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Marburg „Meine Stimme zählt“
Marburg „Meine Stimme zählt“
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16:11 29.06.2020
Eine vergewaltigte Frau will Opfern Mut machen, ihr Schweigen zu brechen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

1.612 Tage. Das sind vier Jahre und fünf Monate. So lange hat es gedauert, bis der Vergewaltiger einer Frau aus dem Ostkreis verurteilt wurde. Diese 1.612 Tage nach der Tat waren für sie ein täglicher Kampf ums Überleben.

Sie hat von heute auf morgen alles verloren – ihr Sicherheitsgefühl, ihre Gesundheit, ihre Arbeitsfähigkeit, ihr gesamtes unabhängiges Leben. Jeder Lebensbereich war komplett erschüttert.

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Ängste, Flashbacks und das Gefühl, nirgendwo mehr sicher zu sein, bestimmen ab sofort ihr Leben. Sie zieht sich stark zurück, traut sich kaum noch vor die Tür.

Aufstehen und essen ist an manchen Tagen unmöglich, Einkaufen wird zur Mammutaufgabe und kostet so viel Kraft, dass sie danach völlig erschöpft ist. Und dann die ständige Angst, auf den Täter zu treffen.

Verschiedene Hilfsangebote genutzt

„Einmal stand ein Mann direkt neben den Einkaufskörben und hat geraucht, als ich den Einkaufswagen zurückbringen musste. Er hat mich so sehr an den Täter erinnert, ich fing an zu zittern, konnte nur unter größter Angst den Wagen abstellen und habe dann eine Stunde im Auto gesessen und geweint. Fahren konnte ich nicht mehr.“

Manchmal konnte sie eine Freundin erreichen, die sie beruhigte und nach Hause lotste. Sie holt sich therapeutische Hilfe und nutzt Anlaufstellen wie beispielsweise den Frauennotruf Marburg und den Weißen Ring (siehe Kasten), der ihr unbürokratisch finanziell unter die Arme greift. Trotz alledem fühlt sie sich oft als Versagerin, als Verliererin. „Ich habe mich manchmal wie bei einem Sprint gefühlt. Alle rennen, mir wird ins Bein geschossen, ich bleibe liegen. Aber alle anderen rennen weiter.“

„Alle wirkten überfordert“

Nach der Tat, in einem völlig emotionalen Ausnahmezustand, versucht sie, wichtige Entscheidungen zu treffen. Sie ruft sowohl beim Ärztlichen Notdienst in Marburg als auch im Diakonie-Krankenhaus an. „Ich habe mich gefühlt, als wenn ich die erste Frau war, der so etwas passiert ist. Alle wirkten überfordert.“ Sie fährt nach Wehrda, um Beweise sichern zu lassen.

Bei der ersten Erzählung des Tatgeschehens gegenüber einer jungen Ärztin fragt diese fassungslos: „Ja, haben Sie sich denn nicht gewehrt?“ Die Reaktion verstärkt ihre Angst, für unglaubwürdig gehalten zu werden. Die Beweise wurden dennoch gesichert, allerdings war das vor vier Jahren im Krankenhaus nur möglich, wenn die Polizei informiert wurde.

Nur als Nebenklägerin hat man Einfluss

Sie macht daraufhin eine Anzeige bei der Polizei. Bereits der erste telefonische Kontakt mit der zuständigen Kriminalbeamtin vermittelt ihr das Gefühl, ernst genommen zu werden. Das macht ihr Mut. Zu Beginn der Befragung wurde erklärt, warum manch unangenehme Frage gestellt werden muss, dass es darum geht, so viele Fakten wie möglich zu sammeln.

Die Atmosphäre bei der Befragung ist freundlich, ruhig, ohne zusätzlichen Druck und ohne jegliche Schuldzuweisung. Sie entscheidet sich kurz darauf für die Nebenklage. „Ansonsten ist man im gesamten Strafverfahren nur Zeugin und kann keinerlei Einfluss nehmen.“

„Ich konnte entscheiden“

Die gemeinsame Vorbereitung mit der psychosozialen Prozessbegleiterin, die Entscheidung, das Anwesenheitsrecht der Nebenklägerin während der Verhandlung zu nutzen, und der Gedanke: „Jetzt erzähle ich meine Geschichte“ – das alles gibt ihr den Mut und die Kraft, den Prozess durchzustehen. „Jetzt konnte ich endlich kämpfen, konnte mich öffentlich wehren und war nicht mehr zum Stillschweigen verdonnert.“

Der Prozess beginnt. Sie hatte viele Mutmach-Karten bei sich. „Ich werde nicht schweigen, damit es für dich leichter ist“, steht beispielsweise auf einer. „Das Schweigen schützt die Täter. Und ich will nicht schweigen.“ Als Nebenklägerin hat sie sich stark gefühlt. „Ich konnte entscheiden, wann ich den Saal verlassen möchte, wie beispielsweise beim Plädoyer des Verteidigers. Diese Möglichkeit hat der Täter nicht.“

Empathie im Prozess

Sie fühlte sich auch stark, auf der Anklageseite zu sitzen, die zeitweise mit sieben Personen besetzt war. Staatsanwalt, Anwältin, Prozessbegleiterin, Gutachter und sie als Nebenklägerin. „Das war ein ziemlich gutes Gefühl. Ich erfuhr während der Verhandlung Respekt, Wertschätzung und durchaus auch Empathie.“

Sie hat die Öffentlichkeit als Unterstützung erlebt, obwohl viele intime Details ausgesprochen werden mussten und über die Fotos der Tat gesprochen wurde. Aber sie konnte öffentlich sagen, was sie denkt und was er ihr angetan hat. Und jeder hörte ihr zu.

„Jetzt hole ich mir mein Leben zurück“

„Ich erhoffe mir eine Freiheitsstrafe für die Tat, die er begangen hat“, hat sie dem Gericht gesagt. Ganz bestimmt und laut. „Das war ein ganz wichtiger, befreiender Moment.“ Auf einmal hat sie sich nicht mehr als Verliererin gefühlt. „Ich fühle mich als Gewinnerin. Ja, ich bin eine Gewinnerin.“ Der Richter verdeutlichte, dass die Verurteilung zu einem sehr großen Teil auf ihrer sehr differenzierten und detaillierten Aussage beruht.

„Eine Stimme hat Kraft. Das habe ich in diesem Prozess gelernt, der natürlich auch sehr schmerzhaft war. Aber es hat sich gelohnt. Jetzt hole ich mir mein Leben zurück!“ Die Erste Große Strafkammer hat den Marburger zu drei Jahren und sechs Monaten Haft sowie einer Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 10.000 Euro verurteilt (die OP berichtete).

Psychosoziale Prozessbegleitung

Über den Frauennotruf Marburg gibt es die Möglichkeit, die Psychosoziale Prozessbegleitung in Anspruch zu nehmen. Diese wird gerichtlich beigeordnet. Die Psychosoziale Prozessbegleitung unterstützt im Vorfeld, erläutert den Ablauf eines Gerichtsprozesses und bietet vor, während und nach der Verhandlung praktische und emotionale Unterstützung an. Beispielsweise ist der Besuch des Gerichtssaals vorab möglich.

Hier finden Sie Hilfe

Frauennotruf Marburg, Beratung bei Vergewaltigung, Belästigung und Stalking, Neue Kasseler Straße 1, 35039 Marburg, Telefon: 06421/21438, E-Mail: mail@frauennotruf-marburg.de, Website: www.frauennotruf-marburg.de

Weißer Ring, Telefon: 116-006 bundesweit kostenfrei, in Marburg: Mathias Range, Telefon: 0151-5516-4633, E-Mail: weisserring.marburg.biedenkopf@gmail.com, Website: https://marburg-biedenkopf-hessen.weisser-ring.de

Von Katja Peters

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