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Marburg Ein Jahr Corona: Virologe zieht Bilanz
Marburg Ein Jahr Corona: Virologe zieht Bilanz
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20:00 02.03.2021
Der Marburger Virologie-Professor Stephan Becker.
Der Marburger Virologie-Professor Stephan Becker. Quelle: Archivfoto: Markus Farnung
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Marburg

Professor Stephan Becker ist Leiter des Instituts für Virologie an der Marburger Philipps-Universität. Im Interview mit der OP spricht Becker über die Erfahrungen mit dem neuartigen Corona-Virus, die Arbeit an Impfstoffen und über Öffnungsstrategien.

Ein Jahr Corona in der Region: Der erste Patient in Mittelhessen stammte aus Wetzlar. Sie haben sich als Leiter des Marburger Virologie-Institutes auch mit diesem Fall befasst. Was war dabei Ihr Part?

Wir hatten die Coronavirus-Diagnostik damals sehr schnell etabliert und der Patient aus Wetzlar war dann der erste Fall, den wir gefunden haben. Somit war das Coronavirus auch in Mittelhessen angekommen, und es gab eine erste Welle der Beunruhigung.

Wie viele Corona-Proben haben Sie seitdem im Institut untersucht?

Wir führen die allgemeine Virusdiagnostik für Patienten des Uni-Klinikums durch und zusätzlich untersuchen wir Proben auf SARS-Coronavirus. Weil die Anzahl an Proben, die auf Coronavirus untersucht werden mussten, plötzlich in die Höhe schnellte, haben wir mehr Mitarbeiter für diese Untersuchungen abgestellt und auch neue Mitarbeiter eingestellt. Wir analysieren pro Tag bis zu 800 Proben auf SARS-Coronavirus und das seit etwa einem Jahr.

Im Prinzip hat Ihre Beschäftigung mit dem Thema Covid-19 aber bereits Ende 2019/2020 begonnen – also schon, als die ersten Fälle in Wuhan auftraten. Wie kamen Sie da zusammen mit Kollegen aus München und Hamburg auf die Idee, selber einen Impfstoff zu entwickeln?

Wir befassen uns mit Corona-Viren schon seit dem SARS-Coronavirus-Ausbruch im Jahr 2003. Schon damals haben wir an einem Impfstoff gegen dieses neue Virus geforscht. Dann kam die Grippe-Pandemie 2009, in der wir zusammen mit Partnern einen neuen Impfstoff entwickelt haben. Im Jahr 2011 wurde dann das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) gegründet. Dort leite ich den Bereich „Emerging Infections“, was die Erforschung hochgefährlicher und neu auftretender Viren umfasst wie beispielsweise Ebola-und Lassavirus. Prinzipiell stehen dort Viren im Fokus, gegen die es noch keine Impfstoffe und Medikamente gibt. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, daran etwas zu ändern und die Entwicklung von Impfstoffen gegen Ebola oder das MERS-Coronavirus zu betreiben. Dass jetzt mit Covid-19 ein völlig neues Coronavirus hinzukam, war zwar überraschend, aber nicht völlig unerwartet. Wir haben auf das neue Virus unsere Erkenntnisse aus den vorherigen Projekten anwenden können. Allerdings waren wir von dem riesigen Ausmaß des Coronavirus-Ausbruchs überrollt. Denn eigentlich hatten wir bei dem ersten SARS-Coronavirus Ausbruch gelernt, dass man den Ausbruch mittels strikten Hygienemaßnahmen eindämmen kann.

Was ist das Besondere an dem aktuellen Coronavirus?

SARS-CoV-2 ist vor allem sehr gut von Mensch zu Mensch übertragbar und zwar schon bevor die Infizierten Symptome entwickeln. Das wussten wir erst seit den ersten deutschen Fällen in München. Ab da war allen Experten klar, dass diese Epidemie anders sein würde als die vorherigen. Das Problem liegt vor allem darin, dass man die Überträger nicht gut anhand ihrer Krankheitssymptome identifizieren kann. Das macht die Eindämmung so schwer.

Wie ist jetzt denn der Stand in Sachen des an der Uni Marburg mitentwickelten Impfstoffes, der ja von der Firma IDT in Dessau produziert werden soll. Wann ist er zulassungsreif, und wird er dann überhaupt noch gebraucht?

Wir haben die erste klinische Studie der Phase I beendet. Da zeigten die Geimpften zunächst keine sehr gute Immunantwort. Wir haben jetzt einen modifizierten und verbesserten Impfstoff entwickelt, der erneut klinisch überprüft wird.

Inzwischen sind wir aber noch vorsichtiger mit Vorhersagen. Wenn alles sehr gut läuft wird gegen Ende dieses Jahres die Zulassung erfolgen können. Wir verfolgen die Entwicklung dieses Impfstoffes weiter, obwohl es schon einige zugelassene Impfstoffe gibt. Wir sind überzeugt, dass unser Impfstoff für verschiedene Personengruppen Vorteile bringt, wie Immungeschwächte oder vielleicht auch Kinder. Aber das wird sich erst während der klinischen Entwicklung herausstellen.

Können Sie kurz den Unterschied zwischen dem „Marburger Impfstoff“ sowie den jetzt bereits verwendeten Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Astra-Zeneca erklären?

Unser Präparat ist ein Vektorimpfstoff, wie der Astra-Zeneca Impfstoff, das heißt, ein abgeschwächtes Virus, das das Oberflächenprotein des SARS-COV-2 in den Geimpften synthetisiert. Dagegen richtet sich dann die Immunantwort. Besonders an unserem Vektor ist, dass er die zelluläre Immunantwort der Geimpften besonders gut stimuliert.

Virologen sind die Wissenschaftler der Stunde und stehen wegen Corona seit einem Jahr im Fokus der Öffentlichkeit. Dabei galten Wissenschaftler früher eher insgesamt als Vertreter der stillen Sorte. Doch jetzt waren Sie sicher mit ihrem Porträtfoto auch schon auf mehr Zeitschriften-Covern und zu Gast in mehr Brennpunkt-Sendungen als in den Jahren zuvor. Wie gehen Sie mit der ungewohnten Rolle um?

Die Corona-Pandemie ist in ihrer Intensität und Dauer für mich ein bislang einmaliges Ereignis. Es gab aber auch in den zurückliegenden Jahren bei anderen Viren wie dem ersten SARS oder Ebola viel öffentliches Interesse an unserer Arbeit und unseren Einschätzungen. Deswegen ist das für mich zwar nicht völlig neu, aber trotz allem etwas Besonderes. Ich hoffe, ich kann durch meine Einschätzungen einiges zur Versachlichung der öffentlichen Diskussionen beitragen. Das erscheint auch dringend notwendig, denn die aktuelle Hysterie in Sachen Pandemie finde ich nur schwer erträglich und wenig hilfreich.

Wo würden Sie Ihren Standpunkt in dem breiten Meinungsspektrum der Virologen zwischen Drosten und Streeck einordnen?

Was Christian Drosten beispielsweise in seinem Blog macht, das finde ich sehr gut. Ich arbeite mit ihm schon bereits seit 2003 wissenschaftlich gut zusammen und stehe seinen Positionen oft nahe. An seinem Beispiel sieht man allerdings auch, dass die Virologen-Debatte in der Öffentlichkeit verstärkt zu Kämpfen um die Meinungsführerschaft führen kann.

Pandemien haben schon vor der Corona-Krise die Romanschreiber beschäftigt. Welche Bücher und Filme können Sie als Viren-Experte empfehlen?

Es gibt da natürlich eine Reihe von Büchern, angefangen von „Die Pest“ von Albert Camus bis zum Thriller „Outbreak“. Das ist alles schon interessant. Ich finde aber besonders spannend den Hollywood-Film „Contagion“, der ein Pandemieszenario sehr gut vorausgesagt hat. Allerdings ist die dort beschriebene Erkrankung noch deutlich gefährlicher als jetzt Covid-19. Interessanterweise wissen wir jetzt, dass eine Pandemie sehr gefährlich für unsere Gesellschaften sein kann, auch wenn vor allem eine bestimmte Personengruppe schwer erkrankt, in der Corona-Pandemie besonders die alten Menschen. Allein das führt dazu, dass unser Gesundheitssystem überlastet werden kann und dann für die Behandlung anderer schwerer Erkrankungen nicht mehr genügend Kapazität vorhanden ist.

Seit einem Jahr ist Corona das Thema Nummer 1 in der Welt. Internet, Zeitungen und Fernsehsender beschäftigen sich nicht nur mit den Folgen der Pandemie, sondern mit einer Fülle von virologischen Einzelheiten. Ist das noch sinnvoll, oder informieren wir uns zu Tode?

Es ist schon klar, dass die Medien widerspiegeln, was die Bevölkerung interessant findet und umgekehrt. Dass die Pandemie das Thema Nummer 1 ist, weil es alle beschäftigt und einschränkt, ist auch verständlich. Es werden allerdings in den Debatten auch viele Fragen aufgeworfen und intensiv diskutiert, die aber möglicherweise von wichtigeren Aspekten ablenken. Und außerdem kommt hinzu, dass normalerweise nicht so viel Neues passiert. Das Virus ändert sich nicht so drastisch, und das gilt auch für die dagegen entwickelten Maßnahmen. Die Folge ist, dass Dinge hochgespielt werden, die nicht so wahnsinnig wichtig sind. Jetzt ist zum Beispiel sehr wichtig, dass es jetzt Impfstoffe gibt, die zugelassen, sicher und wirksam sind.

Es ist aber nicht so wichtig, welchen der Impfstoffe man bekommt. Alle reduzieren das Risiko, an Covid-19 schwer zu erkranken und das ist im Moment am wichtigsten, damit unser Gesundheitssystem nicht kollabiert. Es ändert sich auch nichts daran, dass wir auf absehbare Zeit uns weiterhin durch zum Beispiel Masken und Abstand schützen müssen, bis alle die Möglichkeit hatten, sich impfen zu lassen.

Immer anspruchsvollere Inzidenzraten und plötzlich auftretende Virusmutationen führen dazu, dass die Politiker sich von Lockdown zu Lockdown gehangelt haben. Und selbst wenn es dann endlich Lockerungen geben könnte, dann hat sich unsere Lebensweise radikal verändert. Wie finden wir wieder zu einem normalen Leben zurück?

Aus meiner Sicht ist jetzt wichtig, dass wir zu pragmatischen Lösungen etwa bei der Wiedereröffnung von Geschäften oder Kultureinrichtungen kommen, wenn die Fallzahlen nicht wieder in die Höhe schießen. Aber eines muss uns dabei klar werden: Wir bekommen keine 100-prozentige Sicherheit. Es bleibt ein Restrisiko, da kommt man nicht drumherum. Man muss deshalb in der Lage sein, die trotz aller Schutzmaßnahmen auftretenden Infektionen schnell zu erkennen und entsprechende Quarantänemaßnahmen zu ergreifen. In diesem Jahr der permanenten Wahlkämpfe ist es für die Politiker allerdings sehr schwer, Entscheidungen zu treffen, die eigentlich einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs und einen breiten Konsens erfordern.

Von Manfred Hitzeroth

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