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Marburg Marburgs Batwoman: Die Retterin der Fledermäuse
Marburg Marburgs Batwoman: Die Retterin der Fledermäuse
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15:58 14.07.2020
Marburgs „Batwoman“: Katja Spruck ist Fachfrau für Fledermausschutz und päppelt in Wehrda kranke und verletzte Tiere auf. Quelle: Thorsten Richter
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Wehrda

Sie füllt die winzige Pipette mit einer hellen Flüssigkeit. Es ist ein Gemisch aus Welpenmilch und Fencheltee, wovon in den nächsten Minuten jeweils wenige Tropfen dort landen, wo sie landen sollen: In den Bäuchen der zehn gierig schluckenden und saugenden Zwergfledermaus-Babys, die aktuell bei Katja Spruck leben.

„Na, nicht so hektisch, ist genug für alle da“, sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen zu einem der Tiere, das so groß wie ein Gummibärchen ist. „Klein sind sie, aber faszinierend.“

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In Sprucks Haus, hoch oben in Wehrda am Waldrand, betreibt die beruflich als Physikerin arbeitende Frau die einzige offizielle Auffangstation für Fledermäuse weit und breit. In einem Zimmer, in dem an der Wand eine Übersicht aller Fledermausarten im Land hängt, hat sie vor etwa drei Jahren ein Refugium für verletzte Tiere aufgebaut.

In zwei großen Käfigen, in denen Äste stehen, werden die nachtaktiven Winzlinge von einem großen Tuch verhüllt – als Schutz vor dem Tageslicht. Fliegen können die Kleintiere eh nicht, entweder weil es Babys sind oder Verletzungen es verhindern. „Wenn sie fliegen, dann lernen sie es nicht in dem Raum hier, sondern bei mir im Büro“, sagt sie.

„Die Tiere haben mich ausgesucht, nicht ich sie“

Mutter Tierärztin, Vater und großer Bruder ehrenamtlich im Fledermausschutz aktiv – die Prägung, Neigung war früh klar, nachdem die Familie vor 30 Jahren ein verletztes Tier fand, es auch von Experten der Uni Gießen damals nicht geheilt werden konnte und sich die Familie dem Fledermauswohl verschrieb.

„Ich bin mit Fledermäusen und mit ihrem Schutz praktisch aufgewachsen. Für mich war und ist es selbstverständlich, diese Tiere um mich zu haben“, sagt sie.

Der eigentliche Auslöser war aber, und das vor mehr als 20 Jahren, dass sich eine bestimmte Pflege-Fledermaus von ihrem Vater nicht mehr anfassen ließ. „Die hat sich auf mich eingeschossen. Ich war gezwungen, mich um sie zu kümmern.“ Ihr Hobby hätten auch Schildkröten sein können, „aber die Tiere haben mich ausgesucht, nicht ich sie“, sagt Spruck.

Fledermäuse sind „biologische Erfolgsgeschichte“

Und seitdem ist die Naturwissenschaftlerin in sie vernarrt, selbst ihr T-Shirt wird von Fledermäusen geziert. Ihre Faszination für die je nach Gattung bis zu 30 Jahre alt werdenden Flugwesen beruht vor allem auf der Bewunderung für deren Zähigkeit. „Es gibt sie seit 50 Millionen Jahren, sie haben allem Wandel auf der Welt getrotzt, sich angepasst. Sie sind einfach ein Wunder der Evolution, eine biologische Erfolgsgeschichte.“

Kirchhain, Bürgeln, Gladenbach, Michelbach – wann immer Menschen eine etwa am Boden liegende, aber noch zuckende Fledermaus finden, rufen sie bei der Stadt oder dem Veterinäramt an und werden von dort an „Batwoman“ Spruck verwiesen, die sich um die Findlinge kümmert und sie entweder gesund auswildert oder einschläfern lässt. So können Flughaut-Risse ganz gut heilen, Armbrüche etwa nach Katzenattacken aber nicht.

Die Babys sind maximal zwei Monate bei ihr, eine war es aber sogar ein Jahr. Sie kümmert sich pro Jahr um Dutzende Tiere, etwa ein Drittel werde eingeschläfert. Und das Einschläfern sei angesichts der nicht sicht- oder hörbaren Schmerzen verletzter Tiere manchmal „der beste Beitrag zum Tierschutz“.

Auffangstation ist kein Ponyhof

Das Ziel sei, möglichst viele und starke Tiere auszuwildern – von daher gebe es früh eine Art Fledermaus-Triage: Die Konzentration gilt denen, die die beste Überlebens-Chance haben. Um diese dann fit zu kriegen, füttert Spruck die eigentlich auf Motten, Schmetterlinge und Würmer getrimmten Tiere. Aber wenn es nicht gerade die Milch für Babys ist, bekommen sie in Wehrda Mehlwürmer aus der Dose.

Das Leben in der Auffangstation in Wehrda ist aber für die Fledermäuse trotz aller Fürsorge letztlich auch kein Ponyhof: Während der Fütterung streunt eine Katze um Spruck und ihren dreijährigen Sohn herum, giert sichtbar nach einer Fledermaus-Speise.

Doch der Mutter-Instinkt versagt auch bei der größten Bedrohung nicht – der Vierbeiner wird flugs vertrieben – und das nächste Fledermausbaby nuckelt an der Flasche.

Von Björn Wisker