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Marburg Historiker fordert anderen Umgang mit dem Erfinder der Dolchstoßlegende
Marburg Historiker fordert anderen Umgang mit dem Erfinder der Dolchstoßlegende
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18:00 28.03.2022
Professor Eckart Conze kritisiert die Arbeit der Landeszentrale für politische Bildung.
Professor Eckart Conze kritisiert die Arbeit der Landeszentrale für politische Bildung. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Was haben die Frankfurter Paulskirche, die „Brücken der Einheit“ zwischen Hessen und Thüringen und das Grab des früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, Generalfeldmarschall im Ersten Weltkrieg, einer der Erfinder der Dolchstoßlegende und als Reichspräsident ab 1925 der Wegbereiter für die Machtübernahme im Januar 1933 durch die NSDAP, gemeinsam? Sie alle sind in einer Aufzählung von insgesamt zehn „positiven Orten der Demokratiegeschichte“ gelistet, die die „Hessische Landeszentrale für politische Bildung“ auf ihrer Online-Präsenz veröffentlicht hat. Die „Hessische Landeszentrale für politische Bildung“ ist eine Einrichtung des Landes Hessen und unmittelbar dem Hessischen Ministerpräsidenten zugeordnet. Als einzige hessische Einrichtung leistet sie politische Bildungsarbeit im öffentlichen Auftrag. Die HLZ ist in ihrer inhaltlichen Arbeit frei und politisch unabhängig. Ein Kuratorium aus neun Landtagsabgeordneten aller Parteien gewährleistet diese überparteiliche Arbeit. Als einen „Skandal“ bezeichnet der Marburger Neuhistoriker Professor Eckart Conze die Berücksichtigung von Hindenburg in der Liste. Conze ist unter anderem Co-Direktor des Internationalen Forschungs- und Dokumentationszentrums Kriegsverbrecherprozesse (ICWC) der Universität Marburg.

„Die Begründung, Hindenburg sei ,der einzige nach den Setzungen der Weimarer Verfassung direkt vom Volk gewählte, demokratisch legitimierte Reichspräsident der Weimarer Republik’, ist hanebüchen“, kritisiert Conze. „Hier wird ein Mann gewürdigt, der im Ersten Weltkrieg den Tod von Millionen Menschen zu verantworten hatte, der als Chef der Obersten Heeresleitung alle Friedensbemühungen hintertrieb, der nach 1918 mit der durch ihn in die Welt gesetzten Dolchstoßlegende die Weimarer Demokratie schwer belastet und zu ihrem Scheitern beigetragen hat, der in den Jahren seiner Reichspräsidentschaft an ihrer Zerstörung mitgewirkt hat, der 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannt und damit den Nationalsozialisten die Macht übertragen hat und der bis zu seinem Tod an der Stabilisierung der Nazi-Herrschaft mitgewirkt hat.“

Historiker macht sich stark für eine andere Erinnerungskultur

Conze fordert die Entfernung des Hindenburg-Grabs aus der Liste. „Es gibt in Hessen eine Reihe von Orten, die geeigneter sind“, sagt er. Er versteht nicht, warum die Kontroll- und Beratungsmechanismen der Landeszentrale „versagt“ haben.

Der Historiker macht sich stark für eine andere Erinnerungskultur. Es gehe – auch in Marburg – um die Frage, wie mit dem historischen Erbe im Sinne von demokratischer Bildung umgegangen werden soll. „Man muss beim Hindenburg-Grab die Aura einer möglichen Heroisierung brechen“, sagt Conze.

Ihm schwebt ein „kritisch-kreativer Umgang“ mit dem Grab in der Elisabethkirche vor, vergleichbar mit dem Umgang mit dem dann umgestalteten Denkmal der Marburger Jäger im Schülerpark. Das Denkmal der Marburger Jäger ist nach Beschluss der Stadtverordnetenversammlung von einem Künstler umgestaltet worden und stellt nun ein Denkmal für die Opfer der Gräueltaten des früheren Kurhessischen Jägerbataillons Nr. 11 dar. „Stadt, Kirche, Universität, die Stadtgesellschaft und Organisationen wie Geschichtswerkstatt und Geschichtsverein sollen sich zusammensetzen und ein Konzept für ein kritisches Gedenken und den richtigen Umgang mit dem Hindenburg-Grab ausarbeiten“, fordert Conze. „Es nützt nichts, das Grab einfach verschwinden zu lassen, besser ist es, seine Aussage zu brechen und zu problematisieren.“

Von Till Conrad

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