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Marburg Marburger Stadtplaner blickt stolz auf sein Lebenswerk
Marburg Marburger Stadtplaner blickt stolz auf sein Lebenswerk
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18:58 27.03.2021
Stadtplaner Reinhold Kulle geht in den Ruhestand.
Stadtplaner Reinhold Kulle geht in den Ruhestand. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Wer sich mit Marburgs oberstem Stadtplaner in eine Debatte über umstrittene Projekte der Stadtgestaltung einlässt, der trifft auf einen engagierten und manchmal durchaus streitbaren Verfechter seiner Ideen. Denn Reinhold Kulle ist seit 33 Jahren mit Leib und Seele in Sachen Planung mit verantwortlich – zunächst als Stellvertreter und ab 2004 auch als Leiter des Stadtplanungsamtes.

Bei der Debatte mit Kritikern der Stadtplanung ging es oft hoch her. Und der 65-Jährige gesteht im Gespräch mit der OP aus Anlass seines bevorstehenden Ruhestands am Monatsende, dass in den Disputen in all diesen Jahren auch einige seelische Narben zurückgeblieben sind.

Ergebnisse eines komplizierten Aushandlungsprozesses

Das verwundert nicht, denn Reinhold Kulle hängt durchaus mit Herzblut an seiner Profession. Und so interpretiert er dem Anschein nach Angriffe auf die Marburger Stadtplanung immer auch ein wenig als persönliche Angriffe. Im Gespräch mit der OP macht er allerdings auch deutlich, dass er längst nicht alle in Stein oder Beton gegossenen Endergebnisse der Marburger Stadtgestaltung gutheißt oder für sie gerade stehen würde.

Denn sie seien immer auch Ergebnisse eines komplizierten und oft mehrjährigen planungsrechtlichen Aushandlungsprozesses mit einer Vielzahl daran beteiligter Akteure, von Investoren über Bauherren bis hin zu Bürgern und Kommunalpolitikern.

Kulle wollte Bodenarchäologe werden

Der aus einem kleinen Dorf bei Witzenhausen im Werra-Meißner-Kreis stammende Kulle wollte ursprünglich Bodenarchäologe werden. Dann entschloss er sich jedoch, seinem Großvater nachzueifern, der als Zimmermann auch Fachwerkhäuser erbaute.

Nach einem Studium der Architektur und Stadtplanung an der Hochschule in Kassel gelangte er über Stationen in Hessen und in der Mittelstadt Ratingen (Nordrhein-Westfalen) schließlich als Stadtplaner nach Marburg.

Kulle Imagewandel im Nordviertel

Besonders für Kritiker aus dem linken Politik-Lager war die Nordstadt-Sanierung in den vergangenen Jahren ein Synonym für einen Ausverkauf der Stadtinteressen an einen finanzkräftigen Investor. Kritisiert wurde, dass im Zuge der Sanierung des Vierteles sich unweit des Bahnhofs ein ganzes Areal mit einem Bündel an Gebäuden von einem Hotel über ein Kongressgebäude bis hin zu einem Delikatessladen, einem Parkhaus und einem Restaurant entwickelt habe, das sich in der Hand eines Investors befinde.

Diese Kritik findet Kulle ein wenig ungerecht. „In der Nordstadt waren vor 30 Jahren viele Bereiche vernachlässigt. Es war ein bisschen wie in der DDR im Endstadium“, meint der Stadtplaner. Doch aufgrund der Umsetzung der in den 90er Jahren gestarteten städtischen Rahmenplanungen habe es im Nordviertel mittlerweile einen Imagewandel gegeben, sagt Kulle.

Kulle will Wirken in Marburg als Ganzes sehen

Angefangen vom Bahnhof und seinem Vorplatz bis hin zum Umfeld der Elisabethkirche und der Ketzerbach habe es eine umfassende und aus seiner Sicht sehr gelungene Erneuerung gegeben. Zudem sei er auch froh, dass auch private Investoren in die Entwicklung der Nordstadt investiert hätten und mit den von ihnen gestalteten Projekten auch zur Aufwertung des Viertels beigetragen hätten.

Das Haupt-Projekt von Diethelm Fichtner, Kulles Vorgänger als oberstem Stadtplaner, war ohne Frage die Sanierung der Marburger Oberstadt. Auf ein Einzelprojekt will Kulle sein Wirken in Marburg allerdings nicht reduziert sehen.

Von Kasernen-Umgestaltung bis zum Campus Firmanei

Angefangen von der Umgestaltung der ehemaligen Kasernen (Konversion) im Südviertel und im Stadtwald-Viertel nach dem Wegzug der Bundeswehr Anfang der 90er Jahre bis hin zu einer Stärkung der Themen Verkehr, Gewerbe und sozialer Wohnungsbau und zum Campus Firmanei der Universität im Lahntal habe es vielmehr ein ganzes Bündel von stadtplanerischen Aufgaben gegeben, für die er sich eingesetzt habe.

„Marburg war eine Stadt, die an den Rändern der Innenstadt nicht zu Ende gebaut war“, meint der Planer. Vor allem die Wahrnehmung der Stadtplanung über die Altstadt hinaus sei deswegen notwendig gewesen.

Baustein: Erlenring-Center

Einer dieser Bausteine sei beispielsweise das in den 90er Jahren gebaute Erlenring-Center gewesen. Die Planung dieser Mischung aus Geschäfts- und Parkhaus direkt an der Abfahrt der Stadtautobahn war damals ein umstrittenes Thema der Stadtplanung. „Architektonisch ist es vielleicht nicht das Beste, aber funktional ist es in Ordnung“, meint Kulle. Schließlich habe es auch dazu dienen sollen, Parkraum in fußläufiger Entfernung zur Oberstadt mit Anbindung an die Stadtautobahn zu Verfügung zu stellen.

Die bereits in den 60er Jahren errichtete Stadtautobahn sieht Kulle durchaus kritisch als eine Art „Botschafter für eine autogerechte Stadt“ aus der Vergangenheit, mit der man leben müsse. „Aber wir haben das Ding jetzt, und wir haben es uns dienlich gemacht“, meint er.

Stadt ist wie ein kleines Lebenswerk

Der passionierte Fußgänger kann nach mehr als 30 Jahren praktischer Stadtplanung nicht mehr gänzlich unbefangen durch Marburg gehen. „Ich weiß überall, wie es vorher ausgesehen hat und ich kenne auch die Verwerfungen“, schildert er. Doch andererseits sei der aktuelle Zustand der Stadt auch so etwas wie ein kleines Lebenswerk für ihn, meint er. Und bei allem Interesse für Gebäudestrukturen gehe es dann nicht nur um den Beton, sondern vor allem um die Menschen, für die gebaut werde.

Mehr Beschäftigung mit Bildhauerei, mehr Motorradtouren durch Norwegen und andere Reisen, sowie verstärktes Pendeln nach Berlin, wo seine Partnerin lebt: Das sind neben Vorträgen über Stadtplanung einige der Pläne, die Reinhold Kulle für die Zeit seines Ruhestands hat.

Von Manfred Hitzeroth

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