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Marburg Marburger kämpft gegen russische Kriegspropaganda
Marburg Marburger kämpft gegen russische Kriegspropaganda
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09:02 20.04.2022
Am Oberen Rotenberg hat der Arzt Dr. Gerhard Korger dieses Z an einem Strommast gefunden.
Am Oberen Rotenberg hat der Arzt Dr. Gerhard Korger dieses Z an einem Strommast gefunden. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Als Dr. Gerhard Korger auf dem Weg nach Hause ist, traut er seinen Augen nicht. Ein großes Z prangt auf einigen Straßenschildern am Oberen Rotenberg – aufgesprüht mit weißer Farbe. Ein Schock für den 66-Jährigen. „Ich hab gedacht, jetzt ist der Propagandakrieg also bei uns angekommen“, erzählt der Mediziner. Er muss sofort handeln. Er kann nicht wegschauen. Das Z einfach ignorieren, das kann er nicht. Kurzerhand holt er Klebeband von zu Hause und überklebt den letzten Buchstaben des Alphabets, der sich zum Zustimmungssymbol für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine entwickelt hat (Siehe Infokasten).

„Dieses Zeichen steht für den volksvernichtenden Einsatz, den das russische Regime in der Ukraine führt. Es ist das Vernichtungszeichen und für mich deshalb genauso einzustufen wie das Hakenkreuz. Es ist Volksverhetzung“, betont der Arzt. In seinen Augen sei es sogar „Kriegstreiberei“. Das Z wiegele eindeutig dazu auf, dem „Völkermord an den Ukrainerinnen und Ukrainern“ zuzustimmen, so Korger. Deshalb will er auch Anzeige erstatten bei der Polizei.

140 Ermittlungsverfahren in Deutschland

Und damit ist er nicht allein. In Deutschland wird immer öfter wegen des Z-Symbols ermittelt. Wie eine Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland bei mehreren Landesbehörden ergab, wurden bislang mehr als 140 Ermittlungsverfahren wegen der Befürwortung des russischen Angriffskriegs eingeleitet.

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar ist auf Panzern und Uniformen der Russen häufig ein weißes Z zu sehen. Es steht für „za pobedu“ und bedeutet „Für den Sieg“. Auch außerhalb des Kriegsgebietes wird es auf Gebäuden, an Autos und auf Kleidung sowie in sozialen Medien gezeigt. Mehrere Bundesländer haben mittlerweile strafrechtliche Konsequenzen angekündigt, wenn das Symbol auch in Deutschland gezeigt werden sollte. Es könne als „Billigung einer Straftat“ gewertet werden, wenn ein Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg nachzuweisen sei, heißt es dazu unter anderem aus dem NRW-Innenministerium. Dann drohten laut Paragraf 140 im Strafgesetzbuch bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

Das bedeutet das „Z“

Zuerst tauchte das „Z“ nur auf russischen Panzern in der Ukraine auf, doch längst ist der Buchstabe in Russland zum Symbol für den Krieg geworden. Wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte, steht das Schriftzeichen für den Slogan „Für den Sieg“. Der Ausdruck schreibt sich, ins Englische übertragen, „za pobedoy“. Im kyrillischen Alphabet gibt es den Buchstaben allerdings gar nicht, im Deutschen wird er als „S“ transkribiert, auch um auf die weiche Aussprache hinzuweisen.

Mittlerweile prangt das „Z“ in Russland auf vielen Autos. Arbeiter brachten es auf einer Raketenrampe des Weltraumbahnhofs Baikonur an. In sozialen Netzwerken fügen auch Prominente ein groß geschriebenes „Z“ in ihren Namen ein. In russischen Propagandavideos zeigen sich junge Leute mit dem Buchstaben auf ihren T-Shirts als Unterstützer von Präsident Wladimir Putin und der von ihm angeordneten „Spezialoperation gegen die Neonazis“ – wie der Krieg gegen die Ukraine in der gleichgeschalteten russischen Propaganda genannt wird. Einen Skandal löste jüngst der russische Turner Iwan Kuljak aus, als er das „Z“ beim Weltcup in Doha deutlich sichtbar auf sein Trikot klebte – er wurde Dritter, ein Ukrainer gewann.

Doch das „Z“ ist nicht der einzige Buchstabe, der auf russischen Militärfahrzeugen auffällt. Auch „X“, „O“ und „A“ wurden gesichtet.

Häufig war ein „V“ zu sehen. Laut russischem Verteidigungsministerium steht dies für „Die Kraft liegt in der Wahrheit“ – „sila v pravde“ nach englischer Transkription. Dabei handelt es sich um ein Zitat aus dem populären russischen Film „Brat 2“ (Bruder) aus dem Jahr 2000. Für die übrigen Buchstaben gab es keine Erklärung. Schon früh meinte auch die Ukraine, die Bedeutung entschlüsselt zu haben. Dieser Erklärung zufolge handelt es sich lediglich um einen Hinweis für russische Einheiten, woher die jeweilige Truppe stamme. Ukrainische Streitkräfte nutzen den Buchstaben längst für eigene Zwecke und pinseln auf unschädlich gemachte russische Panzer rund um das „Z“ in derber Sprache: „Putinu pizdez“ (englisch transkribiert) – auf Deutsch etwa: „Putin, du bist im Arsch.“

Auf Anfrage der OP bestätigt auch die Polizei Marburg, dass es im Landkreis Marburg-Biedenkopf Fälle gebe, bei denen das Z-Symbol augenscheinlich als politisches Symbol verwendet wurde. Noch seien diese Fälle im einstelligen Bereich. „Dazu liegen jeweils Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung vor. Zu den genannten Fällen wurden durch die zuständigen Polizeidienststellen Strafanzeigen gefertigt und kriminalpolizeiliche Ermittlungen aufgenommen“, sagt Yasmine Hirsch, Pressesprecherin der Marburger Polizei. Sie erklärt auch: „Das alleinige Verwenden des Z-Buchstabens ist nicht strafbar. Darüber hinaus ist die freie Meinungsäußerung in der Bundesrepublik ein besonders geschütztes Grundrecht.“

Aus Sicht der Hessischen Landesregierung und der hessischen Polizei sei es aber unstrittig, dass eine öffentliche Verwendung des Buchstabens Z zur Untermalung einer propagandistischen Unterstützung des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs nicht stillschweigend akzeptiert werden könne. „Hessische Sicherheitsbehörden werden daher weiterhin wachsam und niedrigschwellig alle gemeldeten oder selbst festgestellten Vorkommnisse erfassen und zügig bewerten“, betont Hirsch und erklärt weiter, dass die Bewertung einer strafrechtlichen Relevanz durch die Justiz im Einzelfall geprüft werde.

Für Dr. Gerhard Korger steht es außer Zweifel. Für ihn ist das Z ein klares Zeichen von Volksverhetzung. In der Ukraine finde eines der größten Kriegsverbrechen statt und Putin werde wie Stalin und Hitler als einer der größten Mörder in die Geschichte der Menschheit eingehen. „Deshalb ist es beunruhigend, dass wir in Marburg offensichtlich russische Mitmenschen haben, die diesen Völkermord in der Ukraine gutheißen“, sagt der Mediziner. Er warnt allerdings ausdrücklich davor, russische Mitbürger vorzuverurteilen. Selbst wenn sich in Deutschland lebende Russinnen und Russen nicht öffentlich gegen den Krieg äußerten, bedeute das nicht automatisch, dass sie ihn befürworteten. „Viele haben noch Familie in Russland und einfach Angst, dass etwas passiert“, so Korger.

Der 66-Jährige wird auch in Zukunft wachsam sein und seine Umgebung nach Z-Symbolen absuchen – um diese dann mit Klebeband zu überkleben. Das hat er immer griffbereit im Auto liegen.„Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen und müssen klar Stellung beziehen. Wehret den Anfängen!“, betont er. Er will ein sichtbares Zeichen gegen die russische Kriegspropaganda setzen – und hofft darauf, dass viele Menschen seinem Beispiel folgen.

Wer hat etwas gesehen?

Der Staatsschutz der Kripo Marburg ermittelt wegen der offensichtlichen politischen Motivation und einem eindeutigen Bezug zum Krieg in der Ukraine in zwei Fällen wegen Sachbeschädigungen durch Graffiti. Ein Tatort war dabei der Rotenberg. Die Tatzeit liegt vor Freitag, 15. April, 12.30 Uhr. Der oder die Täter hatten mit weißer Farbe einen 110 x 170 Zentimeter großen Buchstaben, ein „Z“, auf die Straße gesprüht. Der gleiche und ebenfalls weiße, allerdings nur 15 x 15 Zentimeter große Buchstabe befand sich zudem auf einem Vorwegweiser auf der Kreisstraße 79 am Kreisverkehr von Marburg Michelbach nach Caldern. Die Meldung über diese Sachbeschädigung erreichte die Polizei am Freitag, 15. April, um 21.10 Uhr. Derzeit gibt es keine Hinweise auf den oder die Täter. Wer hat entsprechende Beobachtungen gemacht? Wem sind eine oder mehrere Personen etwa mit weißen Farbanhaftungen an Kleidung oder Haut aufgefallen? Wer kann sachdienliche Angaben machen?

Hinweise an die Kripo Marburg, Telefon 0 64 21 / 40 60.

Von Nadine Weigel