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Marburg Verqueerte Welt im Kinderheim
Marburg Verqueerte Welt im Kinderheim
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07:59 28.01.2020
Sozialwissenschaftlerin Dr. Constanze Ohms (von links), Bernd Stolte vom St. Elisabethverein, Conny Schlerf und Mario Ferranti (beide Aids-Hilfe Marburg). Quelle: Tobias Kunz
Marburg

Heimkinder haben es per se nicht einfach, sagt die Sozialwissenschaftlerin Dr. Constanze Ohms. Wenn sie dann noch einer Minderheit angehören, beispielsweise aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, fühlen sie sich gleich zweifach geächtet. „Sie schämen sich doppelt: „Ich war im Heim und bin ‚anders‘“, führt Ohms aus. Sie untersucht derzeit die Situation von queeren Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe. Unter queeren Personen versteht man unter anderem Lesben, Schwule, Trans- oder Intersexuelle.

Im Jahr 2018 waren allein in Hessen 10 700 Jugendliche und junge Erwachsene bis unter 27 Jahren in Heimen untergebracht. Geht man von einem queeren Anteil von 7 bis 8 Prozent aus, kommt man auf rund 800 Kinder. Das Berliner Marktforschungsinstitut Dalia Research beziffert den Anteil queerer Menschen in Deutschland auf 7,4 Prozent.

Seit März 2018 läuft Ohms’ Forschungsprojekt und soll im März dieses Jahres enden. In ihren Gesprächen mit hessischen Jugendlichen hat die Sozialwissenschaftlerin teils dramatische Schicksale erfahren. Von jungen Menschen, die wegen ihrer Homosexualität fliehen mussten und von einem Jungen, der für sein Schwulsein von seiner eigenen Mutter mit einem Messer bedroht worden sei. Der Grund für das Leben im Heim ist nicht immer bei den Jugendlichen zu finden, oftmals dient die Fremdunterbringung lediglich ihrem eigenen Schutz.

Ohms bemängelt, dass klare Konzepte fehlen, wie mit queeren Jugendlichen in der Jugendpflege umzugehen ist. Dabei sei die Bereitschaft in Heimen groß, für Jugendliche da zu sein. Das habe sie in etlichen Gesprächen gemerkt. „Das ist ein guter Nährboden für positive Entwicklungen“, sagt Ohms. Es gebe in den Heimen stets einen guten Willen – „egal ob der Träger konfessionell ist oder nicht.“

„Für Trans-Fälle gibt es in der Regel keine Lösung“

Die Studie der Forscherin wird begleitet von der Aids-Hilfe in Marburg und dem St. Elisabeth-Verein. Die Aids-Hilfe werde gelegentlich von Betreuern kontaktiert, die den Heimkindern in ihrer Pubertät helfen wollen, sagt Mario Ferranti. „Die Kindheit ist wichtig für die Identitätsbildung.“ Das hat auch der St. Elisabeth-Verein erkannt. „Wir sind als großer Träger in der Region dazu angehalten, Jugendliche bei ihrer Identitätsfindung zu unterstützen“, sagt Bernd Stolte. Durch die Studie erhoffe man sich zu erfahren, wie man queere Jugendliche angemessen begleiten könne. „Ich finde es toll, dass sich die Jugendhilfe so in die Karten schauen lässt‘“, sagt Conny Schlerf von der Aids-Hilfe. „Das ist nicht selbstverständlich.“

Für ihre Studie hat Ohms mit etlichen Jugendlichen und Betreuern gesprochen. Die Anfrage wurde über das Sozialministerium an die Heime verteilt. Im Anschluss meldeten sich die Einrichtungen bei Ohms, die an der Studie teilnehmen wollten. „Wie wird die Lage dann erst bei anderen sein?“, fragt sich Ohms.

Queeres Leben sei kein Thema, dass in der Jugendpflege im Fokus sei, sagt Ohms. Die Betreuer müssten sich im Einzelfall mit dem Thema auseinandersetzen. Das koste neben Zeit auch weitere Ressourcen. Nur selten haben Betreuer Kontakt zur Community – oder sind selbst schwul oder lesbisch.

Wichtig ist, offen über alles reden zu können

Dabei sei es wichtig für Jugendliche, ein Gegenüber zu haben, das ihren eigenen Lebensentwurf widerspiegelt, sagt Ohms. Ein Jugendlicher erzählte ihr, wie glücklich er darüber sei, einen schwulen Betreuer zu haben, mit dem er offen über alles reden könne.

„Es ist schwierig, wenn Kinder spüren, dass sie sich nicht outen können“, sagt Ferranti. „Das ist kontraproduktiv“, betont Ohms. Die Unwissenheit der Heime sorgt mancherorts für skurille Situationen. Ohms berichtet von einem Mädchen, das die Pille aufgeschwatzt bekam, obwohl es lesbisch war, oder von einem Mädchen, das sich als Trans-Junge fühlte, sich aber nicht outete, weil es sonst die Einrichtung hätte verlassen müssen. „Für Trans-Fälle gibt es in der Regel keine Lösung.

Das ist bei den Lebensgeschichten eine Katastrophe“, sagt Ohms.
Mit ihrer Studie soll jetzt eine Diskussionsgrundlage geschaffen werden. Denn Forschungsergebnisse und Literatur zum Thema liegen im deutschsprachigen Raum nicht vor.

von Tobias Kunz