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Marburg Marburgs Ex-OB kritisiert Stadt-Stillstand
Marburg Marburgs Ex-OB kritisiert Stadt-Stillstand
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14:47 09.12.2020
Jahrzehntelang eine Mauer in der Kommunalpolitik, speziell für die SPD: Egon Vaupel, bis 2015 Oberbürgermeister in Marburg, ist jüngst 70 Jahre alt geworden.
Jahrzehntelang eine Mauer in der Kommunalpolitik, speziell für die SPD: Egon Vaupel, bis 2015 Oberbürgermeister in Marburg, ist jüngst 70 Jahre alt geworden. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Ex-Oberbürgermeister Egon Vaupel ist jüngst 70 Jahre alt geworden und seit genau fünf Jahren nicht mehr im Amt. Ehrenamtlich ist er seitdem vor allem bei den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg und im Förderverein der Steinmühle aktiv. Im OP-Interview spricht der Sozialdemokrat erstmals seit seinem Amtsende im Jahr 2015 über das, was ihn bewegt und an der Kommunalpolitik stört.

Dass die Zeit fliegt, ist ein abgedroschener Satz. Gingen die letzten fünf Jahre als Polit-Rentner schneller oder im Vergleich zu Ihren Jahren als OB langsamer vorbei?

Egon Vaupel: Es sind weniger Termine, Begegnungen, Verpflichtungen und natürlich ist es nun lockerer als im Rathaus. Ich habe aber mit und für Blau-Gelb im Sport- und an der Steinmühle im Schulbereich genug zutun, die Jahre sind weiterhin intensiv. Ich denke aber, dass sich ein halbes Jahr Schule für Jugendliche viel länger hinzieht, als das ein ganzes Lebensjahr im Alter tut.

Gibt es etwas, dass Sie aus Ihrer Zeit als Stadtoberhaupt vermissen?

Vaupel: Von Tag eins an habe ich weder die Macht noch die Politik, auch nicht den Einfluss oder die Gestaltungskraft vermisst. Was mir fehlt und an was ich gerne zurückdenke: An die Kollegen, von den Mitarbeiterinnen in der Küche bis zu Fachdienstleitern, von denen ich gerade anfangs viel gelernt habe. Ich als Sport-Interessierter, aber Kultur-Fremder: Da brauchte es sicher viel Geduld.

Sie haben sich seit Ihrem Amtsende nie zur Regierungspolitik geäußert. Dabei wurden Sie auch von Parteifreunden seit 2016 für die Haushaltsführung kritisiert, Sie hätten Marburg ein strukturelles Defizit – mehr Ausgaben als Einnahmen – eingebrockt.

Vaupel: Was hat sich denn nach den damaligen großen Ankündigungen wirklich geändert? Obwohl vorgenommene Kürzungen bei Zuschüssen an Initiativen und Vereine weiter bestehen, sind die Gesamtausgaben mittlerweile so hoch wie nie. Und an dieses bemängelte strukturelle Defizit ist bis heute weder vom Kämmerer noch von der ZIMT-Regierung rangegangen, ein Sparkurs gemacht worden. Ich behaupte mal, dass ich bei den Finanzen dann so viel nicht falsch gemacht haben kann. Locker weggesteckt habe ich die Kritik damals aber nicht.

Im Gegensatz zu 2015 sind Sie im März 2021 nicht als Zugpferd auf der SPD-Wahlliste für das Stadtparlament. Eine Folge dieser Enttäuschung?

Vaupel: Es gab innerparteiliche Gründe dafür, mehr möchte ich dazu nicht sagen. Vor allem aber wäre es unehrlich den Wählern gegenüber, eventuell ins Parlament gewählt zu werden, dann aber zurückzuziehen. Den Schritt wollte ich kein zweites Mal machen.

Was fällt Ihnen grundsätzlich beim Blick auf die vergangenen fünf Jahre, die Legislaturperiode der SPD-geführten ZIMT-Regierung auf?

Vaupel: Marburg hat so viel Geld, spätestens mit der Erweiterung des Pharmastandorts, des Mars-Campus ist die Stadt finanziell so gut abgesichert, wie wenige andere Kommunen in Deutschland. Aber trotzdem ist in den letzten Jahren infrastrukturell in der Stadt sehr wenig passiert. Das wundert mich und macht mich auch etwas traurig, denn es ist so viel mehr möglich in der Stadtentwicklung. Und vieles liegt auf der Hand, beziehungsweise liegt lange in der Schublade: Von dem „Unort“ Rudolphsplatz, dem mit Sanierung der Weidenhäuser Brücke geplanten Bau des Torhauses, bis hin zu einer Aufwertung des Gebiets zwischen Stadthalle und Elisabethkirche, die den Alten Botanischen Garten erweitert. Meine Hoffnung ist, dass über Wissenschaftsministerin Angela Dorn und die Heureka-Millionen für die Philipps-Universität ein neuer Schub dann auch für Politik und Stadtentwicklung kommt.

Die Stadt Marburg ist für staatliche Schulen mit zuständig, aber Sie als das Schwergewicht der Sozialdemokratie werben ausgerechnet für die von vielen als exklusiv angesehene Privatschule Steinmühle. Wieso?

Vaupel: Im Gegensatz zu allen anderen hat die Steinmühle mich damals gefragt, ob ich mich einbringen würden wolle. Und genau das kann ich dort auch: mich einbringen, etwas bewegen. Viel mehr, als dass ich das im staatlichen Schulsystem könnte. An der Steinmühle entstehen Ideen, man geht zeitgemäße Wege, etwa in der individuellen Förderung von Begabungen. Wege, die zunehmend international, divers und nicht elitär sind. Ein Beispiel: Aus der Gruppe von 15 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen haben – und das ohne vorherige Deutschkenntnisse – 14 den Abschluss gemacht. Zweites Beispiel: Inklusion, speziell über Sport. Etwas, das sich auch beim geplanten Bau einer Sporthalle und Kooperationen etwa mit Blista und Kerstinheim zeigen wird. Die Richtsberg Gesamtschule zeigt aber ja, dass auch im staatlichen System mehr geht, als es in der Breite getan wird. Solange die eigentlichen Probleme nicht angegangen werden, etwa weiter Tafeln statt Whiteboards in Schulen gebaut werden, weil es für die technische Wartung kaum Personal gibt, wird der Zulauf an Privatschulen zunehmen.

Alleine wegen des Rathauses als Amtssitz eines OB kennen Sie die Oberstadt, für die nun ein Entwicklungskonzept vorliegt, aus dem Effeff. Wie sehen Sie deren Zukunft?

Vaupel: Die Oberstadt, wie alle Innenstädte, war und ist ein Marktplatz, aber einer, der sich wegen des Digitalgeschäfts neu erfinden muss. Das Konsum- und Freizeitverhalten der Menschen wird sich nicht ändern. Die Antwort für Innenstadt-Zukunft sollten dabei nicht Menschen der Generation 60+ finden. Man sollte sie gezielt bei 20-Jährigen suchen, die schon in den unaufhaltbaren Trends leben und wie selbstverständlich analog mit digital ver- und das Internet in alle Lebenslagen einbinden. Für mich ist klar: Ohne ein der Zeit angemessenes Erlebnis- und Begegnungsangebot, ohne eine starke Tourismus-Säule und damit verbunden vor allem ohne Schrägaufzug zum Schloss, werden wir die Oberstadt nicht nur als Handels- sondern sogar als Aufenthaltsort verlieren. Das Schloss, das Gebiet drum herum, ist für das neue Standbein Tourismus ein Schlüssel. Den Schrägaufzug nicht schon gebaut zu haben, ist wegen der uns weglaufenden Zeit der größte Fehler der letzten Jahre.

Von Björn Wisker

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