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Marburg Warten auf ersten Applaus nach der Krise
Marburg Warten auf ersten Applaus nach der Krise
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12:57 13.04.2020
Eine Szene aus der Marburger Inszenierung von „Ich bin dann mal weg" nach dem Buch von Hape Kerkeling. Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Erinnern wir uns: Das Licht im Saal erlischt, das Gemurmel in den Zuschauerreihen verebbt, der Vorhang hebt sich – Theater. Der Pausensekt im Foyer, der Schlussapplaus, angeregte Gespräche beim Hinausgehen, anderntags die Premierenrezension in der Zeitung – Theater.

Nichts oder kaum etwas von dieser für Akteure wie Publikum gleichermaßen faszinierenden Welt ist derzeit möglich – die Corona-Pandemie hat auch dem Team des Hessischen Landestheaters den Boden unter den Füßen weggerissen.

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Wer dieser Tage in den April-Spielplan schaut entdeckt dort einen ganz, ganz kleinen Hoffnungsschimmer: Am 21. April soll wieder vor hoffentlich vollen Zuschauerreihen im Erwin-Piscator-Haus gespielt werden. Zwei Tage darauf wollen die beiden Intendantinnen Carola Unser und Eva Lange den Spielzeitplan für dieses und kommendes Jahr öffentlich vorstellen.

Die Spielzeithefte sind schon gedruckt

Ist das realistisch? „Na ja, wir sind genauso schlau wie viele andere auch“, sagt Carola Unser. Eva Lange ergänzt: „In der nächsten Woche stimmt sich die Kanzlerin mit dem Kabinett und den Ministerpräsidenten ab, dann wissen wir hoffentlich mehr.“

Die Spielzeithefte sind schon gedruckt und die beiden Intendantinnen sind „optimistisch“, dass von dem, was zurzeit nur auf gedrucktem Papier existiert, möglichst viel auch tatsächlich auf der Bühne zu sehen sein wird. Ohnehin setzen Carola Unser und Eva Lange für ihre mittlerweile dritte Spielzeit „mehr auf Qualität als auf Quantität“. Will heißen: Keine Hetzerei um jeden Preis von Premiere zu Premiere, sondern ein ausgeruhtes, niveauvolles Repertoire.

Eva Lange (links) und Carola Unser, die Intendantinnen des Hessischen Landestheaters Marburg. Foto: Tobias Hirsch

Beide hoffen, noch vor der Sommerpause zumindest eine oder zwei Premieren auf die Bühne bringen zu können: „,Die Welt im Rücken’ war ja schon bis zur Generalprobe in Arbeit und auch für ,Pollesch wäre das nicht passiert’ gibt es die Chance, dass sich für das Stück vor dem Sommer noch der erste Vorhang hebt.“

Die heikelste Spielplan-Frage jedoch lautet: Was wird aus der großen Sommerproduktion auf der Schlossparkbühne? Die Proben für das Musical „Hair“ hätten eigentlich in der Woche nach Ostern starten sollen. Das scheint momentan nicht allzu wahrscheinlich, doch Carola Unser und Eva Lange sagen entschlossen:

„,Hair’ wird auf alle Fälle stattfinden, an dem Stück wurde schon zu viel gearbeitet, als dass man es einfach ausfallen lassen könnte.“ Die Werkstatt hat schon viel vorbereitet, Maske und Kostüme stehen ebenso wie die Besetzung: „Wir stehen in den Startlöchern, wissen nur nicht, wann die Premiere sein wird – wenn nicht dieses, dann nächstes Jahr!“

„Einige Theater werden es wohl nicht schaffen“

Im Gegensatz zu der freien Theaterszene in Deutschland ist die Lage für subventionierte Bühnen wie das Marburger Haus in diesen Tagen und Wochen nicht ganz so kritisch: „Wir sind eines der Theater, die noch in der Lage sind, Festangestellte wie Gäste weiter zu bezahlen“, sagt Unser.

Sie fügt allerdings auch hinzu: „Wie lange wir das noch können und dürfen, wissen wir nicht.“ Die drängendste Frage für die gesamte Theaterlandschaft sei, wie die zur Verfügung stehenden Finanzhilfen verteilt werden: „Da gibt es bereits heftige Gerechtigkeitsdiskurse.“

Zeit zu fragen: Wer bin ich eigentlich?

Letztlich sei es wie in anderen Branchen, so Lange: „Genauso wie es Wirtschaftsunternehmen gibt, die die Krise nicht überstehen, werden es wohl auch einige Theater nicht schaffen.“ Selbst die subventionierten Häuser werden in der unmittelbaren Zeit nach Corona mit Einschränkungen klar kommen müssen“, sind sich die Marburger Intendantinnen einig.

Theaterensembles arbeiten im Normalfall sehr eng miteinander – wie gelingt es in den Zeiten der Zwangsisolation, die Schauspielerinnen und Schauspieler zusammenzuhalten? „Wir haben ja einen superschönen Online-Spielplan“, sagt Unser.

Über die Formate, die dort abrufbar sind, halten die Ensemblemitglieder – auch wenn sie vorwiegend von daheim arbeiten – Kontakt. „Klar, als Schauspieler tickt man normalerweise nicht so, aber es gibt auch jedem die Möglichkeit, sich zu fragen: Wer bin ich eigentlich?“

Jürgen Helmut Keuchel ist online unterwegs

Und das Marburger Theaterpublikum scheint diese Angebote auch rege zu nutzen – wie etwa die „Lyricist’s Lounge“ mit Jürgen Helmut Keuchel, Victoria Schmidt und Camil Morariu.

„Tatsächlich werden die Sachen geklickt und wir bekommen auch die Rückmeldung, dass selbst das ältere Theaterpublikum von diesen Angeboten Gebrauch macht“, sagen die Intendantinnen und kündigen ein weiteres Format an, für das nicht einmal ein internetfähiger Computer notwendig ist: „Ab nächste Woche soll es die Möglichkeit geben, beim Theater anzurufen und sich dann Dramatik aus der Feder von Autorinnen, mit denen wir ohnehin zusammenarbeiten, anzuhören.“

Auch von der Möglichkeit, jetzt schon Gutscheine für Theaterbesuche in der Zukunft kaufen zu können, machen erfreulich viele Marburgerinnen und Marburger Gebrauch, sagen die Theater-Chefinnen.

Wertschätzung für Theater könnte steigen

Anscheinend fehlt den Menschen wirklich etwas, wenn sie sich nicht ab und zu in die Theatersessel fallen lassen können, und vielleicht werden durch die coronabedingte Zwangspause ja auch die Sinne der Menschen für die Wichtigkeit von Bühnenkunst geschärft. Könnte dadurch die allgemeine Wertschätzung für Theater steigen?

„Ja, die Hoffnung haben wir natürlich“, sagen Unser und Lange, denen natürlich auch klar ist: „Wenn das vorbei ist, hat der eine oder andere vielleicht zunächst andere Prioritäten, vielleicht fehlt ihm auch das Geld oder er muss erst einmal wieder den Schritt wagen, sich in eine Menschenmenge zu begeben.“

Für die Zeit nach der Pandemie haben sich Carola Unser und Eva Lange vorgenommen, das Landestheater Marburg „noch mehr zu einem Diskursort für alle Gruppen der demokratischen Stadtgesellschaft“ zu machen. Und von einem träumen nachts beide: von dem ersten Applaus nach der Krise.

Von Carsten Beckmann

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