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Marburg Todesstrafe wegen Sex mit dem Teufel
Marburg Todesstrafe wegen Sex mit dem Teufel
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08:57 15.03.2020
Der Hexenturm am Marburger Schloss wurde vom 16. bis 19. Jahrhundert als Gefängnis genutzt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Auf die Spur eines spektakulären und außergewöhnlichen Hexenprozesses im 17. Jahrhundert in Marburg begaben sich 20 Studierende anlässlich des Marburger Hexenjahrs 2020 unter Leitung der Marburger Historikerin Professorin Inken Schmidt-Voges und des Marburger Jura-Professors Constantin Willems.

Der ausgewählte Fall betraf den Prozess aus dem Jahr 1631 gegen den 15-jährigen Heinrich Sanger aus Biedenkopf, der von sich selbst behauptet hatte, einen Liebeszauber erlernt und ausgeführt zu haben.

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Dass ein Mann der Hexerei oder Zauberei angeklagt war, war im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eher selten, aber nicht komplett ungewöhnlich. In rund 80 Prozent der Prozesse gab es im Deutschen Reich weibliche Angeklagte, nur 20 Prozent waren Männer.

Der Teufel erschien als Jungfrau

Der junge Hinterländer hatte laut der Anklage in den Prozess-Akten öffentlich behauptet, von einem Schneidersknecht einen Liebeszauber erlernt zu haben. Damit wollte er seine Anziehungskraft auf die jungen Mädchen erhöhen. Tatsächlich sei ihm dann des Nachts im Schlaf auch eine Jungfrau erschienen, mit der er Geschlechtsverkehr gehabt habe, so die Einlassung von Heinrich Sanger. Allerdings habe sich diese Jungfrau dann im Nachhinein als der Teufel höchstpersönlich herausgestellt.

Was steckt hinter diesem Fall? Waren es pubertäre Anwandlungen und großmäulige Prahlereien, die den 15-Jährigen aus dem Hinterland im Jahr 1631 vor das Schöffengericht in Marburg und letztendlich zu Fall brachten? „Wir können nicht genau sagen, ob und wenn ja, von wem er denunziert wurde“, erläutert die Historikerin Inken Schmidt-Voges. Das geben die Akten zu dem Fall aus dem Marburger Staatsarchiv nicht her.

Opfer war mental beeinträchtigt

Bei Zeugenbefragungen kam jedenfalls heraus, dass sich der junge Mann im ganzen Gebiet rund um das Hinterland herumgetrieben habe und viel unterwegs gewesen sei. Klar herausgekommen sei bei den Befragungen von Zeugen wie Pfarrern und Lehrern auch, dass er wohl mental beeinträchtigt gewesen sei, erläutert die Marburger Historikerin. Ansonsten verraten die Akten nicht mehr so viel über die Person und die Lebensumstände des Angeklagten.

Eigentlich sei Liebeszauber im 17. Jahrhundert eine relativ gängige Praktik des magischen Alltagswissens gewesen, erklärt Schmidt-Voges. Die Leute, die spezielle Liebeskräuter verkauft hätten, seien in der damaligen Zeit bekannt gewesen. Schwerer habe deswegen der Vorwurf des Paktes mit dem Teufel gewogen, den der junge Mann eingegangen sei.

Rationaler Prozess für irrationales Delikt

Im Laufe des Verhörs gestand Sanger nicht nur die Teufelsbuhlschaft, sondern auch verschiedene Pakte mit dem Teufel sowie die wiederholte Schändung des heiligen Abendmahls. Dieses habe er auf Geheiß des Teufels empfangen, dann aber auf den Kirchhof erbrochen und die Hostie zertreten.

Spannend findet Jura-Professor Constantin Willems, wie juristisch genau der Prozess dokumentiert wurde. „Es war aus heutiger Sicht zwar ein irrationales Delikt, aber ein rationaler und akribisch dokumentierte Gerichtsprozess“, beleuchtet Willems die Angelegenheit aus der Sicht des Juristen von heute. Und immerhin habe die Vorgehensweise bei dem Prozess Mitte des 17. Jahrhunderts schon einen Fortschritt gegenüber den vorherigen Hexenprozessen bedeutet.

Enthauptung galt als Gnadenerweis

Bei dem Verfahren vor dem Schöffengericht unter Leitung eines Vertreters der städtischen Obrigkeit sei es also nicht mehr um ein Gottesurteil oder dubiose Hexenproben gegangen. Stattdessen habe man nach Beweisen und Geständnissen gesucht. Neben Anklage und Verteidigung seien auch zwei Gutachten von Theologen und Juristen der Marburger Universität in den Prozess miteinbezogen worden.

Aus Sicht der Theologen wurde die mentale Beeinträchtigung des Jungen erwähnt. Sie plädierten deswegen gegen die Todesstrafe und für eine intensive seelsorgerische Betreuung des 15-Jährigen in häuslicher Fürsorge. Die Juristen hingegen sahen den Straftatbestand der Gotteslästerung gegeben und plädierten auf die Todesstrafe. Am 30. Juli 1631 wurde nach einem dreimonatigen Prozess schließlich dann gegen Heinrich Sanger das Urteil des Todes durch das Schwert und anschließende Verbrennung verkündet.

Auch wenn es sich auf den ersten Blick paradox anhört, bedeutete die Strafe auch eine Art Gnadenerweis durch das Gericht. „Das war eine ’Belohnung’ für das Geständnis“, erläutert Constantin Willems. Denn die schnellere Hinrichtungsmethode sei üblicherweise bei Weitem weniger qualvoll gewesen als das Verbrennen bei lebendigem Leib.

Von Manfred Hitzeroth

Prozess-Projekt

In einem interdisziplinären Studienprojekt setzten sich jeweils zehn Studierende aus den Rechts- und Geschichtswissenschaften an der Uni Marburg im Sommer 2019 mit dem Themenkomplex Marburger Hexenprozesse auseinander. Geleitet wurde das Projekt von Professorin Inken Schmidt-Voges (Geschichte der Frühen Neuzeit) und Professor Constantin Willems (Rechtsgeschichte). Ziel des Formats war es, eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema in gemischten Lerngruppen zu erarbeiten. Im interdisziplinären Diskurs sollten die Studierenden unterschiedliche Zugänge zweier Fachkulturen kennenlernen und für erweiterte Fragestellungen fruchtbar machen. Die Studierenden untersuchten am Beispiel des Falls von Heinrich Sanger fünf zentrale Teile der Prozessakte: das erste Verhör, die Anklageschrift samt Fragenkatalog für die „peinliche Befragung“, die Stellungnahme des Verteidigers, das theologische sowie das juristische Gutachten samt Urteil.

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