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Marburg Stadtplanern schlägt Skepsis entgegen
Marburg Stadtplanern schlägt Skepsis entgegen
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00:18 23.08.2018
Die Bürgerbeteiligung vor Ort zählte rund 200 Teilnehmer. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

„Eine Zubetonierung der Flächen, zumal auf diesem Höhenzug hat klimatische Auswirkungen. Und zwar für die ganze Stadt“, sagt Carsten Keil, Marbach-Bewohner. Mit einer Verschlechterung der Frischluftversorgung und somit einer weiteren Aufheizung in Stadtteil und Zentrum müsse gerechnet werden.

Auch Carl Anger bangt um Stadtklima und Naherholungs-Charakter: „Ich fürchte, dass dem Wohnungsbau alles untergeordnet wird.“ Magistrat und Stadtplanung verweisen auf den „lange nicht gesättigten Bedarf“ an Wohnraum in Marburg, wie Stadtplaner Reinhold Kulle sagt. Die Nachfrage sei noch höher als zuletzt prognostiziert.

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„Die Stadt will und kann noch wachsen. Wir sollten sie auch da, wo es noch geht, wachsen lassen. Maßvoll, kontrolliert und eingebunden in die Quartiere“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD).

Verpflichtung zu 
„autofreier Zone“?

Kulle sagt, dass es „keine ­völlige Versiegelung“, sondern „größtmögliche Grünanteile“ auch zur Sicherstellung der ­Kanalfunktionalität auf der Fläche geben würde. „Die Bebauung darf zu keiner Mehrbelastung tieferliegender Gebiete führen.“ Die Themen Klima und Natur, darunter auch Frischluftzufuhr oder Tier- und Pflanzenwelt, würden detailliert überprüft – aber erst, falls der Rotenberg den Baugebiets-Zuschlag erhält. Mehrere Teilnehmer des Stadtteil-Spaziergangs kritisieren, dass der Marburger Rücken „offensichtlich keine klimatische Tabuzone mehr ist“.

Friedrich Blackolb, langjähriges Marbacher Ortsbeiratsmitglied, plädierte daher für eine Rückbesinnung auf alte kommunalpolitische Beschlüsse, wonach es ein Okay zu der Bebauung dieses als Siedlungserweiterungsfläche ausgewiesenen Gebiets nur geben solle, „wenn die Infrastruktur im Stadtteil zusammenbricht“.

Magistrat geht von „überschaubarem Mehrverkehr“ aus

Das sei aber nicht der Fall, vielmehr würden durch eine geplante Bebauung „Probleme geschaffen, die es jetzt nicht gibt oder schlimmer werden“ – wie die Verkehrssituation am Rotenberg, speziell in der Kurve zum Barfüßertor. „Wir fallen nach 
einem Wohnviertel-Bau alle, Marbach wie auch Kernstadt, auf die Schnauze, wenn wir die Frage Verkehr an der Rotenbergkurve nicht vor Baubeginn lösen“, sagt einer der insgesamt 200 Teilnehmer des Stadtteil-Spaziergangs am Samstag.

Der Magistrat geht aber weiterhin von einem „überschaubaren Mehrverkehr“ durch das mögliche Neubaugebiet und einen ebenfalls geplanten ­Tegut-Markt aus, wie Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) sagt. Durch 500 neue Bewohner würden rund 1000 zusätzliche Fahrzeugbewegungen pro Tag entstehen – in Richtung Zentrum und in Richtung Michelbach. Es werde eine „verkraftbare Verteilung“ geben. Spies wirbt angesichts der Verkehrszunahmesorgen auch für 
eine Bus- und Radnutzung, die durch verbesserte Infrastruktur erleichtert werden würde.

Spies-Vorschlag irritiert Anwohner

Zudem ließe sich bei der Aufstellung des Bebauungsplans über eine „Verpflichtung zu ­autofreien Zonen nachdenken“. Das sorgte für Irritationen unter den Bewohnern: „Ohne Auto hier, an einem der höchsten Punkte der Stadt zu leben, zu arbeiten ist undenkbar. Der Verweis auf Autofreiheit, auf die Alternative des Fahrradfahrens ist im Tal ja gut und möglich, aber 
nicht in der Marbach“, sagt Carsten Keil auch mit Verweis auf die Situation von Familien.

In Bezug auf eine Minderung zumindest des Lkw-Verkehrs durch Ketzerbach und Marbacher Weg mache sich der Magistrat laut OB indes „große Versprechungen“ mit dem bei Goßfelden geplanten CSL-Logistikzentrum (OP berichtete).

BI kündigt weiteren
 Widerstand an

Die Bürgerinitiative „Marna“ fürchtet hingegen alleine durch einen möglichen neuen Tegut-Markt und die 90 Stellplätze eine Größenordnung von „mehreren hundert zusätzlichen Fahrzeugen pro Tag“. Die BI will sich weiter gegen die Pläne wehren: „Es gibt für Wohnbebauung­ ­Alternativen sowohl zum Roten­berg als auch zum Hasenkopf. Gegenden, wo weniger Probleme entstehen würden als hier. Und diese Alternativen müssen jetzt genauso intensiv ­geprüft werden wie Marbach und Stadtwald“, sagt Dr. Nadia 
Otero, BI-Sprecherin.

Während der Bürgerbeteiligungsveranstaltung, die für eine frühe Einbindung der Betroffenen sorgen soll, kursierten Gerüchte, wonach sich die Sparkasse Marburg-Biedenkopf ein Vorkaufsrecht gesichert habe. Demnach seien bereits Vorverträge mit zwei Grundstückseigentümern geschlossen. Das dementiert das Kreditinstitut auf OP-Anfrage jedoch: „Wir haben überhaupt kein Interesse daran, diese Flächen zu kaufen, sie zu entwickeln. Verträge oder Verabredungen sind ebenfalls nicht geschlossen worden. Wir treten dort nicht als Investor auf“, sagt Andreas Bartsch, Sparkassen-Vorstandschef.

von Björn Wisker