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Marburg Marburger Schüler schicken Digitalisierungsbrandbrief
Marburg Marburger Schüler schicken Digitalisierungsbrandbrief
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11:58 21.02.2021
Alarm an der Digitalisierungsfront: Ruth Franz, Schulsprecherin der MLS, hat mit Mitgliedern der SV einen offenen Brief an die Stadt Marburg aufgesetzt.
Alarm an der Digitalisierungsfront: Ruth Franz, Schulsprecherin der MLS, hat mit Mitgliedern der SV einen offenen Brief an die Stadt Marburg aufgesetzt. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Overhead-Projektor statt Beamer und miese WLAN-Verbindungen: Die Schülervertretungen mehrerer Marburger Schulen haben einen Brandbrief an den Magistrat, die Universitätsstadt als Schulträger geschrieben. „Bedauerlicherweise sind die meisten Schulen bei Weitem nicht auf dem Stand, den die heutige Zeit erfordert“, heißt es in dem Schreiben, das der OP vorliegt. Die Mängelliste reiche von unzuverlässigem WLAN bis zu veralteten Computern, fehlenden Smartboards oder Beamern.

Es gebe „große Defizite“ in den Marburger Schulen, die während der Corona-Pandemie und dem Homeschooling deutlich geworden seien – solche, die über die Verfügbarkeit und Bereitstellung mobiler Endgeräte wie etwa Tablet-PCs hinaus gingen. „Es kann nicht sein, dass bei Schülern durch zusammenbrechende Lernplattformen oder abstürzende Videokonferenzen der Unterricht ausfällt und somit ihre Bildung vernachlässigt wird, weil es der Schulträger versäumt hat, angemessene Ausstattung anzuschaffen.“ Auch, dass die „reale Umsetzung der Digitalisierung im Jahr 2021 ein Overhead-Projektor ist, welcher den Stand der Technik von vor 50 Jahren repräsentiert“, könne nicht sein.

Forderung der Schülervertretung: Muss etwas getan werden

Ebenso wenig Verständnis habe man dafür, dass die Stadt als für Investitionen in Schulen zuständige Stelle das von der Bundesregierung bereitgestellte Geld aus dem Digitalpakt immer noch nicht verwendet habe. „Die Millionen müssen endlich bei den Schülern ankommen“, heißt es von Kindern und Jugendlichen aus der Martin-Luther- und Elisabethschule, dem Philippinum, den Kaufmännischen-, der Adolf-Reichwein- und Käthe-Kollwitz-Schule.

Es müsse „endlich etwas getan werden, und zwar schnell“, so die Schülervertretungen, die für 7000 der in Marburg mehr als 11 000 zur Schule gehenden Kinder und Jugendliche sprechen. Sie alle würden gerne „gemeinsam in eine Zukunft gehen können, die schon lange Gegenwart hätte sein müssen“ – und nicht bis 2024 warten, dass der Ausbau digitaler Infrastruktur und Medien passiere. Die jüngsten Versäumnisse gehen nach OP-Informationen soweit, das Eltern vor einigen Monaten für die Anschaffung von Technik zur Kasse gebeten wurden.

Erschütternde Praxis-Berichte

Der Brandbrief der Schülervertretungen, der auch von Schulleitungen und Eltern unterzeichnet wurde, enthält erschütternde Praxis-Berichte. „Es wäre uns technisch gar nicht möglich, Tablet-Klassen zu bilden“, heißt es von einer anderen Schule. Denn bei mehreren parallel laufenden Videokonferenzen sei die Leitung überlastet. Unterricht mit Medien zu gestalten, sei für Lehrer nicht möglich, weil sie sich auf die technische Vor-Ort-Ausstattung nicht verlassen könnten. Auch wenn es „keinesfalls akzeptabel für das 21. Jahrhundert“ sei, wäre für viele der Einsatz analoger Arbeitsmittel einfach der sicherere Weg.

Andere Schulen sprechen von einer Gefährdung des Hybrid-Unterrichts, da die Internetverbindung nicht mal für das Arbeiten innerhalb der Schule gut, stabil genug ist. Herunterladen von Dateien? Kaum möglich, weil Netz überlastet. Videokonferenzen der Lehrer von der Schule aus? „Stark beeinträchtigt.“ Tablet-PCs schön und gut, aber es sei angesichts der Netzqualität „unmöglich, mit einer ganzen Klasse gleichzeitig im Internet zu recherchieren, ohne einen enormen Leistungsabfall oder gar den Ausfall des Netzes herbeizuführen“. Es mangele neben Digital-Infrastruktur auch an IT-Personal, das die Technik fachkundig betreue und warte.

Stadt Marburg: „Unsere Schulen stehen vergleichsweise gut da“

Die Infrastruktur-Probleme gingen aber über das Schulgebäude hinaus, in vielen Straßenzügen der verschiedenen Stadtteile sei die Internetverbindung ebenfalls so wackelig, dass sie faktisch nicht am Online-Unterricht teilnehmen könnten. Und wenn, dann das Datenvolumen der eigenen Handys einsetzen, aufbrauchen müssten.

Die Marburger Schulen „stehen vergleichsweise gut da“, auch wenn noch „viel zu tun“ sei, heißt es von der Stadtverwaltung auf OP-Anfrage. Zum Jahresende würden mit Ausnahme der Grundschule Cyriaxweimar alle mit Glasfaser angeschlossen sein, aber WLAN in Schulen einzurichten, sei deutlich aufwendiger, als das in Privathäusern der Fall ist. Mit dem Installieren von Routern und Repeatern sei es „nicht getan“, vielmehr müsse die Netzwerkverkabelung in vielen der 23 Schulen „komplett neu gemacht oder zumindest ergänzt werden“.

„Schnellstens muss etwas passieren, zuerst eine Übergangs-, dann eine echte Lösung. So, wie es ist, ist es kein Zustand“, sagt Ruth Franz, eine der Initiatorinnen von der Schülervertretung der Martin-Luther-Schule. Man arbeite „mit Hochdruck“ daran, aber das Thema Digitalisierung, die Forderungen von Schulen habe mit der Corona-Pandemie „plötzlich und unerwartet an Priorität gewonnen“, heißt es von der Stadt.

Von Björn Wisker

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