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Marburg Marburger Virologe: Omikron geht im Sommer
Marburg Marburger Virologe: Omikron geht im Sommer
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19:00 11.02.2022
Ein Mitarbeiter arbeitet in einem Labor an Organismen im Hochsicherheitsbereich des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg.
Ein Mitarbeiter arbeitet in einem Labor an Organismen im Hochsicherheitsbereich des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg. Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa
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Marburg

Professor Stephan Becker ist Direktor des Instituts für Virologie an der Marburger Philipps-Universität. In unserem Interview beantwortet er die wichtigsten Fragen zu Corona, Omikron und möglichen Lockerungen.

Herr Professor Becker, an welchem Punkt in der Pandemie stehen wir gerade?

Das lässt sich sehr schwer beantworten. Wir haben eine ganze Menge Höhen und Tiefen in der Pandemie durchgemacht. Nach dem anfänglichen Schock wurden sehr schnell Dinge entwickelt, die uns helfen, sie besser zu überstehen, beispielsweise die Impfungen oder eine gute Diagnostik. Wir haben gelernt, wie wir uns schützen können – wir wissen, dass Atemmasken hervorragend vor einer Ansteckung schützen. Wir wissen, wo und wie wir uns anstecken. Das alles sind wichtige Informationen, die wir haben.

Inzwischen sind wir komplett erschöpft, weil wir schon viele Infektionswellen erlebt haben. Und im Moment ist die neue Omikron-Variante präsent, die deutlich ansteckender ist als die Varianten, die wir vorher gesehen haben, aber erstaunlicherweise weniger gefährlich zu sein scheint.

Das bedeutet, wir haben zwar wahnsinnig hohe Ansteckungszahlen und sehr viele Infektionen, aber die Krankenhäuser sind nicht mehr so voll. Das heißt also, Omikron ist offensichtlich nicht mehr ganz so gefährlich. Wir sind also in einer neuen Phase der Pandemie.

Welche Patienten sind derzeit von schweren Verläufen betroffen? Wer liegt auf den Intensivstationen?

Auf der Intensivstation liegen vor allem diejenigen, die nicht geimpft sind. Dort liegen Sars-CoV-2-infizierte Patienten, die Vorerkrankungen haben, beispielsweise Tumor-, Lungen- oder schwere Herzerkrankungen. Diese Menschen sind natürlich für jegliche Infektionserkrankung besonders anfällig. Dadurch, dass die Infektionszahlen derzeit so extrem hoch sind, wächst natürlich auch das Risiko, dass sich Menschen mit Vorerkrankungen anstecken, schwer erkranken und intensivmedizinisch betreut werden müssen.

Im Fall einer massiven Grippewelle wäre also Grippe das Problem?

Genau. Bei der Grippe ist es ja auch so, dass ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen besonders betroffen sind.

Thema Vorerkrankungen: Einige wie Übergewicht oder Bluthochdruck sind fast Volkskrankheiten. Was bedeutet das für geboosterte Betroffene?

Das Risiko, im Krankenhaus zu landen, ist für geboosterte Menschen mit diesen Volkskrankheiten wahrscheinlich höher als für jemanden, der geboostert ist und vorher vollständig gesund war. Aber die geschilderten Personen haben alles getan, was man tun kann. Wer geimpft und geboostert ist, hat sein Risiko an einer schweren Verlaufsform zu erkranken, deutlich gesenkt.

Es ist für viele Menschen schwer zu verstehen, dass es niemals ein Null-Risiko gibt. Es ist in dieser Pandemie besonders deutlich geworden, dass wir mit Wahrscheinlichkeiten nicht gut umgehen können. Ein Beispiel: Das Risiko von schweren Impfnebenwirkungen ist bei manchen Sars-CoV-2-Impfstoffen etwa 1 zu 100 000. Das ist sehr gering. Trotzdem empfinden manche das bereits als zu hoch, obwohl die Wahrscheinlichkeit, beim Überqueren einer roten Ampel überfahren zu werden, vermutlich höher ist.

Was sollten die Menschen konkret tun, um sich zu schützen?

Das Tragen von Masken hat sich während des gesamten Pandemiegeschehens sehr schnell und sehr deutlich auf die Infektionshäufigkeit ausgewirkt. Somit kann jeder direkt etwas tun und bei engem Kontakt zu anderen Menschen das Ansteckungsrisiko wirklich deutlich senken. Eine korrekt getragene FFP2-Maske schützt besonders gut. Das Gleiche gilt für den Abstand: Je höher er ist, desto geringer ist das Risiko.

Der Marburger Virologie-Professor Stephan Becker. Quelle: Markus Farnung

Dabei geht es nicht nur um Selbstschutz ...

Ganz genau. Beim Ausatmen bleibt der Großteil der kontaminierten Aerosole in der Maske hängen, damit schützt man die anderen, wenn man selbst infiziert ist, ohne es zu wissen. Wir haben in der Pandemie gelernt, dass Selbstschutz und Fremdschutz Hand in Hand gehen und man beides auch beachten muss. Deswegen rate ich klar zum Impfen und auch zum Boostern.

Werden die Impfungen uns erhalten bleiben?

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir uns künftig regelmäßig gegen Sars-CoV-2 impfen lassen müssen. Wenn das einmal pro Jahr ist, wie bei der Grippe, finde ich das akzeptabel. Man könnte auch überlegen, ob man diese Impfungen mit der Grippeschutzimpfung kombiniert.

Welche anderen Möglichkeiten außer Impfung, Maske und Abstand werden wir in den nächsten Monaten bekommen?

Ein Medikament hat in einer großen klinischen Studie das Risiko deutlich verkleinert, dass alte Patienten oder solche mit Vorerkrankungen schwer erkranken. Das ist eine gute Nachricht.

Wird sich jeder irgendwann infizieren?

Die Wahrscheinlichkeit, dass das so ist, ist sehr hoch. Aber die Frage ist, ob jeder krank wird, wie schwer und ob er daran stirbt. Dagegen kann man durch die Impfungen etwas unternehmen.

Sind wir schon so weit, über Lockerungen zu reden?

Ich glaube, man muss unbedingt darüber reden. Wir müssen darüber sprechen, wie wir zu einem Modus kommen, mit dem Virus weiter zu leben. Auf der einen Seite ist eine reale Gefahr, sich zu infizieren, die aber hoffentlich immer kleiner werden wird. Und auf der anderen Seite steht unser Umgang mit diesem Restrisiko.

Die Frage ist daher: Wie kommen wir zu einem relativ normalen Leben zurück, obwohl ein gewisses Infektionsrisiko besteht?

Dieses Risiko hat auch vor der Corona-Pandemie schon bestanden. Besonders im Winter gab es Grippe-Epidemien und damit eine Infektionsgefahr. Das haben wir teilweise einfach ignoriert. Es ist sicherlich gut, wenn wir uns als Gesellschaft darüber Gedanken machen, wie wir in Zukunft mit Infektionsgefahren umgehen wollen.

Von Markus Engelhardt