Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Marburgs Geschichte hat keine Heimat
Marburg Marburgs Geschichte hat keine Heimat
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:39 14.05.2021
Das Marburger Landgrafenschloss.
Das Marburger Landgrafenschloss. Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Marburg

Von der Heiligen Elisabeth und der weltweit ersten protestantischen Universität über Behring bis hin zu Biontech: Auch im 799. Jahr seiner Ersterwähnung steht Marburg ohne Stadtmuseum, ohne einen zentralen Ort für Heimatgeschichte da. Den letzten Vorstoß gab es Anfang 2020, der Ockershäuser Ortsbeirat forderte damals, im Ringofengebäude auf dem ehemaligen SKV-Gelände einen „Ort für lokale Besonderheiten“, einen Kulturstandort zu schaffen. Passiert ist das nicht.

Die BfM unternehmen nun einen neuen Anlauf, zumal im laufenden Jahr eigentlich 40 000 Euro zumindest für ein Digital-Museum bereitstehen sollten. In einem Antrag an das Stadtparlament, der Ende Mai beraten wird, fordern sie „alle vorbereitenden Maßnahmen für ein virtuelles und hybrides Stadtmuseum in die Wege zu leiten“.

Vor allem müsse das Sammeln und Katalogisieren von bereits vielfältig vorhandenen Ausstellungsobjekten – darunter auch Kameramuseum Am Grün sowie Spiele- und Zirkusarchiv bis hin zum Kindheitsmuseum – losgehen. Speziell für einen virtuellen Kulturhistorik-Erlebnisort – von dem zumindest Teile zum 800. Jubiläum im kommenden Jahr fertig sein sollten – brauche es IT-Spezialisten und Medien- sowie Textspezialisten, um eine passende Darstellung zu gewährleisten.

Ziel laut Antrag: „Die Sammlungen sollen später hybrid als Wechselausstellung der Öffentlichkeit präsentiert werden.“ Das Projekt bilde „die Basis für ein später entstehendes zentrales Stadtmuseum“. Das sei eine Einrichtung für Einheimische wie Touristen. „Ein Stadtmuseum schafft Identität mit der Geschichte einer Stadt und ihrer Region und bildet einen wertvollen Kontext zu der eigenen individuellen Historie“, heißt es von Andrea Suntheim-Pichler und Roland Frese, BfM-Stadtverordnete.

Im vergangenen Jahr schlug die FDP, wegen des neuesten geschichtlichen Meilensteins Marburgs als Corona-Impfstoff-Produzent, die Gründung eines Emil-von-Behring-Museums vor. Das solle an Leben und Wirken des Nobelpreisträgers erinnern und die Errungenschaft der Immunisierungen als solche greifbar machen.

Es gibt eine Studie – in der Schublade

Beim Thema Stadtmuseum herrscht indes bereits seit Jahren Stillstand. Im Jahr 2013 wurde die Potenzialstudie „Schloss-Areal – Museumslandschaft – Stadtgeschichte“ vorgestellt und die grundsätzliche Umsetzung – Aspekte der Geschichte von Stadt und Philipps-Universität in einem Haus vereinen – auch politisch beschlossen. Sogar ein Zeitplan wurde genannt: Mögliche Eröffnung im Jahr 2022.

Die Grundsatz-Idee war es damals, eine „Marke Marburg“ voranzutreiben. Denn sowohl bei der Vermarktung als auch Erreichbarkeit des Landgrafenschlosses gebe es noch viel Luft nach oben – speziell für den Tourismus, der wiederum ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sei. Kultur und Stadtgeschichte seien nämlich für die Entwicklung des Tourismus unerlässliche Größen, hieß es damals. Und andere vergleichbar große Universitätsstädte wie Tübingen oder Erlangen hätten schon längst Stadtmuseen.

Die Vielzahl der verstreut gelegenen Museen in der Stadt könnte durch ein zentrales Stadtmuseum im Schloss­areal ersetzt werden, hieß es von den Studienautoren. Kurios: Ex-Stadträtin Kerstin Weinbach garantierte der Öffentlichkeit damals, dass die Pläne „nicht in der Schublade verschwinden werden“. Das war Ende September 2013 – und von BfM bis Linken gibt es die Kritik an der Stadtverwaltung, dass das Thema – im Gegensatz etwa zum möglichen Neubau des Landestheaters, tendenziell am Afföller – eben doch „liegen gelassen“ wird.

Kritiker hielten das Schlossareal seinerzeit zwar für den falschen Museums-Standort, brachten etwa das Kugelhaus als Alternative ins Gespräch. Knackpunkte damals: Die Eigentümerschaft des Schlosses (Land Hessen), der große Flächenbedarf und das für die Einrichtung nötige Geld.

Zwischenzeitlich gab es den Versuch von Marburgern – etwa rund um den Verein Nahverkehrsgeschichte – historisch Wertvolles und Erinnerungsstücke der Stadtgeschichte aus Privatbesitz zu retten, eine Sammlung mit dem Ziel eines Stadtmuseums-Aufbaus anzulegen.

Von Björn Wisker