die soziale Trennung zu schaffen und das Verlassen von Häusern ohne Lizenz zu verhindern“. Es gab zwar völligen Lockdown, „aber die Menschen waren weniger unterwegs und die Kontaktsperre wurde stark überwacht“. Seit dem 11. Mai gibt es auch in Sfax Lockerungen, „das normale Leben kehrt langsam wieder zurück, nachdem es keine Neuinfektionen gab“.

Im zweiten Teil geht es um Maribor in Slowenien und um Eisenach in Thüringen.

Von Katja Peters

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