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Marburg Diese Marburgerin beschützt Flüchtlinge
Marburg Diese Marburgerin beschützt Flüchtlinge
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17:56 08.06.2020
Anna Radke kämpft dafür, dass Fatima Abidi und Tarek Ramdani mit ihren Kindern in Deutschland bleiben können. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Sie steht im Gang, am Ende des langen Flurs eines Mehrfamilienhauses in der Innenstadt. Hier ist sie zu Hause, ohne zu Hause zu sein. Denn Anna Radke lebt zwar noch im selben Gebäude wie vor Ausbruch der Corona-Pandemie, aber sie hat das Stockwerk gewechselt.

Als das Coronavirus nach Deutschland kam, hat sich die Marburgerin schnell ein frei werdendes Apartment zusätzlich zu ihrer Eigentumswohnung gemietet – um sich angesichts ihrer bald 80 Lebensjahre, also als Teil der Risikogruppe, zu isolieren. Aus Angst vor einer Infektion?

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Ja und nein, denn eigentlich will sie sich nicht um ihrer selbst Willen schützen, sondern die fünfköpfige algerische Familie, mit der sie seit Januar 2019, seit deren gescheiterter Abschiebung auf rund 100 Quadratmetern zusammenlebt.

„Mir darf nichts passieren, ich muss funktionieren, bis sie in Sicherheit sind. Das ist meine Lebensaufgabe“, sagt Radke, die seit rund drei Monaten ihre Immobilie Fatima Abidi, Tarek Ramdani und den drei Kleinkindern überlässt.

Angst um das eigene Leben

Die Bleiberechts-Hängepartie der Familie, deren Kinder seit 2014 allesamt in Marburg geboren sind, ist indes endgültig zur Dauerschleife geworden. Ihr Asylverfahren ist seit eineinhalb Jahren beendet, sie sind von den Behörden abgelehnt, hätten damals abgeschoben werden sollen. Sie saßen, Stunden nachdem sie aus der Cappeler Unterkunft geholt wurden, schon im Flugzeug am Frankfurter Flughafen, Ziel Algerien.

Dort fürchten sie wegen einer Familienfehde um das eigene Leben und vor allem um das der Kinder. Denn die, so erklärt es Ramdani, seien als Quasi-Deutsche, als ungläubige und illegal gezeugte Kinder von der strenggläubig-muslimischen Verwandtschaft nicht anerkannt, würden im Namen der Sharia „umgebracht wie Tiere“.

Beratung mit Juristen

Ein emotionaler Zusammenbruch der damals hochschwangeren Abidi, die ein ärztliches Attest über ihre Risikoschwangerschaft samt Reiseunfähigkeits-Bescheinigung hatte, ließ die Abschiebung scheitern. Grund: Der Pilot des Flugzeugs lehnte einen Transport unter diesen Bedingungen ab. Seitdem leben die Algerier bei der Flüchtlingshelferin.

Aber Radke wäre nicht Radke, wenn sie den Stillstand akzeptieren würde. „Es gibt eine große Hoffnung, und zwar die auf ein neues Asylverfahren“, sagt sie. Gemeinsam mit Rechtsanwälten hat sie einen algerischen Juristen aufgetrieben, der in der Heimatregion der geflüchteten Familie private Dokumente beglaubigen, deren Echtheit von dortigen Gerichten bestätigen lassen soll.

Anzeige wird nicht zurückgezogen

Bei den Papieren, deren Authentizität deutsche Behörden und Gerichte bis zuletzt angezweifelt haben, handelt es sich nach Familienangaben um solche, die die Verfolgung und Gefährdung Ramdanis und Abidis in ihrem Heimatland verbriefen. Zwangsheirat, Ehrenmord unter Sharia-Gesetzgebung, Entführungs-Anzeige samt jahrelanger Haftdrohung:

Die sodann als offizielle Schreiben bestätigten Dokumente sollen Ramdani und Abidi als neue Beweise dienen, um abermals Asyl beantragen zu können und es angesichts der akuten Bedrohung – laut Ramdani will die Familie seiner Frau trotz mehrmaliger Bitten die Anzeige gegen ihn nicht zurückziehen – gewährt zu bekommen.

Nächster Tiefschlag: Der Sohn ist taub geboren

Vor allem das Schicksal der Kinder Maria, Mirel und des nun einjährigen Gabriel wühlen viele Menschen in Marburg über den für die Familie aktiven Unterstützerkreis emotional auf. In der Universitätsstadt geboren, in Kindertagesstätten integriert, zu Hause mit Großmutter Radke Deutsch lernend, fehlt es ihnen sowohl an Perspektive als auch zunehmend an Gesundheit.

Der Abschiebeschock von einst, so schätzen beauftragte Psychologen, sorge etwa dafür, dass die Mädchen kaum noch sprechen. Und ob nicht vielleicht die Aufgewühltheit, die Ohnmacht Abidis bei der Abschiebung, ein daraus resultierender Sauerstoffmangel im Babybauch für die neueste Horror-Diagnose bei Sohn Gabriel verantwortlich ist? Der Einjährige ist taub, Ursache unklar. „Es ist eine rundum unerträgliche Lage“, sagt Radke.

Die Familie „geht vor die Hunde“

Die vor einem Jahr eingereichte Bleiberechts-Petition beim Hessischen Landtag ruht, der Schutzstatus für Gabriel läuft nun aus, immer wieder wird die Duldung der Familie seitens der Ausländerbehörde um wenige Wochen oder Monate verlängert, aktuell bis Ende Juni. Darüber, dass das Stadtparlament, der Magistrat seit Jahren freiwillig 200 Flüchtlinge in Marburg aufnehmen wolle, kann Radke nur noch den Kopf schütteln.

Eine Familie, die bereits hier sei und leide, „geht vor die Hunde“. Eben weil sie selbst „radikale Nächstenliebe“ lebe, sei es ihr „unbegreiflich, wie man integrationswilligen, herzensguten Menschen eine Chance auf ein Leben und das Leisten eines Beitrags für die Gesellschaft verwehren kann“.

„Es sind doch noch Kinder“

Was sie meint: Ex-Handwerksfirmen-Inhaber Ramdani, der in der Vergangenheit mehrere Straftaten wie Diebstahl beging, hat seit Jahren ein Jobangebot eines heimischen Handwerksbetriebs und könnte der Familie eine Zukunft aufbauen. „Es ist eine schmerzhafte Situation und wir leiden in Stille. Aber wir hoffen weiter, dass der deutsche Staat an uns denkt und uns bleiben und arbeiten lässt“, sagt Abidi.

Die Befürchtung ist aber, dass der Staat zwar sehr wohl die Familie denkt, sie aber eben weiter abschieben statt arbeiten lassen will. Dieser Gedanke nagt an Ramdani, als er vor wenigen Tagen bei einem Treffen mit der OP seine lauthals lachenden aber schweigenden Töchter auf der Schaukel des Südviertel-Spielplatzes schwingen sieht. „Es sind doch noch Kinder, sie sollen ein schönes Leben, eines in Sicherheit haben. Mehr will ich nicht.“

Von Björn Wisker

08.06.2020
08.06.2020
08.06.2020
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