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Marburg Schnelltests sind Momentaufnahmen
Marburg Schnelltests sind Momentaufnahmen
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21:00 15.01.2022
Corona-Schnelltests werden ausgewertet.
Corona-Schnelltests werden ausgewertet. Quelle: Christian Stein
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Marburg

Omikron-Wand, Impfpflicht, Genesenen-Status – der Start ins neue Jahr ist verbunden mit neuen Fragen und Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Professor Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg, und seine Kollegin Dr. Nadine Biedenkopf erklärten im Gespräch mit der OP einige dieser Fragen.

Warum gilt der Genesenen-Status nur sechs Monate?

Genau wie bei der Coronavirus-Impfung nimmt auch nach der Covid-19-Erkrankung im Lauf der Zeit die Zahl der anti-Coronavirus-Antikörper im Blut ab und damit steigt wieder das Risiko, sich erneut anzustecken. Das bedeutet aber nicht, dass der Schutz komplett verloren ist. Schwere Erkrankungen werden auch bei sinkenden Antikörpertitern verhindert.

Hier spielt wahrscheinlich das Immungedächtnis eine große Rolle, das sich sozusagen an die vorherige Infektion oder Impfung erinnert und deutlich schneller als bei einer Erstinfektion neue Antikörper produziert. Allerdings ist das nicht ausreichend schnell, um die Ansteckung komplett zu verhindern, aber schnell genug um schwerere Verläufe abzufedern.

Der Marburger Virologie-Professor Stephan Becker. (Aufnahme aus 2020) Quelle: Markus Farnung

Sind die Antikörperwerte bei Genesenen wirklich durch die Bank besser als bei Dreifach­geimpften?

Nein. Das kommt auch auf die Impfung an. Zum Beispiel sind die Antikörper gegen das Spike-Protein des Coronavirus nach der Biontech-Impfung im Durchschnitt höher als nach der Covid-19-Erkrankung.

Wie wahrscheinlich ist es, dass 2022 das letzte Pandemie-Jahr sein wird? Und von welchen Faktoren hängt diese Entwicklung ab?

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Pandemie mit dem Jahr 2022 vorbei sein wird. Ich glaube aber, dass die Auswirkungen der Pandemie weniger einschneidend sein werden, weil die Zahl der Genesenen und Geimpften zunehmend steigt und somit mehr Menschen zumindest vor schweren Verläufen geschützt sein werden. Allerdings war diese Pandemie immer dazu gut, die Vorhersagen der Experten zu konterkarieren.

Wie sicher sind die Schnelltests wirklich? Und: Gibt es nach Ihrer Kenntnis auch Sicherheitsprobleme bei PCR-Tests?

Es gibt unterschiedliche Qualitäten bei den verfügbaren Schnelltests. Das kann man auf der Seite des Paul-Ehrlich-Instituts nachlesen. Sinnvoll ist es, solche Schnelltests zu verwenden, die das Paul-Ehrlich-Institut besonders hoch listet.    Dennoch besteht bei Schnelltests immer die Gefahr, dass die Viruslast der Infizierten (noch) nicht ausreicht, um ein positives Ergebnis auszulösen. Das könnte besonders bei Infektionen mit der Omikron-Variante eine Rolle spielen, die häufiger mild verläuft und zudem sehr schnell einsetzt.

Nadine Biedenkopf Quelle: Privatfoto

Da reicht dann die Empfindlichkeit der Schnelltests nicht mehr aus. Man sollte ein Schnelltest-Ergebnis immer als „Momentaufnahme“ betrachten, das wenige Stunden später durchaus auch anders aussehen kann und sich entsprechend vorsichtig verhalten.

Ist durch Erfahrungen beispielsweise aus Israel bekannt, nach wie langer Zeit die vierte auf die dritte Impfung folgen sollte?

In Israel wird die vierte Impfung für Menschen über 60 mit einem Risiko für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung empfohlen sowie für medizinisches Personal, frühestens drei Monate nach der Auffrischungsimpfung. Allerdings ist sich die Fachwelt nicht einig hinsichtlich des Nutzens einer vierten Impfung, die sich gegen das Ursprungsvirus richtet.

Wie ist aus Ihrer Sicht die in Zypern festgestellte „Deltakron“-Variante einzuschätzen und: Handelt es sich dabei überhaupt um eine neue Variante?

Darüber lässt sich wenig sagen. Einige der Experten, die sich mit Virussequenzierungen besonders gut auskennen, halten Deltakron für eine Laborkontamination, oder für einen Fehler bei der Bestimmung der RNA Sequenz. Es ist gut, bei solchen Meldungen zunächst mit einer gewissen Skepsis zu reagieren.

Fragen?

Unter der E-Mail-Adresse ­coronafragen@op-marburg.de können Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns weiter schreiben, wenn Sie im Zusammenhang mit der Pandemie Fragen haben. Die Redaktion wird versuchen, Ihre Fragen mit den Fachleuten zu erörtern und Antworten zu liefern. Gern können Sie uns auch schreiben an: Oberhessische Presse, Franz-Tuczek-Weg 1, 35039 Marburg, Stichwort „Coronafragen“.

Von Carsten Beckmann