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Marburg Die Macht der Erwartungen
Marburg Die Macht der Erwartungen
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13:59 08.06.2020
Professor Dr. med. Rainer Moosdorf (links), ehemaliger Chefarzt der Herzchirurgie im Universitätsklinikum, und Professor Dr. Winfried Rief, Leiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. Quelle: Tobias Hirsch/Archiv
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Marburg

Die positiven oder negativen Erwartungen von Patienten sind in der Forschung auch bekannt als Placebo- oder Nocebo-Effekte. Sie spielen für den Erfolg medizinischer Behandlungen eine wichtige Rolle.

Doch woran liegt das und was passiert dabei in Gehirn und Körper? Wie lassen sich Erwartungen gezielt zum Wohle der Patienten einsetzen? Diese Fragen werden ab sofort in Essen, Hamburg und Marburg in einem neuen Sonderforschungsbereich behandelt.

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Eine Rolle spielen die Placebos: Pillen, die wie Medikamente aussehen, und keine Wirkstoffe beinhalten, aber verblüffenderweise trotzdem wirken können. „Wir wissen bereits:

Die Erwartungen der Patienten haben starken Einfluss auf die Wirksamkeit einer Therapie und damit auch ganz wesentlich auf den Verlauf einer Erkrankung“, sagt der Marburger Psychologie-Professor Winfried Rief, der mit der Essener Schmerzforscherin Professorin Ulrike Bingel und weiteren Kollegen in Hamburg zusammenarbeitet. „Unser Ziel ist nun, diese Erwartungseffekte gezielter für medizinische Behandlungen einsetzen zu können.“

Chancen stehen im Vordergrund

Rief und Bingel können auf umfangreiche Vorergebnisse zurückgreifen, die sie zusammen mit weiteren Kollegen zwischen 2010 und 2019 in einer DFG-Forschergruppe gesammelt haben. Damals gab es bereits praktische Erfolge bei der Umsetzung der Erkenntnisse in die Herzchirurgie zu verzeichnen.

Dabei wurde die psychologische Begleitung bei schweren chirur­gischen Eingriffen am Herzen wie dem Einsatz von Bypässen getestet. Gezielt wurde dabei mit den Patienten über positive persönliche Zukunftsvisionen nach einer solchen Operation geredet. Die psychologische Betreuung zielte darauf ab, den positiven Effekt und die Chancen der Operation in den Vordergrund zu rücken.

Das Ergebnis des Forschungsprojektes war vielversprechend: Die Patienten, bei denen ein positives psychisches Umfeld vorbereitet wurde, waren sechs Monate nach einer Herz-Operation gesundheitlich deutlich stabiler, so Rief. Wichtig sei dabei jedoch eine fokussierte und professionelle psychologische Begleitung der Patienten.  

Systematische Anwendung ist das Ziel

Die Wissenschaftler konzentrieren sich in der ersten Förderperiode des neuen Sonderforschungsbereichs auf den Einfluss der Patienten-Erwartung bei zwei Volkskrankheiten: chronischen Schmerzen und Depressionen. Später sollen auch Autoimmun- sowie Herz-Kreislauferkrankungen untersucht werden. Dabei schauen sie immer sowohl auf psychische Effekte als auch auf biologische Prozesse. „Unser Ansatz ist hochgradig interdisziplinär geprägt“, erläutert Sprecherin Ulrike Bingel.

Übergeordnetes Ziel in dem neuen SFB ist die systematische Anwendung der in der Grundlagenwissenschaft gewonnenen Erkenntnisse in den klinischen Alltag. Die Forscher wollen im Endeffekt die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Therapien gezielt und individuell optimieren.

Schon das Arztgespräch hat Einfluss

„Uns geht es dabei aber nicht primär um den Einsatz von Pillen“, machte Rief im Gespräch mit der OP deutlich. Vielmehr sollten auch im klinischen Alltag mehr Erkenntnisse zur Frage gesammelt werden, welche Faktoren zu einem Behandlungserfolg beitragen.

„Es geht beispielsweise auch um die Frage, wie ein Arzt den Patienten über die Behandlung aufklärt“, deutet Rief an. Denn wenn ein Patient schon im Vorfeld eine gute Einstellung zu einer medikamentösen Therapie oder einem operativen Eingriff habe, dann könne dies zu einem besseren Genesungsverlauf führen.

Auch wenn Ärzte beim Verschreiben von Medikamenten gut erklären, warum diese helfen, könne deren Wirkung verstärkt werden.

Dialog mit dem Patienten

Diese Tatsachen seien zwar prinzipiell im Alltagswissen bekannt, aber wissenschaftlich bisher noch viel zu wenig verstanden und klinisch zu wenig genutzt. Eine Rolle spiele aber in diesem Zusammenhang das Gesprächsverhalten der Ärzte im Dialog mit dem Patienten.

Viel hänge davon ab, ob die Vorgespräche vor einer Therapie oder Operation sachlich und formal verlaufen oder ob der Arzt in diesem Stadion emphatisch und warmherzig agiere und auf die Interessen der Patienten eingehe. Der Forschungsansatz verlaufe „quer zum Mainstream“ in der Medizin, wo es derzeit auch einen Trend dazu gäbe, viele Behandlungsschritte eher zu automatisieren, sagt Rief.

Von Manfred Hitzeroth

Der Sonderforschungsbereich

Der neue überregionale Sonderforschungsbereich (SFB/Transregio) hat den Titel „Der Einfluss von Erwartung auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen“. Sprecherin ist Professorin Ulrike Bingel von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. 

Die Teilprojekte des Standortes Marburg werden von Professor Winfried Rief vom Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität koordiniert. Ebenfalls beteiligt ist die Universität Hamburg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert den Sonderforschungsbereich für zunächst vier Jahre mit rund 12 Millionen Euro. Rund ein Drittel des Geldes fließt an die Universität Marburg. 

Dort ist auch die Koordinierungsstelle für die psychologischen Daten. Prinzipiell ist bei einer erfolgreichen Begutachtung jeweils eine bis zu zweimalige Verlängerung um jeweils vier Jahre möglich. 

Professor Rief freute sich im Gespräch mit der OP darüber, dass jetzt zu dem Thema der Sonderforschungsbereich bewilligt wurde. Die Zusammenarbeit der Forscher ist in dieser Förderlinie inhaltlich breiter aufgestellt und strukturell besser in den einzelnen Universitäten verankert sowie finanziell besser ausgestattet als in einer DFG-Forschergruppe. 

Auch in der internationalen Kooperation können die Wissenschaftler punkten: Eine enge Zusammenarbeit gibt es mit Partnern an der Harvard Medical School und in Baltimore sowie in Turin.

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