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Marburg Größere Überlebenschancen für Covid-19-Patienten
Marburg Größere Überlebenschancen für Covid-19-Patienten
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19:58 20.08.2021
Beatmungsgeräte sind unerlässlich für die Behandlung schwerer Fälle von Covid-19. jetzt kommt eine medikamentöse Unterstützung in Sicht.
Beatmungsgeräte sind unerlässlich für die Behandlung schwerer Fälle von Covid-19. jetzt kommt eine medikamentöse Unterstützung in Sicht. Quelle: Thomas Wiesmann
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Marburg

Wer so schwer an Covid-19 erkrankt ist, dass ein Lungenversagen auftritt, könnte durch Verabreichung des Krebsmedikaments Ruxolitinib länger überleben.

Das ist das Ergebnis einer Studie, in der sich Ruxolitinib als vielversprechender Kandidat für weitergehende klinische Studien erwiesen hat, wie jetzt ein Team aus Kassel und Marburg in der Fachzeitschrift „Leukemia“ berichtet.

Diese Studie sei ein positives Beispiel für die gute Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fachrichtungen bei der Erforschung neuer Therapiewege, sagte der Krebsmediziner Professor Andreas Neubauer bei einem Pressegespräch im Marburger Uni-Klinikum.

Neubauer hatte im April 2020 die Idee dazu, das für entzündungshemmende Wirkungen bekannte Medikament aus der Krebsbehandlung zusätzlich zu der derzeitigen Standard-Medikation bei schwerkranken Covid-Patienten zu erproben. Das Medikament hemmt Enzyme im Körper, die an überschießenden Entzündungsreaktionen beteiligt sind. Da eine solche Immunantwort oft mit erhöhter Sterblichkeit bei einer Covid-19-Erkrankung einhergehe, untersuchte das Team, ob eine Verabreichung des Medikaments das Überleben von Patienten verlängert, die künstlich beatmet werden müssen.

Jetzt liegen die ersten vielversprechenden Ergebnisse der Studie vor und wurden in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Damit die Studie ins Laufen kam, war laut Neubauer die Zusammenarbeit der Krebsmediziner mit den Intensivmedizinern der Uni-Klinik in Marburg und des Klinikums Kassel unerlässlich, die sich auf den Intensivstationen seit Beginn der Corona-Pandemie vor allem um das Leben der schwerkranken Patienten kümmern.

Das Tückische an der Erkrankung sei, dass die schweren Symptome wie das akute Lungenversagen in einer relativ kurzen Zeitspanne nach dem Auftauchen der ersten Symptome auftauchen, sagt der Marburger Intensivmediziner Privatdozent Dr. Thomas Wiesmann, Mitverfasser der Studie. Auch wenn das grassierende Coronavirus bei den meisten Patienten nur milde Atembeschwerden hervorrufe, so verlaufe die Covid-19-Erkrankung doch bei etwa fünf Prozent der Betroffenen so schwer, dass es zu einem Lungenversagen kommen könne. Bei einem schweren oder tödlichen Verlauf erfolge eine Überschwemmung des Körpers mit Substanzen, die das Immunsystem anregen, erläutert Professor Neubauer.

Bereits vor einem Jahr hatte ein Team um Andreas Neubauer vom Erfolg einer Ruxolitinib-Verabreichung bei einer schwer erkrankten Covid-19-Patientin berichtet, die künstlich beatmet wurde. „Wir waren damals sehr aufgeregt. Aber dann gab es eine dramatische Besserung bei einer schwerkranken Patientin“, erzählt Wiesmann.

„Natürlich war die Anzahl der Patienten, die wir in unsere Studie eingeschlossen haben, zu klein, um endgültige Aussagen über die Wirksamkeit von Ruxolitinib bei Covid-19 zu treffen“, schränkt Neubauer zwar ein. Außerdem verzichtete das Team auf den Vergleich mit einer Kontrollgruppe, um niemandem die Behandlung mit dem Medikament vorzuenthalten. Mittlerweile laufe aber bereits eine größere klinische Studie, die untermauern solle, ob Ruxolitinib den Covid-19-Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf einen Vorteil bringe.

Jedenfalls ist das die Bilanz der Marburger Studie: Von den 16 künstlich beatmeten Covid-Patienten im Alter zwischen 35 und 92 Jahren, die das Medikament vier Wochen lang erhielten, hatten nach 28 Tagen 13 Patienten überlebt. Das entspricht einer überdurchschnittlich großen Überlebensrate von 81 Prozent. „Im Vergleich mit anderen publizierten Behandlungen schneidet die zusätzliche Ruxolitinib-Verabreichung gut ab“, erklärt Dr. Caroline Rolfes von der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Kassel, Co-Autorin der Studie.

Auch aus Sicht von Neubauer ist das eine echte Erfolgsgeschichte, und er empfiehlt den weiteren Einsatz des Krebsmedikamentes bei schweren Covid-Verläufen. Und zudem könnte der weitere Einsatz des Medikaments auch in Sachen Long-Covid-Therapie durchaus Erfolgsaussichten versprechen, meint der Krebsmediziner. „Wir haben mit dieser Studie wahrscheinlich die Therapie verändert“, bilanziert Neubauer.

Studie

Beteiligt waren an der Studie des Einsatzes des Krebsmedikamentes Ruxolitinib bei 16 schwer erkrankten Covid-Patienten an den Kliniken in Marburg und Kassel neben Onkologen unter anderem Intensivmediziner, aber auch Wissenschaftler aus der Inneren Medizin, der Labormedizin.

Essentiell für das Zustandekommen war das Koordinierungszentrum für Klinische Studien der Uni Marburg. Zahlreiche Geldgeber unterstützten die Forschungsarbeiten finanziell. Dazu zählten die Deutsche José Carreras Leukämie-Stiftung, der Europäische Fonds für regionale Entwicklung der Europäischen Union, das Lungenzentrum der Universitäten Gießen und Marburg, das Deutsche Zentrum für Lungenforschung, das Uni-Klinikum Gießen und Marburg, die Stiftung für Pathobiochemie und Molekulare Diagnostik, die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie der Pharmakonzern Novartis.

  

Von Manfred Hitzeroth