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Marburg Zentrum für Konfliktforschung: Analyse von Ursachen, Folgen und Lösungen
Marburg Zentrum für Konfliktforschung: Analyse von Ursachen, Folgen und Lösungen
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10:00 15.07.2022
Krieg in Europa: Rettungskräfte beseitigen die Trümmer eines zerstörten Gebäudes nach einem russischen Angriff in einem Wohnviertel in der ukrainischen Stadt Charkiw.
Krieg in Europa: Rettungskräfte beseitigen die Trümmer eines zerstörten Gebäudes nach einem russischen Angriff in einem Wohnviertel in der ukrainischen Stadt Charkiw. Quelle: Ukrinform/dpa
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Marburg

Das Marburger Zentrum für Konfliktforschung feiert an diesem Freitag 20. Geburtstag – Corona-bedingt ein Jahr verspätet und ausgerechnet in einer Zeit, in der Krieg in der Ukraine herrscht. „Dass es wieder einen Angriffskrieg in Europa geben würde, damit haben wir nicht gerechnet“, sagt die Geschäftsführende Direktorin Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel. Es ist ein Krieg, der auch die Marburger Konfliktforscherinnen und -forscher schockiert – der aber auch zeigt, wie wichtig es ist, Konflikte, ihre Ursachen, Folgen und mögliche Lösungswege zu analysieren. Das tun die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Zentrum seit mehr als zwei Jahrzehnten – sie nehmen sowohl zwischenstaatliche Konflikte in den Fokus als auch gesellschaftliche Auseinandersetzungen.

Vor der Gründung des Zentrums lag eine lange Vorgeschichte. „Wir haben vor 40 Jahren mit der Ringvorlesung ’Konflikte in Gegenwart und Zukunft’ begonnen und vor über 30 Jahren den ersten Nebenstudiengang für Friedens- und Konfliktforschung ins Leben gerufen“, erzählt Privatdozent Dr. Johannes M. Becker, der 15 Jahre lang Koordinator und Geschäftsführer des Zentrums für Konfliktforschung war. Gemeinsam mit dem Soziologie-Professor Ralf Zoll und dem Physik-Professor Olaf Melsheimer gehörte er vor 40 Jahren zu den Gründern der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Friedens- und Abrüstungsforschung (IAFA). Anfangs mussten die Initiatoren die Friedens- und Konfliktforschung mit kleinen Projekten und mit Unterstützung eines gemeinnützigen Vereins über Wasser halten. Heute ist sie etabliert und anerkannt – nicht nur in Marburg.

Feier zum 20-jährigen Bestehen

Das Zentrum für Konfliktforschung (ZfK) der Philipps-Universität Marburg feiert sein 20-jähriges Bestehen mit einem Festakt am Freitagabend ab 18.30 Uhr im Vortragsraum der Universitätsbibliothek, Deutschhausstraße 9. Im Mittelpunkt steht eine Podiumsdiskussion zum Thema „Krise in der Friedens- und Konfliktforschung? Das Politische in der Wissenschaft“. Auf dem Podium nehmen unter anderem die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Aydan Özoğuz, und Prof. Dr. Hans-Joachim Giessmann, Direktor Emeritus der Berghof Stiftung, teil. Eingerahmt wird der Festakt von den Zentrumstagen, einer Konferenz unter dem Titel „Societal Conflicts: Collective Action in an Unequal World“. Keynote-Speaker sind Priska Daphi (Universität Bielefeld) und Nils Weidmann (Universität Konstanz).

Da nur eine begrenzte Zahl an Plätzen zur Verfügung steht, ist eine Anmeldung unter konflikt@uni-marburg.de erforderlich.

„Das Zentrum ist entstanden aus einem Netzwerk unterschiedlicher Disziplinen – nicht nur Politikwissenschaft und Soziologie, es war auch die Biologie und die Medizin dabei“, sagt der Stellvertretende Geschäftsführende Direktor Prof. Dr. Thorsten Bonacker. „Und das prägt das Zentrum bis heute.“ Dem Gründungsdirektor Ralf Zoll sei es gelungen, eine Vielfalt von Perspektiven zusammenzubringen. „Die Gründung des Zentrums ist darauf zurückzuführen, dass die Studierenden ein wahnsinnig großes Interesse an der Friedens- und Konfliktforschung hatten“, hebt Bonacker hervor.

Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel, PD Dr. Johannes Maria Becker und Prof. Dr. Thorsten Bonacker mit Master-Studenten im Audimax. Quelle: Thorsten Richter

Ein Meilenstein war der Aufbau der beiden Masterstudiengänge: Seit 15 Jahren gibt es den Studiengang Friedens- und Konfliktforschung, außerdem gemeinsam mit der University of Kent/Canterbury einen englischsprachigen Joint Degree-Studiengang Peace and Conflict Studies. In jedem Wintersemester beginnen etwa 35 Studierende den deutschsprachigen Master-Studiengang, 15 den englischen. Insgesamt sind derzeit 187 Studierende eingeschrieben. Sie lernen Konfliktanalysen, führen Forschungsprojekte durch, können eine Mediationsausbildung machen oder eine Ausbildung zum Gerichtsbeobachter. Viele Absolventinnen und Absolventen seien später friedenspolitisch tätig, berichtet Buckley-Zistel: zum Teil in internationalen Organisationen, aber auch in Deutschland, etwa in der Arbeit mit Flüchtlingen.

25 Wissenschaftler arbeiten am Zentrum

Aktuell arbeiten am Zentrum für Konfliktforschung 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter vier Professorinnen und Professoren, außerdem Gastwissenschaftlerinnen aus der Türkei, Südafrika, Zimbabwe, Rumänien und Finnland sowie 13 externe Doktorandinnen und Doktoranden. Bis heute habe das Marburger Zentrum eine besondere Ausrichtung, sagt Direktorin Buckley-Zistel. „Wir betreiben viel empirische Forschung von unten, in der wir mit betroffenen Personen sprechen. Und wir behandeln oft Themen, die nicht im Fokus stehen.“ Dazu gehören etwa feministische Themen und ein Projekt zu postkolonialen Strukturen in der Friedens- und Konfliktforschung. „Was uns ausmacht als Zentrum ist, dass wir wunderbar als Team funktionieren“, betont sie. „Und deswegen sind wir auch sehr erfolgreich. Wir inspirieren uns gegenseitig.“

Das sagt die Wissenschaft zu aktuellen Konflikten

Was kann die Konfliktforschung zur Lösung von Konflikten beitragen? „Lösen kann man Konflikte nur sehr selten“, sagt der Konfliktforscher Dr. Johannes M. Becker, „man kann sie aber aus unterschiedlichen Perspektiven der Wissenschaft analysieren und dann regeln, indem man Wege für ein Miteinander findet.“

Ukraine

Wie die Wege zur Konfliktregulierung konkret aussehen können, darüber sind oft auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Meinung – und das gilt aktuell besonders für den Ukraine-Krieg. Buckley-Zistel betont deshalb auch, dass sie ihre persönliche Sichtweise darlegt und nicht für das gesamte Zentrum spricht. Aus ihrer Forschung zum Thema Vergangenheitsbewältigung zieht sie die Erkenntnis: „Jede Person, die in so einem Konflikt stirbt, ist eine zu viel, da das großes Leid für die betroffenen Familien bedeutet.“ Sie gehöre zu der Gruppe von Menschen, die sich in diesem Konflikt mehr Diplomatie wünschen. „Mediation kann auch im Geheimen durchgeführt werden – ich hoffe, dass aktuell geheime Prozesse im Gang sind, die bald zu einem Waffenstillstand führen.“ Einen politischen Diskurs wünscht sie sich über die von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ausgerufene „Zeitenwende“ mit massiver Aufrüstung. Dadurch werde der bisherige Konsens infrage gestellt, dass Deutschland eine „Friedensnation“ sei. Dr. Johannes M. Becker spricht sich klar gegen Waffenlieferungen für die Ukraine aus. „Ich persönlich bin der Ansicht, dass man in dieses Feuer kein Öl gießen sollte. Den Krieg gegen das übermächtige Russland kann man nicht mit Waffen gewinnen.“ Seines Erachtens sollten die Menschen in der Ukraine nach dem Konzept des Sozialen Widerstandes passiven Widerstand leisten.

Nahost-Konflikt

Dr. Johannes M. Becker greift einen Vorschlag des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung auf: Die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens sollten nach dem Vorbild Europas gemeinsame wirtschaftliche und politische Institutionen bilden. „Wenn gemeinsam Wirtschaft, Politik und Wissenschaft betrieben wird, wird es schwieriger, einen Krieg zu beginnen.“

Nordirland

„Es ist erschreckend, wie sich der Konflikt in Nordirland entwickelt hat“, sagt Professorin Buckley-Zistel. „Mit dem EU-Austritt hat er neue Brisanz gewonnen. Meine Hoffnung ist, dass mit dem Weggang von Premierminister Boris Johnson eine Person mit mehr Fingerspitzengefühl sein Amt übernimmt.“

UKGM

Was sagt die Wissenschaft zu einem gesellschaftlichen Konflikt wie dem um die Zukunft des privatisierten Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM)? „Grundsätzlich ist in einer solchen Situation Mediation ein gutes Mittel“, sagt Buckley-Zistel. Auch Becker sagt: „Die Parteien müssen zurück an einen Tisch.“ Wichtig sei es, jeden Konflikt immer aus mehreren Perspektiven zu betrachten.

Von Stefan Dietrich