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Marburg Corona und die Auswirkungen auf die Jugend
Marburg Corona und die Auswirkungen auf die Jugend
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21:00 19.04.2020
In Corona-Zeiten ist die Marburger Oberstadt nahezu menschenleer, viele Treffpunkte junger Menschen sind geschlossen. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Am Montag (20. April) beginnt das Sommersemester an der Philipps-Universität, aber die Studierenden werden mutmaßlich anders als in allen anderen Jahren das Straßenbild nicht prägen. Die OP sprach mit dem emeritierten Marburger Rechtsextremismus- und Jugendforscher Professor Benno Hafeneger über Corona und die Auswirkungen auf die Jugend.

Die Zeiten von Corona haben vorübergehend das öffentliche Leben weitgehend stillgelegt, die allgemeine Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, und es ist aufgetragen, soziale Distanz zu wahren und Abstand zu halten. Wie beurteilen Sie den Kampf gegen Corona als Jugendforscher?

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Professor Dr. Benno Hafeneger: Es sind Maßnahmen ohne Beispiel in der Geschichte der Bundesrepublik und in vielen europäischen Ländern und weltweit. Diese haben für alle Bevölkerungsgruppen – von den Kindern bis zu den Senioren und Seniorinnen – gravierende Folgen und Konsequenzen.

Für die junge Generation bedeutet das, dass Schulen und Hochschulen, Jugendeinrichtungen und Freizeittreffs geschlossen sind, ebenso Kneipen, Sportplätze, Diskotheken, Shisha Bars sowie das gesellige Leben im öffentlichen Raum und auf der Straße. Es gibt vorübergehend keine gemeinsamen Face-to-face-Treffgelegenheiten und sozialen Kontakte unter Gleichaltrigen mehr; ein öffentliches Jugendleben findet nicht mehr statt.

Das geht jungen Leuten also nicht anders als allen anderen?

Die lange und differenzierte Jugendzeit ist eine besondere Entwicklungs- und Übergangszeit, in der die junge Generation ihre adoleszente Dynamik ausleben und ihre Lebensthemen kommunizieren will und muss. Dabei ist die zentrale Herausforderung, dass es gelingt, die Entwicklungsphasen bezogenen kognitiven Herausforderungen und zugehörigen Gefühlswelten zu integrieren und zu bewältigen. Damit dies gelingt, brauchen Jugendliche neben Erwachsenen immer auch Gleichaltrige, mit denen sie ihre Lebensthemen innerhalb ihrer Generation kommunizieren können, mit denen sie sich messen können und die sie spiegeln; mit denen sie streiten können und lernen, die Jugendzeit gemeinsam sinnvoll zu verbringen.

Es ist weiter die Körperkommunikation, verbunden mit physischer Nähe und Formen des körperlichen Kontaktes bzw. von Berührungen, das vertraute Unter-sich und Zusammen-sein, die jugendlichen Lebenswelten, in denen man was unternimmt und in denen experimentiert wird; in denen man Rituale lebt, seine Kräfte misst und Grenzen (verbunden mit Spannungssteigerungen und Erregungssuche) ausgetestet sowie erotisch-sexuelle Beziehungen gesucht und gelebt werden.

Zu den weiteren Folgen zählen, dass für Schüler und Schülerinnen sowie für Studenten und Studentinnen die vielen Jobs unter anderem in der Gastronomie wegfallen, die für die Finanzierung des Lebens und des Studiums bedeutsam sind. Und schließlich sind es auch die spontanen oder geplanten Reisen an Wochenenden, in den (Semester-)Ferien, im Übergang von Abitur ins Studium oder in die Bufdi-Zeit, die nun nicht möglich und mit Enttäuschungen verbunden sind.

Erwachsene können Umgang mit Gleichaltrigen nicht ersetzen

Warum ist es so schlimm, eine Zeit lang seine Zeit mit Erwachsenen zu verbringen?

Die genannten spezifischen Leistungen und adoleszenten Erfahrungen können nur von Gleichaltrigen mit ihren Gesellungsformen und in adoleszenten Räumen erbracht und gelebt werden, Erwachsene können sie nicht ersetzen. Wenn das Jugendleben in seiner Entwicklung von Sozialität und Identität gelingen soll, dann muss die Jugendzeit mit all ihren Ambivalenzen und Suchprozessen gelebt werden können. Dabei sind Jugendliche auf Spiegelung, Anerkennung und Resonanz sowohl von begleitenden und Halt sowie relative Sicherheit gebenden Erwachsenen als auch von und unter Gleichaltrigen angewiesen.

Nun sind solche Möglichkeiten, Gelegenheiten und Erlebniswelten des Aktiv-sein-Könnens über mehrere Wochen oder gar Monate reduziert und zum Teil still gestellt. Wie ist die junge Generation in die derzeitige Themen- und Gedankenfixierung auf „Corona“ eingebunden?

Sie kann ihr nicht entkommen und bindet ihren Alltag, ihre Gedanken und Gefühle. Jugendliche sind in ihrer Entwicklungszeit durchaus mit Sorgen und Ängsten, mit Ungewissheit und Unsicherheit sowie existenziellen Fragen konfrontiert. Neu ist die Erfahrung mit einem übermächtigen Themen- und Realitätsdruck umzugehen, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und quer zu den adoleszenten Dynamiken und Themen liegt. Themen der jungen Generation waren und sind immer auch an eine gestaltbare, positiv besetzte Zukunft und an differenziert auslebbare soziale Welten und Gefühlswelten gebunden.

Eine Krisenerfahrung, für die es keine Blaupause gibt

Die Krise ist nicht draußen und weit weg, sondern betrifft uns direkt, und wir wissen nicht, welchen Ausgang sie nimmt und welche Folgen sie hat. Welche Auswirkungen hat diese Lebenserfahrung auf die junge Generation?

Die junge Generation wird mit einer Krisenerfahrung, mit Risiken und Ungewissheiten in einem neuen Alltag konfrontiert, die sie so noch nicht erlebt hat, für die es keine Blaupause gibt und die sie vor allem auch emotional bewältigen muss. Das gilt für den Umgang mit den eigenen und im sozialen Nahbereich erlebten sowie medienvermittelten Gefühlswelten; aber auch für die rationalen und irrationalen Deutungsangebote.

Wie nutzt die Jugend ihr derzeitiges ungewöhnliches Zeitbudget?

DIE Jugend gibt es nicht, sondern Jugenden im Plural mit allen ihren altersbezogenen, sozialen und kulturellen Differenzierungen. Dazu zählen die unterschiedlichen Lebens- und Wohnbedingungen, häuslichen und materiellen Ressourcen sowie die Zeitbudgets von Erwachsenen mit mehr oder weniger schützenden Umgebungen und sicheren Beziehungen.

Bei der Frage, wie Jugendliche mit dieser Situation umgehen und ihr ungewöhnliches Zeitbudget nutzen, zeigen sich im Alltag neben der Zeit für Home Schooling vor allem die vier Beobachtungen:

Es sind erstens die Medien und digitalen Welten der Rezeption, des Spielens und der Kommunikation, mit der Möglichkeit mit Freunden und ihren Netzwerken in Verbindung zu bleiben und digitale Gemeinschaftserfahrungen zu organisieren;

zweitens sind es spazieren gehen und der individualisierte Sport wie Radfahren und Joggen in der Natur, in Parks und an Flussläufen;

drittens sind es neue Arrangements im privaten Leben, wie die Nutzung von Räumen für Hobbys, Kultur und Sport;

dann ist es viertens die mehr verbrachte gemeinsame Zeit und Mithilfe in der Familie bzw. in familiären Beziehungen.

Dabei gilt generell, dass Jugendliche in ihrer Zeitverwendung zunächst ihren Gewohnheiten, Routinen und ihren Kompetenzen und dann auch ihrem kreativen Potential folgen.

Corona hat diese neuen Formen der Lebensführung und neue Zeitstruktur erzwungen. Die Frage ist, ob es Jugendlichen physisch und emotional gelingt, ihr mit einem strukturierten Alltag subjektiv Sinn abzugewinnen, sie als produktiv zu empfinden und auch im Alleinsein zu nutzen.

Die andere Erfahrung wäre, eine subjektiv nutzlose und verlorene oder gar prekäre Zeit, verbunden mit einem Durchhangeln und Langeweile, mit Ärger und Stress, zu erleben.

Rechnen Sie damit, dass nach der Corona-Pandemie für junge Leute alles so wird wie vorher?

Ich denke, es ist eine nachhaltige Erfahrung, die zu mehr Nachdenklichkeit führt. Vor allem wurde deutlich, wie unsicher und ungewiss das Leben und die Zukunft sind; das gilt auch für unser Wissen über unser Nichtwissen, mit dem wir leben müssen. Auch im Alltagsleben wird sich wohl einiges verändern, das gilt für das hygienische Verhalten bis zu einem sensibleren Umgang miteinander und die Pflege von Freundschaften und sozialen Beziehungen.

Von Till Conrad

19.04.2020
19.04.2020
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