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Marburg Einmal Architekt, immer Architekt
Marburg Einmal Architekt, immer Architekt
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09:00 25.05.2021
Udo Boguslawski am Reißbrett.
Udo Boguslawski am Reißbrett. Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

Im Ruhestand suchen sich die meisten Menschen nach jahrzehntelanger Arbeit ein Hobby. Udo Boguslawski, der heute 80 Jahre alt wird, musste nicht lange suchen, als er das Rentenalter erreicht hatte: „Mein Beruf war von Anfang an mein Hobby, sonst würde ich das heute nicht mehr machen“, sagt der Marburger Architekt, der nach wie vor am Schreibtisch und am Reißbrett tätig ist.

Der Zweite Weltkrieg hatte die ursprünglich aus Königsberg stammende Familie Boguslawski nach Marburg verschlagen. „Meine Eltern waren der Meinung, dass die Mittlere Reife ausreicht“, erinnert sich Boguslawski an seine Zeit in der Friedrich-Ebert-Schule. Doch während seiner Ausbildung im städtischen Bauamt holte er das Abitur nach und schrieb sich an der Staatsbauschule Frankfurt für Architektur ein. „Ich hatte schon immer gern gezeichnet und ich wusste, dass ich Architekt werden wollte. 13 Jahre arbeitete der Baufachmann in der Folge für die Hessische Heimstätte, und er sagt heute beim Blick aus dem Fenster seines Hauses in der Dresdner Straße: „Große Teile des Richtsbergs sind unter meiner Feder entstanden.“ Da sei auch viel Schlechtes gebaut worden, räumt er ein und sagt gleichzeitig: „Vieles war aus der Not geboren, da durfte eben ein Sechserblock Sozialwohnungen soundso viel kosten und keine Mark mehr.“

Schritt in die Selbstständigkeit

Schließlich wagte Boguslawski den Schritt in die Selbstständigkeit, arbeitete zunächst nur mit seiner Frau Erika zusammen und hatte zu Spitzenzeiten bis zu sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine von ihnen war – und ist – Christina Neubert. „Wir arbeiten jetzt mehr als 30 Jahre zusammen“, freut sich Boguslawski. Sein Hauptauftraggeber war das Studentenwerk Marburg. Rund 1000 Apartments für studentisches Wohnen habe er gebaut oder umgebaut, erinnert sich der Architekt, der auch auf eine mehr als zehnjährige Tätigkeit im Marburger Gutachterausschuss zurückblickt.

Eigentlich hatte er ja beschlossen, mit 65 Jahren beruflich etwas kürzer zu treten, doch er sagt: „Das hat nicht wirklich funktioniert.“ Zumindest gesellten sich zu dem einen Hobby – dem Beruf – noch andere Leidenschaften: Wenn Erika und Udo Boguslawski im Obergeschoss ihres Hauses vor einer großen Weltkarte stehen, stecken dort in vielen Ländern der Erde kleine Fähnchen. Alle Kontinente hat das Ehepaar bereist und zwischen Tasmanien, Chile und Vietnam Land und Leute kennengelernt. Das Frühjahr begrüßen die beiden regelmäßig in Meran, im Spätherbst zieht es sie zumeist nach Dubai. Seine sportlichen Aktivitäten hat der 80-Jährige mittlerweile an den Nagel gehängt – Boguslawski war bis zu seinem 40. Lebensjahr erfolgreicher Handballer beim VfL Marburg und spielte in den Folgejahren regelmäßig Tennis.

Liebe zum „weißen Sport“

Die Liebe zum „weißen Sport“ brachte es mit sich, dass der Architekt mit zwei Teilhabern auf dem Höhepunkt des Tennisbooms den Plan fasste, in Gladenbach eine Tennishalle zu bauen. Und noch heute befasst er sich mit Sportstätten. „Zurzeit läuft die Planung für eine Kletterhalle in Wehrda – ich rechne damit, dass sie noch in diesem Jahr geöffnet wird“, verrät er.

Eingerichtet haben sich die Boguslawskis in dem Haus, das seit den späten 1960er Jahren immer wieder umgeplant und ausgebaut wurde, mit vielen antiken und alten Möbeln.

Da stehen von Boguslawski selbst aufgepolsterte Biedermeierstühle an einem Glastisch, unter der speziell angefertigten Platte eines riesigen Besprechungstisches verbirgt sich ein Poolbillardautomat – der Stilmix trägt vom Keller bis unters Dach die Handschrift von jemandem, für den Möbel eindeutig mehr sind als Sitzgelegenheiten und Stauräume. „Ich sah und sehe keinen Sinn darin, meine letzten Jahre nur noch vor dem Fernseher zu verbringen“, sagt Udo Boguslawski. Recht hat er – dann lieber noch ein paar Bauten planen, ein paar Schränke restaurieren, die weißen Flecken auf der Weltkarte minimieren – und mit seiner Frau Erika, den zwei Kindern und drei Enkeln Geburtstag feiern.

Von Carsten Beckmann

25.05.2021
24.05.2021