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Marburg Marburgerin schildert Krawalle auf Lesbos
Marburg Marburgerin schildert Krawalle auf Lesbos
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17:06 02.03.2020
Kimberley Landfried studiert an der Philipps-Universität Marburg Sport – und steht vor ihrer Abreise ins Flüchtlingslager Lesbos vor der ehemaligen Erstaufnahme-Einrichtung in Cappel Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Kaum ist Kimberley Landfried auf der griechischen Insel Lesbos angekommen, befindet sie sich sprichwörtlich im Krisenmodus. Die Marburgerin ist in dieser Februarwoche in das gefürchtete „Camp Moria“ gereist, um dort Flüchtlingen zu helfen – doch die Sportstudentin sitzt plötzlich auf einem Pulverfass. Denn mit Streiks und Protesten wollen die Einwohner der griechischen Inseln – neben Lesbos auch auf Chios – den Bau neuer Flüchtlingslager verhindern. Dabei kam es in den vergangenen Tagen zu schweren Auseinandersetzungen mit der Bereitschaftspolizei. 50 Bewohner und Polizisten sind dabei verletzt worden. In und um die Registrierlager auf den Inseln harren inzwischen knapp 42 000 Menschen aus. Die Camps sind aber nur für rund 8 000 Menschen ausgelegt. Die Insel-Bewohner fordern eine Übersiedelung von Flüchtlingen nach der Registrierung auf das griechische Festland.

Viel Reizgas versprüht

Mit der OP hat Landfried als Augenzeugin der Ausschreitungen über ihre Erlebnisse in den letzten Stunden gesprochen: „Die Stimmung scheint zu kippen. Die griechische Inselbevölkerung und viele andere Menschen verbinden sich und wollen nicht akzeptieren, dass hier ein weiteres ’Gefängnis’ gebaut wird“, sagt sie. Am Mittwoch habe es ein enorm großes Polizeiaufgebot gegeben. „Es wurde sehr viel Reizgas versprüht. Die Menschen geraten zwischen die Fronten.“

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Am Donnerstagmorgen seien dann ungefähr 15 Polizeibusse wieder auf die Fähre gen Festland gefahren, aber kurz darauf sei es erneut zu Protesten gekommen. Diese hätten zwar nicht so ein großes Ausmaß, wie die Proteste zuvor. Trotzdem: „Menschen mit Schlagstöcken laufen durch die Straßen“, sagt die 22-Jährige. Alle Geschäfte, Schulen, Taxis seien zu. „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier sich auch nicht mehr zu wehren wissen. Sie können diese menschenunwürdigen Bedingungen hier nicht weiterhin dulden, weswegen sich der Protest nicht gegen die Menschen, sondern gegen die Entscheidung der Regierung richtet.“

Froh, ein Dach über dem Kopf zu haben

Wie geht es ihr dabei? „Soweit gut, aber natürlich bemerke ich die angespannte Stimmung, es wird geraten, das Stadtzentrum derzeit zu meiden. Es tobt ein Sturm und es ist schlechtes Wetter mit Regen. Ich bin froh, ein Dach über dem Kopf zu haben“ – und sie hoffe, dass die Menschen in den Zelten die Tage gut überstehen.

In Marburg studiert Landfried seit eineinhalb Jahren Sport- und Bewegungswissenschaften. Im Programm „Yoga and sport for refugees“ will sie mit dem, was sie lernt, Menschen Kraft geben und ihnen helfen, zu sich selbst zu finden. „Die Leute mit Fluchthintergrund in Moria sind teilweise selbst Sportler“, sagt sie vor ihrer Abreise zur OP. „Ich weiß, dass Sport viel möglich machen kann, aber Sport kann auch ausschließen.“ Aber: „Ich bin der Meinung, dass wir nicht oft mit Menschen wirklich in Kontakt treten und über deren Köpfe hinweg entscheiden.“ Fakt sei: Anstatt zusammenzustehen, würden viele Hilfesuchende in und von der EU alleine gelassen.

Von Björn Wisker

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