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Marburg Gehen, denken, sprechen, fühlen
Marburg Gehen, denken, sprechen, fühlen
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17:57 26.06.2020
Psychologin Jutta-Anna Schroer coacht im Wald. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Statt Laptop oder Präsentationsmappe packt Jutta-Anna Schroer jetzt Sitzkissen und Wasserflaschen in ihren Rucksack. Denn normalerweise coacht die Psychologin in großen Beratungsräumen namhafter Unternehmen, und das bundesweit.

Dabei geht es um Veränderungsprozesse in eingefahrenen Strukturen, um zukunftsorientierte Strategien. Mit dem Ausbruch der Pandemie wurden alle Termine abgesagt. „Von heute auf morgen war mein Terminkalender leer“, berichtet die Soziologin beim OP-Besuch in der Marbach, die auch Privatpersonen bei Veränderungsprozessen betreut.

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Diese Situation hat auch bei der 55-Jährigen erst einmal einen Prozess angeschoben, den sie sonst immer ihren Coachees, also ihren Klienten rät. „Zu akzeptieren: So ist das jetzt. Das ist der erste Schritt und natürlich auch ein innerer Konflikt“, erklärt sie und ergänzt: „Aber ich schätze den Konflikt. Er hat viel Veränderungspotenzial.“

Auch Jutta-Anna Schroer hatte diesen inneren Konflikt und dabei festgestellt: „Ich möchte gar nicht mehr durch die Republik reisen, sondern mehr in Marburg und der Region bleiben.“ Und schon war der Prozess angeschoben. Denn durch die Pandemie wurde ihr auch ganz klar vor Augen geführt, dass Coaching auch digital funktioniert.

„Das hat nichts mit Esoterik zu tun“

Aber noch besser funktioniert ihre Arbeit, wenn sie mit ihren Klienten im Wald spazieren geht. „Das hat nichts mit Esoterik zu tun, aber der Wald wirkt auf unser körperliches wie emotionales Befinden“, hat sie festgestellt. Neben den medizinischen Aspekten wie Puls- und Blutdrucksenkung sowie die Reduzierung des Stresshormons Cortisol, bemerkt sie, dass die reine Luft, das Vogelgezwitscher, das satte Grün ihre Coachees entspannt. Sie kommen leichter ins Reden.

„Das alles mache ich mir zunutze“, freut sich die Marburgerin über die positiven Effekte eines einfachen Waldspaziergangs. Inzwischen macht sie etwa 30 Prozent ihrer Coachings im Wald: „Gehen, sprechen, denken, fühlen, reinhorchen. Schließlich hat schon Rousseau bekannt: Ich kann nur beim Gehen nachdenken. Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken.“

„Der Wald erdet“

Am Emil-von-Behring-Mausoleum wird immer Halt gemacht, die Sitzkissen rausgeholt und sich auf eine Treppenstufen gesetzt. „Die Klienten sind überrascht, wie gut das funktioniert und was das Ihnen auslöst“, berichtet sie und ist sich sicher. „Der Wald erdet, und damit wird das emotionale Erleben leichter zugänglich.“ Wie bei der berufstätigen Mutter, die beim Homeschooling und dem Arbeiten von zu Hause festgestellt hat, dass ihr Perfektionismus in der momentanen Situation nicht hilfreich ist.

„Aber genau dieser Konflikt ist es, der somit Lebensmuster verändert.“ Dabei nutzt Jutta-Anna Schroer den systemischen Ansatz, ist also ressourcen- und lösungsorientiert. Dabei geht es ihr in den Gesprächen vor allem um den Aufbau von Kompetenzen und natürlich auch, ihren Coachees ein paar Entspannungsübungen mit auf den Weg zu geben.

Von Katja Peters