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Marburg Auf den Spuren eines Völkermords
Marburg Auf den Spuren eines Völkermords
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18:00 30.12.2019
Die studentische Exkursion nach Namibia führte auch zu Gedenkorten. Quelle: Wolfgang Form
Marburg

„Im Mittelpunkt der Studienreise standen der Völkermord an den Herero und Nama (siehe HINTERGRUND) und die bis heute tiefsitzenden, über Generationen weitergegebenen Traumata“, berichtet Dr. Wolfgang Form (Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse, ICWC), der zusammen mit Professor Eckhardt Koch (Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft) die Gruppe leitete.

Es ging der Studiengruppe aber auch um die postkoloniale Zeit, als Südafrika nach 1919 das Land regierte und ab 1959 bis zur Unabhängigkeit Namibias 1990 die nicht weiße Bevölkerung mit ihrer Apartheidspolitik unterdrückte. Elf Studierende unterschied­licher Disziplinen unternahmen die Reise elf Tage lang kurz vor Weihnachten.

Ein vorläufiges Fazit der studentischen Exkursion fassen Form und Koch zusammen: „Auch intensive theoretische Vorbereitung hat die Unterschiede der Positionen und Haltungen der zahlreichen Gesprächspartner nicht erahnen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem Völkermord vor Ort hat tiefe Einblicke in eine Gesellschaft im Umbruch ermöglicht, nicht nur intellektuell, sondern auch emotional“.

Das Thema des Genozids sei aber in der Bevölkerung weniger präsent als vorher erwartet, ganz im Gegensatz zu den Folgen der Apartheid, die gesellschaftlich weiterhin von großer Sprengkraft seien. Die Vertreterin der deutschen Botschaft fasste zusammen, dass es bei den Gesprächen zwischen Deutschland und Namibia um drei Schwerpunkte gehe: die Anerkennung des Völkermords als historischer Fakt, die Entschuldigung bei den Herero und Nama sowie die Höhe und Verteilungsstrukturen von Entschädigungsleistungen an die beiden Volksgruppen.

Hintergrund

1884 begann Deutschlands Kolonialzeit in Afrika. Neben dem heutigen Kamerun und Togo wurden Deutsch-Ostafrika (Tansania, Burundi und Ruanda sowie ein kleiner Teil Mosambiks) und Deutsch-Südwestafrika (Namibia) zu sogenannten Schutzgebieten. Deutschlands „Inbesitznahme“ der Territorien brachte Leid und Tod für viele zehntausende Menschen und Traumatisierung über Generationen hinweg, erläutert der Marburger Historiker Dr. Wolfgang Form.

Vor allem wegen zunehmender repressiver Maßnahmen sowie durch Steuererhöhungen, Zwangsabgaben und Inbesitznahme von Land durch deutsche Siedler kam es zwischen 1904 und 1907 zu Aufständen der indigenen Bevölkerung, die blutig niedergeschlagen wurden. Einer der grausamsten kolonialen Kriege fand im heutigen Namibia zwischen 1904 und 1908 statt: der Völkermord an den Volksgruppen der Herero und Nama.

Die Kriegsführung des vom Kaiser entsandten Generalleutnants von Trothas habe auf die Vernichtung der Herero gezielt, was unter anderem in diesem Befehl vom 2. Oktober 1904 deutlich wurde: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen.“

Die wenigen überlebenden Herero flohen ins heutige Botswana oder wurden in Konzentrationslagern interniert und zur Arbeit auf deutschen Farmen, beim Eisenbahnbau oder im Bergbau gezwungen. Nach monatelangen Auseinandersetzungen mit den deutschen Schutztruppen wurden auch die Nama in Konzentrationslager gesperrt. Bis zu 50 Prozent der Gefangenen starben an Hunger, Entkräftung und Krankheiten, fasst Form zusammen.

Bei den beiden ersten Punkten gebe es bereits eine Einigung, nicht jedoch bei der Frage des Geldes. Im Verlauf der Studienreise gab es mehrere Treffen mit Nachfahren der Völkermordopfer. „Die Gespräche zeigten, dass es sich bei den Herero nicht um eine homogene Gruppe handelt, sondern um zumindest zwei unterschiedliche Strömungen“, berichtet Dr. Wolfgang Form.

Die eine Fraktion der Herero um den gewählten Paramount-Chief setzt auf Sammelklagen vor einem US-amerikanischen Gericht in New York. Die Traditionalisten unter den Herero fühlen sich ihren ursprünglichen Stammes­strukturen verpflichtet. Diese Gruppe beteiligt sich an den Gesprächen der namibischen Delegation mit der Bundesregierung und ist überzeugt, der Überzeugung, dass eine baldige Einigung in greifbarer Nähe ist.

Nicht ganz so optimistisch war Bischof Burgert Brand von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia. Er sieht vor allem in der Verteilung möglicher Geldleistungen ein Problem. Trotz vieler Differenzen im Detail waren sich alle Gesprächspartner einig, dass eine individuelle Entschädigung nicht sinnvoll ist.

Die Studierenden besuchten auch die Region der historischen Ereignisse vom August 1904. „Unser Besuch vor Ort verschlug den Marburger Studierenden den Atem“, berichtet Form. Das Gelände war mit Stacheldraht eingezäunt, die Tore verschlossen und bereits über die Absperrungen hinweg ließ sich unschwer erkennen, dass die Gebäude nach nur 15 Jahren dem Verfall preisgegeben sind. Es konnte nicht geklärt werden, was genau zum Niedergang des Gedenkortes geführt hat. Mit dieser Frage wollen sich die Exkursionsleiter in den kommenden Monaten intensiv befassen.

von Manfred Hitzeroth