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Marburg Schieben Sie Katastrophengedanken beiseite!
Marburg Schieben Sie Katastrophengedanken beiseite!
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09:00 11.03.2022
Die Ukraine-Hilfe der Stadt ist gut angelaufen.
Die Ukraine-Hilfe der Stadt ist gut angelaufen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Noch gibt es keine signifikant gestiegene Nachfrage nach psychotherapeutischen Behandlungen wegen des Ukraine-Krieges. Das berichten Mitglieder des Vereins PsyMa e.V., einer Vereinigung der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Marburg. Diplom-Psychologin Birgit Plitt ist Vorstandsmitglied gemeinsam mit Diplom-Psychologin Kerstin Kühl. Vereinsgründer Diplom-Psychologe Roland Stürmer und Plitt berichten im OP-Gespräch aber von vermehrten Anfragen wegen des Ukraine-Krieges und wegen Corona. Und: Die Therapien dauern länger, berichtet Stürmer.

Birgit Plitt rechnet kurzfristig nicht mit einem Ansturm von Gefürchteten aus der Ukraine auf die psychotherapeutischen Praxen. „Posttraumatische Belastungsstörungen treten meist Jahre nach dem eigentlichen Ereignis auf“, sagt Roland Stürmer.

Ein wesentlicher Grund für psychische Erkrankungen kann das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit angesichts der aktuellen Lage sein. Das könne ein Auslöser für Depressionen sein.

Unsere Emotionen werden im Gehirn gespeichert. Von dort aus nehmen sie Einfluss auf unser Leben, entziehen sich aber oft der Kontrolle. Das gilt für Prägungen aus frühester Kindheit, aber auch für spätere Erfahrungen. „Emotionales Gedächtnis“ nennen dies die Wissenschaftler, und in vielen Fällen kommt es darauf an, es zu aktivieren und sich bewusst zu machen.

Informationen kontrollieren

Birgit Plitt gibt Tipps zum Umgang mit den Kriegsnachrichten aus der Ukraine und mit Geflüchteten:

Informationen über das Geschehen kontrollieren. Plitt rät davon ab, sich den ganzen Tag durch die Nachrichtensendungen zu zappen. „Weniger ist mehr!“, sagt sie. Der Mensch könne längst nicht alle Informationen verarbeiten. Vor allem am späten Abend solle man den Nachrichtenkonsum einschränken, sich zudem vermehrt nicht-visuellen Medien zuwenden.

Plitt rät zudem, bewusst auch gute Nachrichten zu konsumieren – etwa über eine App mit „good news“.

Katastrophengedanken beiseiteschieben. „Verankern Sie sich im Hier und Jetzt!“, sagt Plitt. Sagen Sie sich: „Ich darf es mir gut gehen lassen“, genießen Sie bewusst die Natur. Konzentrieren Sie sich auf Aktivitäten, die mit Leichtigkeit verbunden sind. Lesen Sie nicht nur schwere Nachrichten, sondern auch leichte Literatur.

Werden Sie aktiv! Um dem Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit entgegenzuwirken, eignet sich ehrenamtliches Engagement für die Geflüchteten, ob als Einkaufshilfe, Alltagsbegleitung oder Ähnliches. „Durch aktives Handeln kommen Sie raus aus der Isolation“, so Plitt, „aktiv zu sein ist gut für die eigene Angst.“

„Mitleid allein genügt nicht immer“, sagt Birgit Plitt. Längst nicht alle Geflüchteten brauchen eine Psychotherapie, sondern in erster Linie Mitgefühl und praktische Hilfen. Dialoge in der Landessprache helfen da, wo sie möglich sind.

Für viele werden Glaube und Spiritualität wichtiger, sagt Plitt. „Lassen Sie das zu, gehen Sie zu einem Friedensgebet oder Ähnliches.“

Es gib kein Patentrezept, wie mit den eigenen Ängsten und denen der Geflüchteten umzugehen ist. Birgit Plitt rät generell, „Ja“ zu schönen Dingen zu sagen.

Hier gibt es Hilfe

Psychosozialer Kontakt und Beratungsstelle Marburg, Biegenstraße 7, 35037 Marburg, Telefon 06421/17699-34, psbk@bi-sozialpsychiatrie.de

Beratungsstelle Wetter; Klosterberg 13, 35083 Wetter, Telefon 06423/6042, bsr-wetter@bi-sozialpsychiatrie.de

Beratungszentrum Biedenkopf, Marktplatz 2, 35216 Biedenkopf. Telefon 06461/95240, der-treff@bi-sozialpsychiatrie.de

LOK Stadtallendorf, Teichwiesenstraße 1, Telefon 06428/1035, beratung@lok-stadtallendorf.de

Von Till Conrad

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