Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg So helfen Sie Wildbienen
Marburg So helfen Sie Wildbienen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 26.04.2022
Biologe Martin Wittich hat die Wildbienenstation mit angelegt und zeigt den genutzten Brechsand, der besonders formstabil ist und sich für Niströhren der Wildbienen eignet.
Biologe Martin Wittich hat die Wildbienenstation mit angelegt und zeigt den genutzten Brechsand, der besonders formstabil ist und sich für Niströhren der Wildbienen eignet. Quelle: Ina Tannert
Anzeige
Marburg

Grober, klumpiger Sand, ein durchlöcherter alter Baumstamm, umgeben von Sandstein-Blöcken – diese Ansammlung an Gartenzubehör klingt erstmal nicht besonders dekorativ, kann aber mit etwas Kreativität zum absoluten Hingucker und zum Bienenparadies werden. Die genannten „Bausteine“ bilden die Grundlage für ein gut ausgestattetes Zuhause für zahlreiche Wildbienenarten und deren Nachwuchs.

Wie das genau geht, das haben Experten im Neuen Botanischen Garten der Philipps-Universität Marburg vorgemacht: Dort ist neben dem bereits existierenden Bienenpavillon (für Honigbienen) ein weiteres Bienen-Refugium entstanden, für die wilden Verwandten.

Diese Blumen mögen Wildbienen

Noch letzte Woche schaufeln und gestalten Landschaftsarchitekt Jens Maute und seine Mitarbeiter die „Wildbienenoase“, wie der Gartenbauer die neue Fläche nennt. Die ist nach den Vorlieben vieler Wildbienenarten ausgerichtet und davon gibt es rund 550 Arten – etwa 75 Prozent leben im Boden. Etwa in Sandflächen. Allerdings muss es schon grober, ungewaschener Sand sein, der entsprechend formstabil ist.

Und so eine Anlage ist nicht nur für große Gärten geeignet: „Es ist faszinierend, wo die Bienen überall nisten, vom Sand bis zum Schilfrohr – Wildbienen kann man mit einfachen Mitteln überall fördern, auch im Kleinen“, betont Biologe Martin Wittich. Jeder kann Wildbienen helfen und selbst auf dem Balkon eine Holz-Variante zurechtbohren oder einen hohen Kübel mit Sand bereitstellen. Ein Tipp vom Profi: Unter der Sandfläche hilft eine großzügige Schotterschicht dabei, dass der Sand auch nach einem Regenguss wieder gut abtrocknet.

Viele Gärten sind zu aufgeräumt

Die Projektpartner von Uni und Gartenbaufirma haben im Botanischen Garten praktisch die Blaupause dafür angelegt, die jeder nachbauen kann. Das Wildbienenprojekt hat die Gartenbau-Truppe von Jens Maute auf eigene Kosten übernommen, für ihn ist das auch eine Art „Gegenbewegung“ zum verbreiteten Schottergarten oder zu überpflegten Gärten, wo der Mähroboter mit allem, was blüht, kurzen Prozess macht. Dort finden Insekten nichts mehr zum Fressen, „uniforme, aufgeräumte Gärten sind tot, da fehlt die Strukturvielfalt“, so Maute.

Nebenan entsteht auf dem Pflanzbereich auch gleich das Tagesmenü für die nistenden Bienen. Dort sind heimische Gewächse wie das gewöhnliche Katzenpfötchen oder die Golddistel gepflanzt. Die Mischung stammt aus der eigenen Zuchtstation des Botanischen Gartens, die der wissenschaftliche Mitarbeiter Alexander Ruppel ausgewählt hat. Etwa 50 dieser heimischen Wildarten sind auch Teil eines Pflanzenpaten-Programms der Uni für mehr biologische Vielfalt.

Zum Nachmachen

Bienen-Brutkasten zum Selberbauen:

Grundlage: Eine etwa 10 Zentimeter dicke Schicht aus Schotter

Sandbereich: Rund 40 bis 50 Zentimeter grober, ungewaschener Brechsand, der formstabil ist. Beispiel: Eine zwei mal zwei Meter große Fläche braucht etwa drei Tonnen Sand.

Umgebung: Steine aller Art (Sandstein bis Klinkerstein-Reste) um die Sandfläche anordnen. Diese sorgen für Wärme, da sich die Steine aufheizen und die Wärme langsam wieder abgeben. Auch Bienentränken, eine mit Steinen und Wasser gefüllte Schüssel, sollten nicht fehlen.

Holz-Bruthöhle: In einen alten Holzstamm werden mit dem Bohrer mehrere, unterschiedlich große Löcher im rechten Winkel gebohrt, die drei bis neun Millimeter breit und etwa zehn Zentimeter tief sind. Eventuell ausgefranste Eingänge wegen Verletzungsgefahr glätten.

Ruppel hat noch einen besonderen Tipp für Gartenbesitzer: Zwar ist nun die Zeit, wo Stauden oder Gräser zurückgeschnitten werden – er rät aber dazu, die Stiele stehen zu lassen. Denn noch bis Juli kann der in den Stängeln sitzende Insekten-Nachwuchs schlüpfen und so auch überleben.

Urbanität und Vielfalt

Die Marburger Universität nimmt über den Neuen Botanischen Garten auch an dem Projekt „Urbanität und Vielfalt“ verschiedener Universitäten teil – das ist ein breitenwirksames Umweltbildungs- und Naturschutzprojekt, der Bürgerinnen und Bürger beim aktiven Schutz von Wildpflanzen mit einbezieht. Durch bürgerschaftliches Engagement soll mehr Biodiversität erreicht werden: Im Projekt werden 45 gefährdete regionale Wildpflanzenarten vom Neuen Botanischen Garten herangezogen und zur Vermehrung an Interessierte ausgegeben. Das kann im Blumenkasten, Garten oder auf den Archeflächen des Botanischen Gartens passieren. Dort werden die Pflanzen im Sinne einer Patenschaft weiter betreut.

Eine Auswahl bienenfreundlicher heimischer Pflanzen für den eigenen Garten, Balkon oder Terrasse, die auch Teil des Pflanzprojekts sind:

Kleiner Eberwurz (Golddistel); Echter Wiesenhafer; kriechende Hauhechel; Körnchen-Steinbrech; Heide-Nelke; Gewöhnliches Zittergras; Gemeiner Augentrost; Flügel-Ginster; Gewöhnliche Kreuzblume; Kleine Bibernelle; Gemeiner Thymian; Feld-Klee; Hunds-Veilchen; Sonnenröschen.

Hier geht es zu allen Projektpflanzen des Marburger Urbanität & Vielfalt-Standortes: https://urbanitaetundvielfalt.de/partner/marburg/pflanzen/

Von Ina Tannert

25.04.2022
Marburg Analyse der Frankreich-Wahl - Bekommt Frankreich eine linke Mehrheit?
25.04.2022