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Marburg Marburger Psychologe gegen Corona-Kontaktsperre
Marburg Marburger Psychologe gegen Corona-Kontaktsperre
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21:58 23.03.2020
Gesperrt wegen Corona-Krise: Für Spielplätze muss nach Ansicht des Sozialpsychologen Ulrich Wagner eine pragmatische Lösung gefunden werden. Quelle: Christian Charisius/dpa
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Marburg

Der Sozialpsychologie-Professor Ulrich Wagner spricht im OP-Interview über die Gefahr von Angst.

Was ist psychologisch der Sinn von Angst –und kann man sich mit ihr infizieren?

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Professor Ulrich Wagner:Angst dient dem Schutz. Angst ist ein Signal, das zeigt, dass etwas gefährlich sein könnte und dass es deshalb sinnvoll erscheint, sich von der Gefahr zurückzuziehen. Die Emotion Angst und die rationale Beurteilung unserer Umwelt laufen nicht immer parallel: Angst kann uns überwältigen, obwohl wir wissen, dass es eine geringe Wahrscheinlichkeit gibt, dass das uns beunruhigende Ereignis tatsächlich eintritt. Dann handeln wir angstgesteuert. Und so kommt es zu irrationalen Verhaltensweisen. Wenn man von diesem Mechanismus weiß, kann man ihn ein Stück weit steuern. Man kann sich aber auch mit Angst infizieren, in Hysterie reinsteigern.

Wenn auch in Salami-Taktik, so kam der große Anti-Corona-Schlag doch sehr plötzlich. Was hat das für Effekte?

Sie haben Recht: Zunächst kamen die politischen Botschaften aus Berlin und Wiesbaden so an, als würde Corona in Deutschland keine Probleme bereiten. Jetzt stellt sich heraus, dass die Infrastruktur im Gesundheitsbereich eben doch nicht auf das Coronavirus vorbereitet war. Jetzt gibt es politisch und behördenseitig diesen enormen Umschwung: Von erst sehr lasch auf mittlerweile äußerst harte, einschränkende Maßnahmen. Das sorgt für Verunsicherung und Bedrohungsgefühle. Dass sich Personalprobleme in Kliniken nicht schnell beheben lassen, leuchtet ja ein. Aber nicht, dass es Engpässe bei Schutzausrüstung, bei Technik und Tests gibt. Dem und vielen anderen nun auftretenden Problemen hätte man im Hinblick auf China vor zwei Monaten schon vorbeugen können und müssen.

Welche Rolle spielt Angst bei der aktuellen Corona-Bekämpfung und welche Folgen kann ein wochenlanger Ausnahmezustand haben – zumal wenn irgendwann bei Millionen Menschen der Lagerkoller einsetzt?

Aktuell greift die Politik die Corona-Pandemie fast nur unter naturwissenschaftlicher Perspektive auf. Aus medizinischen Überlegungen heraus scheint es gerade optimal, Menschen zu isolieren und Kontakte massiv einzuschränken. Auf Dauer wird eine so einseitige Betrachtungsweise aber nicht funktionieren, vielmehr kann es sogar gefährlich werden. Denn gerade in Krisenzeiten müssen wichtige und für die Menschen einschneidende Entscheidungen in ihren Auswirkungen auf die betroffenen Menschen hin begleitet werden.

Einsamkeit etwa ist etwas sehr Bedrückendes. Wir müssen aufpassen, dass am Ende nicht Menschen vor Einsamkeit in den Tod springen, weil die Corona-Epidemie gestoppt werden muss. Die Einsamkeit einer Rentnerin und ihr Corona-Erkrankungsrisiko kann man nicht formalistisch verrechnen. Aber man muss doch abwägen und darüber reden, was das richtige Maß ist, und gegebenenfalls nachsteuern.

Wenn es etwa darum geht, Spielplätze zu schließen, mag das epidemiologisch sinnvoll sein. Aber: Eltern können ihre Kinder nicht täglich 24 Stunden in der Wohnung festhalten. Es gilt, zügig pragmatische Lösungen zu finden – etwa die Spielplätze für Kleingruppen und etwa nach geraden/ungeraden Geburtstagen der Kinder zu öffnen.

Die von vielen im Internet als „social distancing“ fast gefeierte Vorgabe, umgehend soziale Kontakte zu vermeiden, dürfte auch tiefere Auswirkungen haben.

Die anfängliche Aufforderung, soziale Kontakte einzustellen, hat mich besorgt und verärgert. Auch das war allein von medizinischen Überlegungen getragen, die den gegenwärtigen Kurs dominieren. Die Botschaft, soziale Kontakte zu vermeiden, ist einfach falsch – und hat massive negative Folgen. Soziale Kontakte sind wichtig für unser Zusammenleben, wir brauchen den Austausch mit anderen, um Spaß miteinander zu haben, die Ansichten der Anderen kennen zu lernen und über unsere Ängste miteinander reden zu können.

Daher gilt: Wir müssen soziale Kontakte in diesen Zeiten eher ausbauen, aber in ihrer Qualität ändern. Das heißt zum Beispiel, das Telefon nutzen, Skypen und andere Formen des Austausches intensivieren. In der Oberstadt direkt nebeneinander auf der Bank zu sitzen, Fremde umarmen, geht gegenwärtig nicht. Richtig ist, dass wir medizinisch gesehen für eine Schutzwirkung einen Abstand von eineinhalb Metern zueinander brauchen. Das kann jeder einrichten. Dazu brauchen wir kein Ausgehverbot.

Niemand anderem schadet es, wenn wir auch in Corona-Epidemie-Zeiten im Wald spazieren gehen oder eine Radtour machen. Man muss sich eben an das Abstandsgebot halten und Vorbild sein, wie man sonst auch dann an einer roten Ampel stehenbleibt, wenn kein Auto kommt. Wir brauchen jetzt Nachdenken und Wachheit, um den Automatismus täglicher Gewohnheiten wie Händeschütteln oder Umarmungen und gewohnte Sprechdistanzen durch sehr einfache Verhaltensregeln zu ersetzen. Dafür sollten wir so weit wie möglich auf pauschale Verbote und Vorschriften wie Quarantäne verzichten und präzise, nachvollziehbare Verhaltensvorschläge bekommen. Klar und leicht Umsetzbares wie 1,5 Meter Abstand halten und nur in Begleitung von Personen aus dem eigenen Haushalt unterwegs sein.

Menschen müssen sich auch selbst gut tun, das geht mit Spaziergängen im Feld, aber nicht mit einem Verbot, die eigene Wohnung zu verlassen. Wir müssen physische Distanz halten, uns aber nicht sozial zurückziehen.

Dass auch in Marburg weiter doch einige in Gruppen unterwegs sind, dafür reicht ein Blick aus dem Fenster. Wieso fällt es vielen so schwer, die Tragweite des Virus und der Bekämpfung zu begreifen?

Menschen können gut linear denken, also in einem Wenn-dann-System. Aber exponentielle Verläufe, wie nun bei dem Virus – wo es dann eher heißt: heute einmal Kontakt mit einem infizierten Menschen und übermorgen dreißig weitere Infektionen – so etwas können Menschen nur mit hoher Konzentration nachvollziehen.

Dazu kommt noch der zeitliche Versatz: Was wir heute machen, etwa physische Distanz halten, wirkt sich erst in zwei, drei Wochen aus. Das ist wie bei Klimaschutzmaßnahmen durch Reduzierung des CO2 -Ausstoßes: Was wir heute anstellen, kommt in 20, 30 Jahren exponentiell zurück. Wir lassen uns in unserem Verhalten von solchen komplexen kausalen Zusammenhängen nur schwer beeinflussen.

Einfacher wird die Situation auch dadurch nicht, dass wir Menschen oft dazu neigen, die Konsequenzen unseres Verhaltens für uns selbst, nicht aber für andere zu bedenken. All das, diese Fehler in der menschlichen Informationsverarbeitung, tragen dazu bei, dass wir uns so unvernünftig und verantwortungslos verhalten wie Gruppen, die Corona-Partys feiern.

Wie kann es denn gelingen, diese hochgradige Verunsicherung zu minimieren?

Wir haben als Bürger gerade in hohem Maße den Eindruck, Kontrolle zu verlieren. Psychologisch ist Kontrollverlust ein ungünstiger Zustand, denn Menschen wollen zumindest den Eindruck haben, die Kontrolle zu haben. Alleine die Vorstellung, etwas ändern zu können, beruhigt: Der Zahnarzt sagt uns, wir sollten bei Schmerzen die Hand heben, er würde dann mit dem Bohren aufhören. Allein dieses Gefühl, die Situation kontrollieren zu können, macht unangenehme Situationen erträglicher – obgleich der Zahnarzt vielleicht gar nicht die Absicht hat, auf unser Armsignal zu reagieren.

Das Gefühl der Kontrolle drohen wir bei Corona gerade zu verlieren. Das Gefühl des Kontrollverlustes führt zu sehr unangenehmen Zuständen bis hin zur Depression. Deshalb wäre es individuell wie gesamtgesellschaftlich wichtig, eine Zeitperspektive zu haben: Zum Beispiel würde es sehr helfen, wenn wir aus Expertenmund erführen, bis zu einem bestimmten, möglichst überschaubaren Zeitpunkt mit der Ausnahmesituation leben zu müssen und das dann auf der Basis der vorliegenden Erkenntnisse erneut entscheiden oder schrittweise zu einem Normalzustand zurückkehren zu können. Das wäre ein Anreiz für uns alle, auch die Corona-Party-Aktivisten, uns anzustrengen und die Regeln zu einem physisch distanzierten Kontakt einzuhalten.

Von Björn Wisker

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