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Marburg „Wir brauchen mehr Vorbilder“
Marburg „Wir brauchen mehr Vorbilder“
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15:55 22.06.2020
Shérif Korodowou spricht bei einer Anti-Rassismus-Demo in Marburg. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Mit der Einstellung: „Ich fahre in das schöne Deutschland“, machte sich der damals 24-jährige Germanist Shérif Korodowou von Togo aus auf den Weg und wurde gleich bei seiner Ankunft in Frankfurt vom Bundesgrenzschutz herausgefischt für eine intensive Kontrolle.

„Mein Onkel hat damals auf dem Flughafen immer mal wieder als Übersetzer gearbeitet. Nur weil er da war, haben sie die Durchsuchung abgebrochen“, erinnert sich Shérif Korodowou.

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Mittlerweile arbeitet der 49-Jährige nebenberuflich deutschlandweit als Übersetzer bei Gericht für Straf- und Asylangelegenheiten. Neben Deutsch, Französisch und Englisch spricht er auch togolesische Stammessprachen.

Regelmäßig erlebt er, dass die Rechtsanwälte und andere an der Schleuse einfach durchgewinkt werden, er aber seine Taschen leeren und den Gürtel ablegen muss.

Schwarz, dumm, arm?

„Erst nachdem ein weißer Kollege den Pfortenmitarbeiter darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich ja der Dolmetscher bin, werde ich bei dem Gericht auch durchgewinkt. Sie haben sich dann entschuldigt. Aber es ist keine Seltenheit, dass man Schwarzen nicht zutraut, in wichtigen Jobs zu arbeiten.“

Der Marburger spielt schon mal mit diesen Situationen. Denn dadurch, dass er auch auf Kongressen spricht, ist er oft mit dem Vorurteil konfrontiert: schwarz, dumm, arm. „Die wenigsten Deutschen können sich vorstellen, dass ein Mann wie ich auf Kongressen spricht.“ Er will das ändern. „Wir brauchen mehr Vorbilder.

Denn wenn es normal ist, dass ein Schwarzer Expertise hat, dann wird das auch nicht mehr infrage gestellt“, ist er sich sicher. „Solange aber zu Fernsehdiskussionen Rassismus-Experten eingeladen werden, die noch nie selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben, müssen wir weiter kämpfen.“

Aussortierung durch den Pass

Auch in Schulen. Während die Klassen ein Querschnitt der Gesellschaft sind, ist das Lehrerzimmer für ihn eine Parallelgesellschaft. „Lehrer mit Migrationshintergrund sind doch noch immer eine Seltenheit.“ Dabei könnten sie, glaubt Shérif Korodowou, mit ihren Erfahrungen den Schülern besser helfen als die Lehrer, die noch immer glauben, dass Migrantenkinder nur schlecht bezahlte Jobs kriegen.

Für ihn es auch diskriminierend, dass durch den Pass eine gesellschaftliche Aussortierung stattfindet. So durfte er beispielsweise nicht nach Kanada zu seinem Bruder reisen, weil er einen togolesischen Pass hat. „Wenn ich einen deutschen gehabt hätte, wäre das alles kein Problem gewesen“, berichtet der Trainer für Konfliktberatung.

Er sagt: „Ich wollte eine doppelte Staatsbürgerschaft, aber das geht seit 2011 nicht mehr. Ich erfülle alle Voraussetzungen für den deutschen Pass. Aber ich gebe für ihn nicht meinen togolesischen auf. Das hat auch etwas mit Identität zu tun.“

Probleme auf der Beratungsstelle

Die Vorrang-Regel auf dem Arbeitsmarkt hat ihn schon einmal einen Job gekostet. Selbst Migranten mit deutschen Pass stehen erst an dritter Stelle bei der Arbeitsplatzvergabe. Ebenso sind Kinder von manchen Migranten-Eltern ohne deutschen Pass von den 300 Euro Kinderbonus des Staates ausgenommen – obwohl die Eltern arbeiten und Steuern zahlen.

Shérif Korodowou hat noch ein Beispiel: „Als ich mich nach dem Studium selbstständig machen wollte, gab es damals finanzielle Unterstützung – aber nicht für mich. Jedenfalls nicht, als ich allein zur Beratungsstelle gegangen bin. Erst als ich mit meiner weißen Frau dort bei der gleichen Beraterin war, wurde mir das Geld bewilligt.“ Er sagt: „Ein Weißer kann Rassismus wegschieben, ein Schwarzer nicht.“

Politik kann immer nur reagieren

Der Marburger sagt auch, dass die Arbeit gegen Rassismus professionalisiert werden muss. Denn bisher läuft das ausschließlich über das Ehrenamt. „Deswegen kann Politik auch immer nur reagieren. Wenn die Parteien der Mitte Antirassismus-Arbeit in ihre Parteiprogramme aufnehmen würden, wäre das anders. Dann müssten sie dieses Thema auch nicht den rechten Parteien überlassen.“

Und wenn dann noch das Empowerment von Migrantenorganisationen und antirassistischen Initiativen genutzt wird, um diese mehr in die Verantwortung zu nehmen, dann würden sie auch viel sichtbarer werden und könnten noch mehr Netzwerke aufbauen. Sie sind der Schlüssel, um Menschen mit Migrationshintergrund, die sich öffentlich äußern, Halt zu geben.

„Wenn eine Partei oder eine Institution hinter ihnen steht, dann werden sie auch nicht mehr so schnell zur Zielscheibe“, sagt Shérif Korodowou. „Denn wenn man eine Position hat, dann wird man ganz anders angesehen.“ Das klappt nicht nur beim Gericht.

Von Katja Peters

21.06.2020
21.06.2020
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