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Marburg Alles andere als eine Pokerhölle
Marburg Alles andere als eine Pokerhölle
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00:18 14.05.2019
Kein schlechtes Blatt – zum Pokern gehören neben Glück bei den Karten aber auch Mathematik und Psychologie. Pokerspieler haben sich in Marburg zur Stadtmeisterschaft getroffen. Quelle: dpa/Archiv
Marburg

Nachdem das Passwort genannt wird, gewährt ein breit gebauter Mann am Hinterhofeingang murrend Einlass und zeigt stumm einen Gang hinunter zu einer weiteren Tür.

Dahinter erstreckt sich ein Raum. Das Licht ist schummrig, der Sauerstoff wegen des Qualms Mangelware. Es riecht nach ausgedrückten Zigaretten.

Die wenig vertrauensvoll wirkenden Gesichter – jeder scheint mehrere Asse im Ärmel zu haben – mustern den Ankömmling misstrauisch und weisen ihm einen Stuhl zu.

Geraucht wird draußen

Schon komisch, was Hollywood-Filme mitunter für ein Bild von Pokerspielen zeichnen. Stichwort „Pokerhölle“. Entweder ein Spiel mit halbseidenen Personen an einem abgelegenen und finsteren Örtchen oder im Casino, wo gut betuchte Herren in Gesellschaft von schönen Damen sich das Spielglück Untertan machen.

Mit solchen stereotypischen Darstellungen hatte die Marburger Stadtmeisterschaft nie etwas zu tun. Und das ist auch in diesem Jahr so. Geraucht wird draußen. An fünf Spieltischen haben sich fünf Frauen und 42 Männer, mitunter aus Frankfurt und Kassel, im Vereinsheim des ­Poker-Club Marburg in der Ockershäuser Straße 71 eingefunden.

Club-Chef ist IT-Mann

„Die jährliche Stadtmeisterschaft ist unser größtes Turnier. Es war eine sehr gelungene Veranstaltung. Zwar ein paar Spieler weniger als für gewöhnlich, aber dafür war die Atmosphäre besonders angenehm“, sagt Massimo Toson, seit sechs Jahren Vorsitzender des Vereins. Die Räumlichkeiten sind gut in Schuss, alles ist sauber und auch die Lampen leuchten hell.

Toson gibt den Startschuss. Es ist Punkt 14.30 Uhr. „Ich wünsche allen viel Glück“, gibt er den Spielern mit auf den Weg. Und ab geht die Post. Aber Glück ist nicht alles beim Pokern. Es gehört auch Können dazu. Mathematisches Verständnis ist ebenso von Vorteil. „Es hilft, wenn man berechnen kann, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Karte gezogen wird, mit der man gewinnt“, erklärt Toson, der in der IT-Industrie arbeitet.

Schweiger treffen auf Quasselstrippen

Reihum setzen die Spieler Chips mit unterschiedlichem Wert. Ziel: Mit den zwei eigenen, verdeckten Karten auf der Hand und den fünf Karten, die für alle Spieler sichtbar sind, das bestmögliche Blatt zu ergattern – Paare, Drillinge, Straße, Flush. Nach 37 Minuten erwischt es den ersten Spieler an Tisch fünf. Dessen Chipstand verleibt sich der Spieler ein, der den Unglückseligen besiegt hat. Einer nach dem anderen streicht so die Segel.

Manche spielen mit Ohren­stöpsel und sagen über die gesamte Distanz keinen Ton. Andere entpuppen sich als Quasselstrippen, die fast ununterbrochen reden müssen. Aufrichtige Frohnatur oder Zermürbung der Gegner? Trashtalk, also mitunter unflätige Bemerkungen gegenüber anderen Spielern, ist in Maßen erlaubt. Während es an vier Tischen recht zahm zugeht, liefern sich zwei Kontrahenten an Tisch zwei phasenweise amüsante Wortgefechte.

Pflichteinsätze steigen im Laufe des Abends

Viele Spieler kennen sich bereits untereinander, sind entweder Vereinsmitglieder oder kommen ab und an einfach mal zum Zocken vorbei. Für unbedarfte Neulinge allerdings kein massiver Nachteil. Waghalsige Bluffs, wie sie so oft in Filmen zu sehen sind, leisten sich die Spieler bei einem solchen Turnier nämlich kaum. „Wer hier Chips setzt, der hat auch etwas auf der Hand“, sagt ein Mann aus Fronhausen.

Die vom Beamer an eine Leinwand geworfene Infografik hält die Glücksritter über Uhrzeit, Spielstand, Spieleranzahl und natürlich Erhöhung der Pflichteinsätze, die sogenannten Blinds, auf dem Laufenden. „Was denn? Schon wieder höhere Blinds? Unfassbar“, sagt ein Spieler aus Homberg und lacht. Jene, deren einstige Anzahl an Chips schon reichlich dezimiert ist, sind natürlich weniger begeistert über die in regelmäßigen Abständen steigenden Einsätze.

Turnier endet um 1.30 Uhr

Gier und ein zu großes Ego sind häufige Stolpersteine. Die Kunst ist es, zu wissen, wann man lieber Klein beigeben sollte. Besonders bei einem solchen tagfüllenden Turnier sind Geduld und Konzentration die Mutter des Erfolgs. „Wenn es gen 22 Uhr geht, habe ich schon Probleme mit meiner Aufmerksamkeit. Da muss man sich dann zusammenreißen, um ­keinen Fehler zu machen“, sagt ­Toson, der das Turnier als Zwölfter ­beendet.

Als der Sieger um 1.30 Uhr nachts feststeht, sind nur noch acht Personen zugegen, um sich das Spektakel live anzusehen. Nico Renda schlägt Peter Görge, Schriftführer des Vereins, im Heads-up, also im Eins-gegen-eins. Eine Stunde lang ringen die beiden um den Hauptgewinn – Gutscheine im Wert von 400 Euro. Aber letztlich sind alle der hell erleuchteten, sauberen Pokerhölle ohne Verbrennungen entkommen.

von Benjamin Kaiser