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Marburg Im Turmcafé wird das Leben entdeckt
Marburg Im Turmcafé wird das Leben entdeckt
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15:55 18.09.2020
Larissa (links) und Katharina von Mobilo bedienen Egon Vaupel im Turmcafé. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Larissa lächelt. Trotz Maske können es die Besucher im Turmcafé am Kaiser-Wilhelm-Turm sehen. Ihre Augen werden kleiner, die Lachfalten werden sichtbar. Larissa ist 33 Jahre alt und arbeitet oben am Spiegelslustturm im Service.

Sie bringt die Getränke zu den Gästen und die selbst gebackenen Kuchen von Marion. Sie bereitet die Schnittchen zu, wenn Gesellschaften das Café gemietet haben oder Hochzeiten stattfinden.

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Das alles gibt ihr ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, dass sie nicht immer in ihrem Leben hat. Larissa ist psychisch krank – unsichtbar für die Gäste, die am Turm die Aussicht und das Essen genießen.

Aber die Arbeit gibt ihr mehr, als dieses gute Gefühl. Sie lässt die junge Frau teilhaben am Alltag, an der Arbeitswelt und vor allem verdient sie ihr eigenes Geld. Für viele Menschen mit Beeinträchtigungen ist das, selbst nach vielen Rehaaufenthalten, nicht mehr möglich. Der Dauerstress, die Belastungen und die oberflächlichen Beziehungen am Arbeitsplatz überfordern viele. Nicht so im Turmcafé.

„Es ist eine sehr familiäre Atmosphäre hier“

„Hier ist es ein schönes Miteinander. Die Kollegen merken, wenn es einem nicht gut geht und nehmen Rücksicht darauf“, berichtet Larissa. Ihre Kollegin Katharina nickt: „Ja, es ist eine sehr familiäre Atmosphäre hier.“ Das hilft ihr, sich zu motivieren, nicht aufzugeben. Katharina ist seit 2014 im Service und sehr zurückhaltend. Dennoch mag sie die Arbeit mit den Gästen, deren wohlwollende Reaktionen auf das Ambiente und die Snacks.

Seit 15 Jahren bietet der gemeinnützige Verein Mobilo psychisch Kranken die Möglichkeit, im Turmcafé zu arbeiten. Zusammen mit vielen Ehrenamtlichen werden sowohl das Tagesgeschäft, als auch die vielen Konzerte, Lesungen und Hochzeiten gewuppt. Die werden jedes Jahr mehr. Denn das Turmcafé entwickelte sich zu einem Kleinod auf den Lahnbergen.

Der Brunch ist meist schon Monate vorher ausgebucht, der Turm der zweitbeliebteste Trauungsort der Universitätsstadt. „Das ist immer ein Spagat zwischen den Ansprüchen der Gäste und der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter“, berichtet Mobilo-Vorsitzende Carin Götzfried bei der Feierstunde, zu der der Verein eingeladen hatte, um auch den Anbau einzuweihen.

OB Spies kritisiert Wohlfahrtsverband

Denn nach 15 Jahren gibt es nun endlich eine Toilette und einen Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter – Planungszeit fünf Jahre, Kosten 200.000 Euro. In Eigenleistung hatte der Verein mittlerweile schon die Küche ausgebaut, den Keller begehbar gemacht und die Finanzierung für die Überdachung des Außengeländes und der Waldbühne durch ein Zelt organisiert.

Unbemerkt blieb dieses bemerkenswerte Engagement nicht. Der Landeswohlfahrtsverband hatte das „außergewöhnliche Projekt“ im Jahr 2010 mit dem Walter-Picard-Preis ausgezeichnet. Aus der Finanzierung hat er sich allerdings bisher immer raus gehalten.

Das kritisierte auch Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies während der Feierstunde: „Noch schöner wäre es, wenn sich der Landeswohlfahrtsverband auch substanziell beteiligen würde.“ Sowohl der Verband als auch andere Kostenträger „tun sich mit kreativen Angeboten schwer“, stellt er immer wieder fest.

Denn bisher ist der Verein auf großzügige Spenden beispielsweise diverser Serviceclubs und Geldinstitute von Marburg angewiesen. Mittlerweile gibt es 15 Mitarbeiter, sieben von ihnen haben eine sozialversicherungspflichtige Festanstellung. Es wird Mindestlohn gezahlt.

„Jeder hat eine Chance verdient“

Auch Ehrenbürger Egon Vaupel war geladen. Denn der ehemalige Oberbürgermeister hatte damals viel Vertrauen in das Projekt gesetzt. „Und es leuchtet noch immer in die Stadt hinein.“ Eine Stadt, die sich Diversität auf die Fahnen geschrieben hat. Er appellierte an die Gäste: „Jeder hat eine Chance verdient. Denn nicht Türen schließen, bringt Offenheit und hohe Mauern bauen auch keine Grenzen ab.“

Roland Stürmer, Vorstandsvorsitzender der BI Sozialpsychiatrie, einer der Mobilo-Initiatoren, betonte noch einmal: „Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert. Diese Arbeitsplätze hier oben sind kostbar.“ Für den Verein, für die Stadt, aber vor allem für die Menschen selbst. Menschen wie Larissa, die schon etliche Klinikaufenthalte hinter sich haben.

Das Turmcafé gibt ihnen Selbstbewusstsein, Selbstbestätigung und ihren Stolz zurück. „Manche wachsen sogar über sich hinaus“, hat Carin Götzfried festgestellt. Und manche arbeiten schon 15 Jahre „da oben“ und mussten seitdem nie wieder in eine Klinik.

Von Katja Peters

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