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Marburg War die Himmelsscheibe aus Nebra kein Einzelstück?
Marburg War die Himmelsscheibe aus Nebra kein Einzelstück?
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18:00 04.04.2022
Die Himmelsscheibe von Nebra steht in einer Glasvitrine in einer Ausstellung.
Die Himmelsscheibe von Nebra steht in einer Glasvitrine in einer Ausstellung. Quelle: Anne Pollmann/dpa
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Marburg

Über seine Recherchen berichtet der Hochschullehrer in der jüngsten Ausgabe der „Marburger Schriften aus dem Vorgeschichtlichen Seminar“.Kurz nach der Jahrtausendwende rief der Fund der Himmelsscheibe von Nebra erheblichen Wirbel hervor. Die runde Bronzeplatte wurde in Nebra bei Halle gefunden. Mit ihren goldenen Mond- und Sternsymbolen gilt sie als die älteste bekannte Darstellung des Nachthimmels mit seinen Gestirnen. Ein in Serie produzierter Alltagsgegenstand sei die Scheibe sicher nicht gewesen, betont der Marburger Archäologe. „Angesichts der lückenhaften Überlieferung mag das Stück singulär erscheinen“, sagt Müller-Karpe, „es gibt jedoch durchaus Hinweise darauf, dass es ursprünglich kein Einzelstück war.“

Herrschaftssymbole oder Kultobjekte

Im bronzezeitlichen Anatolien – also auf dem Gebiet der heutigen Türkei – seien Himmelsdarstellungen, auf denen Mondsichel sowie Sonne und Sterne zu sehen waren, auf runden scheiben- und schalenförmigen Objekten nachzuweisen. Diese Darstellungen seien als Abbild der Nacht beziehungsweise des Himmels bezeichnet worden.

Nach Darstellung von Professor Müller-Karpe seien Funktionen wie Herrschaftssymbole oder Kultobjekte als Symbole von Gottheiten, aber auch Gegenstände für die Verwendung bei Reinigungsritualen daraus abzuleiten.

Im Anatolien der Bronzezeit scheinen Himmelsdarstellungen sogar recht häufig gewesen zu sein, insbesondere als Ausstattung von Tempeln, wie zahlreiche Erwähnungen in Keilschrifttexten belegen. Es gab Abbildungen von Sonne, Mond und Sternen aber nicht nur in Form von Metallreliefs. So seien auch Brote in Gestalt von Himmelsscheiben bei Schwangerschafts- und Geburtsritualen genutzt worden.

Zwar sei es insgesamt überraschend, dass ein solches Objekt wie die Himmelsscheibe in Mitteldeutschland entdeckt worden sei. Dies gebe aber weder Anlass zur grundsätzlichen Revision des Bildes europäischer Bronzezeit-Kulturen noch Anlass zu Zweifeln an der Authentizität oder der bronzezeitlichen Datierung des Objektes.

Müller-Karpe zitiert ausführlich aus den überlieferten Schriftstücken, in denen er zahlreiche Hinweise auf Metallobjekte gefunden hat, die man sich wie die Himmelsscheibe von Nebra vorstellen kann: flache, runde Werkstücke mit applizierten Mondscheiben und Sternen.

Der Marburger Hochschullehrer argumentiert deshalb, dass auch die Himmelsscheibe von Nebra einen anatolischen Hintergrund haben könnte.

Denn die Machart des Funds unterscheidet sich erheblich von weiteren Artefakten, die zugleich mit ihm geborgen wurden. Dies waren beispielsweise Schwerter, die handwerklich viel aufwendiger gefertigt seien. Dies spreche dafür, dass die Himmelsscheibe aus einem anderen kulturellen Kontext stamme. Auch die Metallanalysen legten nichts anderes nahe, erklärt Müller-Karpe. Zwar gibt es in Anatolien bei weitem nicht so viele Ausgrabungsstätten wie in Mitteleuropa. Deswegen kennt man auch kein vergleichbares Metallfundstück, dafür aber eine Reihe von bronzezeitlichen Texten. Sie stammen aus großen Keilschriftarchiven.

Hintergrund

Die Himmelsscheibe ist einer der bedeutendsten archäologischen Funde des vergangenen Jahrhunderts. „Sie zeigt die weltweit älteste konkrete Darstellung astronomischer Phänomene, die wir kennen“, heißt es auf der Homepage des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle/Saale, in dem sie heute zu besichtigen ist. Elemente des Tag- und Nachthimmels vermischen sich vor einem abstrakten Sternennetz. Sonne und Mond werden aber nicht nur in ihrem Himmelslauf abgebildet, sondern auch erklärt. Zwischen den Horizonten erscheint ein Schiff in nächtlicher Fahrt über den Himmelsozean. Es ist hier zum ersten Mal als zentrales mythisches Symbol in Europa überliefert. Die Himmelsscheibe gibt uns einen Einblick in das Wissen unserer Vorfahren über den Weltenlauf und seine religiöse Deutung vor 3 600 Jahren.

Der Bedeutung der Himmelsscheibe von Nebra als älteste konkrete Darstellung kosmischer Phänomene trägt auch ihre Aufnahme in das Unesco-Dokumentenerbe „Memory of the World“ Rechnung, die im Juni 2013 erfolgte.

Von Manfred Hitzeroth