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Marburg Gastronomie hofft auf Schadensbegrenzung
Marburg Gastronomie hofft auf Schadensbegrenzung
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15:54 13.11.2020
Gänsebraten ist auch bei ihm der Außer-Haus-Renner: Stefan Grebe vom Gasthof Grebe in Gisselberg in der Küche. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Lockdown light – light hört sich leicht an, doch er trifft die durch die Corona-Pandemie ohnehin angeschlagene Gastronomie, die Kinos, den Tourismus und die Veranstaltungs-Branche mit Wucht.

Für viele Gastro-Betriebe ist der zweite Lockdown eine Katastrophe, denn im November ist normalerweise Hochsaison. Doch jetzt sind Gasthäuser dicht – vorerst bis Ende des Monats. Viele Wirte setzen derzeit auf Lieferungen außer Haus. Die OP hat heimische Gastronomen gefragt, wie sie über die Runden kommen.

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„Emils – Wirtshaus im Stümpelstal“

Felix Heinzmann betreibt unter anderem das „Emils – Wirtshaus im Stümpelstal“ in Michelbach und das Café am Markt. Er hat über die OP Hochglanzprospekte mit seinem Außer-Haus-Angebot verteilen lassen, ist vertreten auf dem Portal „Marburg-Liebe“, das mit dem Projekt „Gastro-to-go“ heimische Lokale unterstützen will.

Sein Lieferdienst werde sehr gut angenommen – „läuft wie verrückt“, sagte er. Vor allem am Wochenende. Ein Renner: Gänsebraten. Aber rettet ihn das? „Auf Dauer nicht, das ist Schadensbegrenzung“, sagt er. Der Hotelbetrieb sei komplett eingebrochen. Der Lieferdienst decke rund 30 bis 40 Prozent des normalen Restaurant-Betriebs im November ab, der vorher – nicht zuletzt wegen der traditionellen Gänseessen – weitgehend durchreserviert war.

20 Festangestellte beschäftigt er in seinen Betrieben, hinzu kommen rund 40 Aushilfen. Wie lange kann er das durchhalten? „Der Lockdown wurde für einen Monat angekündigt, gleichzeitig wurden großzügige Hilfen versprochen“, sagt Heinzmann. „Wenn die Hilfen kommen, wie sie versprochen wurden, kommen wir hin. Ansonsten wird es schwierig.“

„Zur Sonne“ am Marburger Marktplatz

Enrico Tontara leitet das Gasthaus „Zur Sonne“ am Marktplatz. Seit 1569 existiert es, ist damit weit und breit das älteste Gasthaus. Gemeinsam mit dem gegenüberliegenden „Edlund’s“ betreibt er einen Lieferservice. „Der wird gut angenommen“, sagt Tontara. Die Renner bei ihm sind derzeit ebenfalls Gänse- und Entenbraten. Auch bei ihm deckt der Lieferservice etwa 30 bis 40 Prozent seines normalen Restaurantumsatzes ab, sagte er.

Die 12 Beschäftigten sind in Kurzarbeit, für die 6 Aushilfen gibt es derzeit keine Arbeit. „Dank der Staatshilfe und dem Außer-Haus-Service kommen wir über die Runden, die Kosten sind gedeckt“, sagt Tontara. Doch ihm graut ein wenig vor der Zukunft, denn er weiß: Es werde auch Verlierer in der Branche geben. „Wir Gastronomen sind zum Spielball der Politik geworden. Wir brauchen einen Plan, wir können doch nicht alle zwei Monate in den Lockdown gehen.“

Ginge es nach ihm, würde der Lockdown auch im normalerweise umsatzstarken Dezember fortgesetzt. „Anderenfalls müssten wir ganz kurzfristig umdisponieren – vom laufenden Außer-Haus-Service auf einen ungewissen Dezemberbetrieb“, so Tontara. Fast alle Reservierungen für den Monat seien storniert worden. „Die Menschen sind verunsichert, obwohl wir strenge Hygienemaßnahmen einhalten. Bei uns kommt das Ordnungsamt mit dem Zollstock, und in Leipzig wird eine Demo für 20.000 Menschen genehmigt. Das ist doch schizophren.“

Gasthof Grebe in Gisselberg

Auch der Gasthof Grebe in Gisselberg ist ein traditionsreiches Gasthaus mit Schankrecht seit 1762. Stefan Grebe leitet ihn seit 15 Jahren. Der angeschlossene Hotelbetrieb ist unter der Woche mit Monteuren und Geschäftsreisenden gut ausgelastet, die Nachfrage nach seinem Außer-Haus-Service sehr gut. Lieber wären ihm natürlich die Gäste im Haus. „Uns selbst geht es gut“, sagt Grebe nach einem „Riesensommer“, der für die „Natur schlecht, für uns aber gut war“.

Normalerweise wären die Monate November und Dezember durchreserviert. Für Gänseessen und Weihnachtsfeiern – alles gestrichen. Doch der Gänsebraten ist bei ihm momentan auch außer Haus der Renner. Die Umsätze beziffert er wie seine Kollegen auf 30 bis 40 Prozent des normalen Geschäfts.

Auch Grebe sagt: „Am liebsten wäre es mir, die Bundesregierung würde beschließen, dass auch der Dezember zu bleibt.“ Man wisse nicht, ob die Gäste angesichts der Corona-Zahlen kommen würden. Zudem müsste er hunderte Reservierungen überprüfen, Gäste anrufen und fragen: Kommt ihr, bleibt es dabei?“

„Cala Luna“ in Marburg

Antonio und Silke Pia führen das „Cala Luna“ – ein italienisches Restaurant mit kleinem Hotel in der Alten Kasseler Straße. „Im Hotel ist tote Hose. Zum Weihnachtsmarkt hatten wir immer viele Hotelgäste, aber der ist ja auch abgesagt“, meint Silke Pia. Ihr Mann Antonio leitet das Restaurant. „Wir haben schon immer einen Außer-Haus-Service gehabt. Aber der deckt den Restaurantbetrieb nicht ab. Es ist ein kleines Restaurant und das ist eigentlich immer voll gewesen.“

80 Prozent weniger Umsatz werde er machen, schätzt Antonio Pia. Die 75 Prozent staatliche Unterstützung seien da eine große Hilfe. Auch er meint, es wäre besser für die Branche, den Lockdown bis in der Dezember auszudehnen. „Dieses Auf-und-zu macht mehr Krise als komplett zu. Die Menschen haben Angst auszugehen“, sagt er.

Stadtmarketing mit neuer Hilfsidee

Stadtmarketing-Geschäftsführer Jan-Bernd Röllmann erklärt: „Als wir Mitte März ,Marburg-Liebe’ an den Start gebracht haben, wollten wir die Bürgerinnen und Bürger animieren, Handel, Gastronomie und Dienstleistung noch während der Schließung der Geschäfte zu unterstützen und so Liquidität zu schaffen.“

Dies sei mit Hilfsgutscheinverkäufen von über 200.000 Euro innerhalb kurzer Zeit eindrucksvoll gelungen. Röllmann sagte weiter: „Durch den zweiten Lockdown, der insbesondere die Gastronomie besonders hart getroffen hat, haben wir mit „Gastro-to-go“ wieder sehr zeitnah eine weitere Hilfsmaßnahme an den Start bringen können, die sicherlich, auch über die Schließungen hinaus, Bestand haben wird. “

Von Uwe Badouin